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Aus Trauer und Schmerz geboren

Die Sommerausstellung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel widmet sich erstmals in der Schweiz dem Werk der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo: Hintergründig, politisch und poetisch.

In einem Gespräch sagte Doris Salcedo, ihr Werk entstehe aus dem Elend. Mit ihren Arbeiten will sie das Publikum in Museen, Galerien, aber auch die Passanten in den Strassen, wo sie eine Installation machen konnte, dazu bringen, den Schmerz und die Trauer zu sehen und zu begreifen.

Plegaria Muda, 2008–10. Collection of the artist © Doris Salcedo. Foto: © White Cube (Patrizia Tocci)

Memento mori – Gedenke der Toten – heisst für die kolumbianische Künstlerin die Trauer, um die gewaltsam zu Tode Gekommenen, die Gefolterten, die Vertriebenen, die Ermordeten und Verschwundenen in Erinnerung zu rufen. Ihre Objekte und Installationen sind den Verletzungen und Versehrungen der Geknechteten und gewaltsam Getöteten eine Gedenkstätte. Denn für sie war schon als sie aufwuchs die ständig aufbrechende Gewalt ein Teil des Alltags, nicht in ihrer Familie, aber in der Gesellschaft. Sie kam 1958 zur Welt, der brutale Bürgerkrieg zwischen dem Regime mit der Armee und den FARC-Rebellen brach 1964 los.

A Flor de Piel II. Detail. Rosenblütenblätter und Garn. © Doris Salcedo, Foto: Patrizia Tocci

Diese Ausstellung in einem der schönsten Museen ist ein Paradoxon, denn die Arbeiten von Salcedo sind alles andere als feierlich oder gar freundlich. Sie beziehen sich auf institutionelle Gewalt, auf Massaker und Genozide. Zunächst strahlen sie Ruhe und Serenität aus, erst beim Näherkommen bekommt das Furchtbare Gestalt.

Installationsansicht «Doris Salcedo» in der Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2023. © Doris Salcedo. Foto: Mark Niedermann

Wenn von politischer Kunst die Rede ist, ist dieselbe oft eher gut gemeint als gut. Das trifft bei Salcedo überhaupt nicht zu. Sie will nicht mit einer politischen Botschaft überzeugen, im Zentrum ihrer künstlerischen Praxis stehen tief menschliche Empfindungen wie Trauer und Mitgefühl, Erinnern und Vergessen.

Der Umsetzung in die künstlerische Praxis liegen konkrete Ereignisse zugrunde. Doris Salcedo macht zur Basis, was sie miterleben muss – sei es persönlich, sei es als Nachricht über das Schreckliche, was universal und überall immer wieder von den einen den anderen angetan wird. Sie recherchiert, dokumentiert und beschreibt, bevor sie den richtigen Ausdruck in ihrer Kunst dafür findet.

Palimpsest, 2013–2017. Installationsansicht Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2022. Courtesy of Doris Salcedo and White Cube © Doris Salcedo. Foto: Mark Niedermann

Seit fast einem Jahr ist die umfangreichste Arbeit im gössten Raum der Fondation Beyeler ausgestellt: Palimpsest präsentiert sich als riesige graue Fläche, deren Sinn sich nicht so offensichtlich erschliesst. Wer nur kurz hinschaut, sieht Grau in Grau vor allem arabische Frauen- und Männernamen. Wer sich Zeit nimmt, dem erscheinen da und dort andere Namen, geschrieben mit Wasser, die auch wieder im Grau des Bodens versickern: Palimpseste werden Pergamente vor der Erfindung des Papiers genannt, die gereinigt und dann wieder beschrieben wurden, wobei die früheren Schreibschichten nie ganz ausgelöscht werden konnten.

Palimpsest. Detailansicht. Foto: Anna-Barbara Neumann

Die Hunderte von Namen gehörten Flüchtlingen, welche versuchten, übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen, und es nicht geschafft haben. Ihr Ertrinkungstod ist vielleicht kurz in den Schlagzeilen, die einzelnen Menschen dagegen, Frauen, Männer und Kinder, sind höchstens in der Gesamtzahl wichtig. Ihnen und den vielen Namenlosen, die in den letzten 20 Jahren ebenso ertrunken sind, ist Salcedos Palimpsest eine Gedenkstätte.

