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Besuch in der «Villa Grock»

Nicht in der Schweiz, sondern im ligurischen Imperia hat Clown Grock (1880-1959) seinen Lebensabend verbracht. Sein Nachlass ging unlängst an das «Neue Museum» in Biel. Seniorweb hat Grocks Villa in Imperia besucht.

Der grösste Musikclown aller Zeiten ist im Internet-Zeitalter etwas in Vergessenheit geraten. Nicht so in Ligurien: In der italienischen Provinzstadt Imperia erinnern eine Villa und ein idyllischer Park an den Schweizer Künstler.

Grocks Clowngesicht ziert das Türmchen der Villa.

Die Hafenstadt lernte Grock im Jahre 1920 anlässlich eines Besuchs bei seinen Schwiegereltern kennen, die dort ihre Ferien verbrachten. Er zeigte sich von der „Blumenküste“ so beeindruckt, dass er ein Grundstück sowie ein Haus, die «Villa Bianchi», erwarb. Letztere musste ab 1927 einem neubarocken Gebäude, der «Villa Grock», weichen.  Der Clown entwarf sowohl den Bau als auch den einem Zirkus nachempfundenen Park selber.

Grock leitete das von Armando Brignole ausgeführte Projekt, deshalb ist die Originalität dieser schwer definierbaren Villa nicht überraschend. Anstatt des Versuchs, sie einem bestimmten Stil zuzuordnen, darf man die Villa als eine Art Selbstportrait betrachten, Ausdruck einer spielerischen sowie ausserordentlich kreativen Persönlichkeit.

Im Filmsaal werden die besten Ausschnitte aus Grocks Auftritten gezeigt.

Haus und Garten erinnern an die Lebenslust, Leichtigkeit und an das berühmte melancholische Lächeln des Künstlers. Den Turm, den Brunnen und den Vorplatz zum Atelier ziert das Clowngesicht, das auch auf vielen Steinblöcken und Säulen zu finden ist. Die Decke unter den Arkaden über dem Eingang hat Grock selbst gezeichnet. Sie erinnert an ein Zirkuszelt.

Zirkusimpressionen über dem Haupteingang

Im Gebäude selber lädt ein Filmsaal zur Visionierung historischer Aufnahmen ein. In den oberen Stockwerken können sich Kinder und Erwachsene mit kleinen Kunststücken als Clowns versuchen. An den Wänden hängen historische Fotos aus der langen Karriere des Künstlers.

Der Park ist einem klassischen Zirkus nachempfunden.

Die von der Stadt Imperia im Jahre 2002 erworbene Villa ist seit 2010 für die Öffentlichkeit zugänglich. Durch die umfassende, originalgetreue Sanierung der herrschaftlichen Etagen wurde dem gesamten raffinierten Reichtum des Anwesens zu neuem Glanz verholfen. Dank der vollständigen Wiederherstellung der Flora und Strukturen des Parks ist es heute auch möglich, die von Grock, dem eine grosse Leidenschaft für Pflanzen nachgesagt wird, selbstgeschaffene Atmosphäre zu entdecken.

Als Gesamtstruktur spiegelt der Park die typische Vegetation traditioneller Gärten der italienischen Riviera wieder. Die abgegrenzten Wege laden zu Spaziergängen ein, während alles um die hohen Säulen, die kühnen Bögen, die unvergleichlichen Dekorationen, die Brunnen und den kleinen See mit orientalisch anmutendem Brücklein wie ein Teil einer malerischen, märchenhaften Inszenierung wirkt. Der Palast diente dem Clown und dessen Ehefrau bis zum Ableben als fester Wohnsitz.

Geboren im Berner Jura

Grock – mit bürgerlichem Namen Adrien Wettach – stammte aus Reconvilier (Berner Jura) und hatte seine ersten Auftritte im Restaurant «Paradiesli» in Biel. Im Oktober 1903 arbeitete Wettach als „Dummer August“ im Schweizer National-Zirkus. Als er Partner des damals berühmten Clowns Brick wurde, erhielt er seinen Namen verpasst: Grock. – „Brick und Grock“: das klang gut.

Grocks Markenzeichen: seine riesigen Schlappschuhe.

In den folgenden Jahren feierte Grock Erfolge in London, Paris und Berlin ebenso wie in Russland, in den Ländern Nordafrikas und in Nord- und Südamerika. Als Charlie Chaplin Grock 1931 traf, sagte er zu ihm: «Wenn ich der beste Komiker auf der Leinwand bin, dann bist du der grösste auf der Bühne», erinnert sich Grocks Grossneffe Raymond Naef.

Im Laufe seiner Karriere war Grock Clown, Pantomime, Jongleur, Seiltänzer, Akrobat. Er beherrschte 15 Musikinstrumente, spielte virtuos Violine, Klavier, Konzertina, Saxophon, Klarinette, Akkordeon und Gitarre und komponierte zudem Lieder und Solostücke für Akkordeon und Klavier. Grock sprach sechs Sprachen, neben seiner Muttersprache Französisch fliessend Englisch und Italienisch, Deutsch, Spanisch und Ungarisch. Die Universität Budapest verlieh im die Ehrendoktorwürde.

Das Publikum in aller Welt verzauberte er mit seinem Charme. Sein Humor wirkte nie abgedroschen, und nie machte er sich über sein Publikum lustig. Im Gegenteil: Zum Lachen brachte er die Leute mit seinem ausgeprägten Sinn für Situationskomik.

«Waruuuuuum?». «Nit möööööglich!».

