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Die verschwundene Sonnenbrille

Eine Anekdote, die sich an einem heissen Sommertag so zugetragen hat.

Am Murtensee kenne ich ein beliebtes kleines Selbstbedienungsrestaurant, wo man angenehm sitzt und lauter kleine Leckereien geniessen kann. Dort hatte ich mich mit einer Freundin verabredet. Als ich ankam, sass sie schon da. Also ging ich schnell hinein, um Kaffee und eine Süssigkeit zu holen.

Vor mir war ein älterer Mann. Wir standen an der Theke, er bestellte, ich musste mich noch entscheiden, was ich wollte. Deshalb trat ich drei Schritte zurück an die Vitrine. Meine Sonnenbrille hatte ich solange auf die Theke gelegt. Dann war ich mit meinem Wunsch an der Reihe. Wo ich vorher an der Theke gestanden hatte, fand ich meine Sonnenbrille nicht mehr. Das verwirrte mich. Wo sollte sie denn sein! Irgendwo auf die Seite gerutscht? Runtergefallen? Es gab gar nicht so viele Möglichkeiten. Und die Bedienung hinter der Theke wurde nervös, als sie meine hektische Suche sah. Sie vermutete wohl, ich würde noch mehr Unruhe stiften, was ich nicht vorhatte.

Ein Sonntagsdessert oder eine Brille

Ich ging also etwas bedrückt zu meiner Freundin, erzählte ihr, dass meine Sonnenbrille verschwunden war. Es ist eine Brille mit geschliffenen Gläsern, die mir vor allem zum Autofahren sehr nützlich ist. Immerhin hatte ich im Auto eine Ersatzbrille. Sorgen, ich könnte nicht mehr heimfahren, musste ich mir keine machen.

Die unauffindbare Sonnenbrille beschäftigte mich weiterhin, meine Freundin bekam nur einen Teil meiner Aufmerksamkeit, und Kaffee und Kuchen schmeckten nur halb so gut wie bei früheren Besuchen.

Das Städtchen Murten vom gleichnamigen See aus

Die Frage, wo meine Brille geblieben war, ging mir nicht aus dem Kopf. Ich beschrieb meiner Freundin die Situation an der Theke, der ältere Mann links, ich in der Mitte, vor mir die abgelegte Brille. «Und wenn der Mann die Brille versehentlich mitgenommen hat», fragte meine Freundin.

Sie sprach aus, was ich schon gedacht hatte. Mir war das enorm peinlich. Ich sah den Mann von unserem Tisch aus, er war in Begleitung einer ebenfalls älteren Frau. Ich konnte doch nicht zu wildfremden Leuten gehen und fragen: «Haben Sie meine Sonnenbrille mitgenommen?» – «Probier’s», meinte meine Freundin, «du kannst ja höflich und zurückhaltend fragen.»

Keine Peinlichkeit, bitte!

Das war der Kick, den ich gebraucht hatte. Ich stand auf und fast im gleichen Moment – wie verabredet, hatten die beiden wohl beschlossen, weiterzugehen. Ich kam bei ihrem Tisch an, als die Frau – sie wirkte sehr freundlich -, gerade aufgestanden war. Als sie mich sah, erklärte sie mir, dass sie auf ihren Mann ein bisschen aufpassen müsse. – Dabei wusste sie doch von der Brille gar nichts, dachte ich im Stillen.

Ich sah den Mann von schräg hinten und bemerkte: Eine Sonnenbrille hatte er auf der Nase und eine andere, unterschiedliche, angehängt am Hemd. Als ich ihn fragte, ruhig und freundlich, nahm er die Sonnenbrille umstandslos ab, reichte sie mir mit den Worten: «Ach, habe ich die vorhin mitgenommen?»

Ich bedankte mich und war glücklich, denn in der Tat, es war meine schmerzlich vermisste Sonnenbrille. Die beiden gingen mit vorsichtigen Schritten weg. – Weshalb nicht einmal einem der beiden alten Menschen aufgefallen war, dass der Mann plötzlich zwei Sonnenbrillen hatte, das bleibt ein Rätsel.

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