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Mahdura – Schweigen

Usama Al Shamani (geb. 1971) musste 2002 aus dem von Saddam Hussein beherrschten Irak fliehen und kam in die Schweiz. Das letzte Kapitel seines Buches «Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er flieht» lautet «Mahdura», Schweigen. Was ist damit gemeint?

Al Shamani schreibt, die arabische Sprache habe viele Wörter für das Schweigen, beispielsweise Mahdura, ein Begriff, erfunden von Seeleuten, für die Stille zwischen Menschen, die sich eigentlich viel zu sagen hätten. Dann gebe es u. a. das Schweigen der Fischer beim Betrachten der Wasseroberfläche vom Boot aus im Bewusstsein des Angelhakens in der Tiefe, des unberechenbaren Meeres und der Weite des Horizonts.

Al Shamani lässt eine Freundin der Hauptfigur, des Flüchtling Dafer sagen: «was sollen wir tun, wenn die Sprache ein Loch zwischen uns Iraker bohrt? Schweigen ist bei uns ein Zustand geworden, dem wir mehr Vertrauen schenken als dem Sprechen.» (S. 160) Zu schweigen, obwohl man einander viel zu sagen hätte, ist in Gesellschaften, in welchen die freie Meinungsäusserung unterdrückt wird, eine Praxis, die vor Ausgrenzung, Mobbing, Gefängnis, Folter, Tod schützt. Warum reden viele Russen nicht über den Krieg in der Ukraine? In Diktaturen wagen viele nicht zu sagen, was sie denken… und in der «freien» Welt?

Schweigen aus Angst vor Repressionen ist auch in anderen hierarchisch organisierten Strukturen, etwa in der Arbeitswelt oder sogar in der Wissenschaft eine gängige Praxis, vielleicht um sich die Karriere nicht zu vermiesen. Schweigend darüber hinweg schauen…gelegentlich aus «Anstand», «Höflichkeit», «Toleranz» … oder doch aus Feigheit?

Auch in Familien schweigt man sich nicht selten an. Über die Mahdura-Praxis von Dafers Eltern steht S. 160: «Selten erlebte er die Eltern in einem guten Gespräch. Sie fassten sich kurz, ihnen reichte ein Wort oder ein halber Satz.» Es ist nicht das Schweigen derjenigen Paare, die sich blind und sprachlos verstehen, die einander aus langer Erfahrung kennen. Oder haben sie sich nichts mehr zu sagen? Nicht selten ist das familiäre Schweigen ein oberflächlicher Schutz, ein Verzicht auf das Stochern in schwelenden Konflikten. Familientabus werden eingehalten mit unabsehbaren Folgen.

Al Shamani durchbricht in seinem letzten Roman «Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt» das Schweigen im Irak, aber auch im Land, in das er flieht, in die Schweiz. Und er lässt die Leserinnen und Leser zurück mit der Frage: Wo praktiziere ich Mahdura, wo schweige ich, obwohl ich viel zu sagen hätte? Wo rede ich und tue so, als ob ich nicht schweigen würde. Denn man kann auch beim Reden verschweigen, verzerren, umschiffen, verklausulieren, verschönern, verfremden, täuschen… Eine Lektüre des Buches lohnt sich, nicht nur um Lebenssituationen von Flüchtlingen im Land, aus dem und in das sie fliehen, besser nachzuempfinden.

Usama Al Shahmani (geb. 1971) ist in Bagdad aufgewachsen und studierte arabische Sprache und moderne arabische Literatur. 2002 musste er wegen eines Theaterstückes aus dem Irak fliehen, landete in der Schweiz und lernte mit hoher Intensität Deutsch. Er schreibt Romane und macht Übersetzungen ins Arabische. Seit 2021 tritt er gelegentlich beim «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SRF als Literaturkritiker auf. Er wohnt in Frauenfeld.

Buch: Usama Al Shahmani: Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt. Zürich 2022 (2. Aufl.). ISBN: 978-3-03926-042-3

Titelbild: Autorenbild von Usama Al Shamani (© Ayşe Yavaş)

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1 Kommentar

  1. Ein beeindruckender Mann. Ich erlebte ihn via TV im Literaturklub des Schweizer Fernsehens. Beeindruckt hat mich vorallem sein intensives und hartnäckiges Bestreben, mit der neu erlernten deutschen Sprache, seine Sicht der Welt darzulegen. Er hat mir anschaulich gezeigt, wie schwierig es ist in einer anderen Kultur und Sprache seine eigenen Worte zu finden. Ich bewundere seinen Mut, sich trotz grossen Widerständen, seinen Platz in unserer Gesellschaft zu nehmen und seine Sicht auf die Dinge des Lebens zu verteidigen.

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