Riesige Schlappschuhe, Schlabberhose und eine winzige Geige waren seine Markenzeichen ebenso wie sein in allen Tonarten hervorgebrachtes «Waruuuuuum?», gefolgt von einem «Nit möööööglich!», ausgestossen in grösster Naivität und bodenlosem Erstaunen. Legendär war auch sein Stuhlsprung, bei dem er sich, die Geige in der Hand, in seinen übergrossen Schuhen vom Stand im durchgebrochenen Stuhl aus, auf die Stuhllehne setzte.

Hitlers Glückwünsche

Ein Schatten liegt über Grocks Verhältnis zu den Nationalsozialisten: 1934 beglückwünschte ihn Hitler in München: Der Führer habe sich Grocks Vorstellung nicht weniger als dreizehn Mal angesehen, schrieb der Clown in seinen Memoiren. Als Grock von Hitler eine ihm gewidmete Führer- Fotografie entgegennahm, löste er bei seinen Verwandten und Freunden eine Welle der Entrüstung aus. 1938, als Deutschland von ihm den Ariernachweis verlangte, zog er sich nach Italien zurück, trat aber zwei Jahre später auf Wunsch des deutschen Propagandaministers Joseph Goebbels in Kriegslazaretten auf.

Nach dem Krieg setzte Grock seine Tourneen erfolgreich fort, wurde aber von den Medien beschuldigt, mit den Nazis kollaboriert zu haben. 1951 eröffnete er seinen eigenen Zirkus mit einem Zelt, das 4500 Personen fasste.

In Hamburg gab Grock seine Abschiedsvorstellung. Dann zog er sich an die italienische Riviera zurück, wo er am 14. Juli 1959 starb. Eine offizielle letzte Ruhestätte hat Grock keine. Eine Ausstreuung der Asche im Meer war nicht möglich. Angeblich verschwand die Urne nach dem Tod seiner Ehefrau aus der Villa, die exzessiv geplündert wurde. Ein Rundgangleiter in Imperia glaubt jedoch zu wissen, dass Grocks Asche in aller Stille im Park unter einer Palme beigesetzt wurde.


Einheimische wollen wissen, dass Grocks Asche unter dieser Palme beigesetzt wurde.

Vergangenheit klären

Unlängst wurde bekannt, dass das Neue Museum/Nouveau Musée von Biel-Bienne Grocks Nachlass, eine umfangreiche Sammlung von Objekten und Dokumenten, erhält. Dazu gehören viele von Grocks Instrumenten, seine berühmte rotweiss-karierte Hose und andere Kostümteile. Aber auch Schallplatten, Kompositionen und Originalfotos werden nun vom Museum inventarisiert. Ein kostbarer, aber auch problematischer Nachlass.

Seine Auftritte in Nazi-Deutschland nach 1933 brachten Grock harte Kritik. Noch mitten im Zweiten Weltkrieg trat er in Berlin für die Organisation «Kraft durch Freude» auf und schickte Adolf Hitler ein Telegramm mit «herzlichsten Wünschen zu Weihnachten», wie die «NZZ am Sonntag» im Mai 2023 schrieb.

Grocks Mini-Violine.

«Es ist eine wichtige Sammlung, die wir erhalten», sagte die Museums-Direktorin Bernadette Walter gegenüber dem «Journal du Jura». Sie bezeichnete die Objekte des Künstlers als ikonisch. Für Walter ist klar, «dass wir an seinen Verbindungen zum Nazi-Regime arbeiten und forschen müssen, denn vieles ist noch lückenhaft. Wir werden das sicher nicht unter den Teppich kehren.» In der neuen Dauerausstellung soll Grock auch einen Platz unter den «Bieler Köpfen» erhalten. «Es ist unsere Verantwortung. Es ist absolut notwendig, die offenen Fragen zu klären, bevor wir eine Grock-Ausstellung eröffnen,» sagt Walter gegenüber AFP.

Laut dem «Journal du Jura» hatte Grocks Grossneffe, der Zürcher Grafikdesigner Raymond Naef, bereits 2002 eine Ausstellung über den Clown zusammengestellt. Der 74-Jährige äusserte damals den Wunsch, dass alle Gegenstände für wissenschaftliche Zwecke und Forschung zugänglich bleiben sollen.

Signierte Fotos von Adolf Hitler

Eine mögliche neue Ausstellung in Biel würde zweifellos mehr Licht auf Grocks Beziehung zu den Nationalsozialisten werfen. Obwohl er zu seiner Zeit der grösste Komiker auf der Bühne war, positionierte sich Grock im Gegensatz zu Charlie Chaplin nicht eindeutig gegen Adolf Hitler.

Als Grock 1938 seine Zugehörigkeit zur arischen Rasse habe nachweisen müssen, habe dies seinen Enthusiasmus gedämpft. Auf Wunsch des deutschen Propagandaministers Joseph Goebbels sei er jedoch weiterhin in deutschen Kriegslazaretten aufgetreten. Der Künstler war laut der Direktorin des Museums «vor allem ein Opportunist».

Grocks Autobiografie endet so: «Gäbe es eine Wiedergeburt und man könnte sich wünschen, als was man wiedergeboren würde, so gäbe es für mich nur eins: Ich würde wieder Grock – ein Clown.»

Titelbild: Villa und Park. Grocks letzter Wohnsitz, heute ein Clown-Museum. Fotos PS

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1 Kommentar

  1. ich danke als interessierter bieler vielmals für den informativen artikel.
    ich möchte anregen, dass die stadt biel das «paradiesli» kauft und dort die materialien dieses genies (mit schatten) zeigt.

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