Doris Salcedo im Gespräch mit dem britischen Kunsthistoriker Nick Serota in der Fondation Beyeler am 4. Juni 2023. Screenshot.

Doris Salcedo (1958) absolviert eine Kunstausbildung in der Heimat, bevor sie eine Weltreise macht und in New York Bildhauerei studiert. Gleich nach der Ausbildung kehrt sie zurück, lehrt an der Universität. Sie wird bald weltweit bekannt und mit Preisen geehrt.

Auf zwei Massaker in Chiquita-Bananenplantagen beziehen sich die blütenweißen Hemden, stapelweise in Reihen, je eingegipst und durchbohrt von einer Eisenstange. Sie sind umgeben von eisernen Bettstellen. Der Raum erinnert an ein verlassenes Spital. Und an gewaltsam zu Tode gekommene Arbeiter, die zwar statistisch erfasst wurden, deren Namen jedoch nicht von Belang sind.

Untitled, 1989–2014. Collection of the artist © Doris Salcedo, Foto: Oscar Monsalve Pino

Salcedo verwendet in ihren Arbeiten Alltagsgegenstände, alte Schränke, ausbetoniert, oder Tische, gebrauchte Kleidungsstücke. Oder sie füllt mit über 1500 Stühlen in der Abbruchlücke einer Häuserzeile eine Lücke in der Erinnerung aus: Die Vertreibung der Armenier und Juden aus Istanbul aus Anlass der 8. Internationalen Istanbul-Biennale 2003. Grosse Landmark-Installationen sind im Katalog dokumentiert. Die Zerbrechlichkeit des Lebens darzustellen, kann Salcedo auch im kleinen museumsgerechten Format: Ausgangspunkt von A Flor de Piel, einem filigranen Gewebe aus Hunderten zusammengenähten Rosenblättern ist das Verbrechen an einer kolumbianischen Krankenschwester, die zu Tode gefoltert, deren sterbliche Überreste jedoch nie gefunden wurden.

Installationsansicht «Doris Salcedo» in der Fondation Beyeler, Riehen/Basel, 2023. © Doris Salcedo Foto: Mark Niedermann

Atrabiliarios ist eine Sammlung getragener Schuhe, paarweise in die Ausstellungswand eingelassen und mit einer halbtransparenten Kuhhaut verschlossen: Eine Erinnerung an kolumbianische Frauen, die Opfer spurlosen Verschwindens wurden. Salcedos Installationen sind anschaulich und erschliessen sich beim Hinsehen ohne Lektüre langer Texte: Beispielsweise Plegaria muda, eine Raum voller Holztische in der Grösse eines Sargs: Ein Tisch steht kopfüber auf dem andern, dazwischen hat Salcedo eine Schicht Erde verteilt. Aus dieser Erde wachsen durch Ritzen im oberen Tisch einzelne Gräser – vielleicht Zeichen der Hoffnung, sicher Zeichen der Verbindung von Täter und Opfer – Paare, die untrennbar verbunden bleiben, aber auch das Leid der kolumbianischen Mütter, die in Massengräbern nach ihren Söhnen suchen, und letztlich die Botschaft, dass das Leben trotzdem weitergeht.

Doris Salcedo erfindet poetische Bilder für politische Herrschaftssysteme, einer ihrer geistigen Väter ist der Dichter Paul Celan. Die Pflicht der Kunst sei es, sagt sie, das gewalttätige Morden, den Kolonialismus und die Sklaverei samt den Folgen sichtbar zu machen.

Titelbild: Palimpsest, Detail. Foto: © Anna-Barbara Neumann
Bis 17. September
Mehr Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.
Ein Katalog mit Beiträgen von Fiona Hesse, Seloua Luste Boulbina und Mary Schneider Enriquez sowie einem Vorwort von Sam Keller und Gedichten von Ocean Vuong ist im
Hatje Cantz Verlag, Berlin erschienen. (englisch oder deutsch)

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