StartseiteMagazinKolumnenGottlob hatte ich kein Handy

Gottlob hatte ich kein Handy

Ich sass im Bus neben zwei fünfzehn- oder sechszehnjährigen Mädchen, damit ich nicht in einen Shitstorm laufe, sage ich lieber, zwischen zwei jungen Frauen. Es war ihnen nicht angenehm, dass ich Platz auf dem leeren Sitz forderte, wo ihr Gepäck lag. Ich hatte einen Rucksack und stellte ihn zwischen meine Beine. Während der ganzen Fahrt traktierten sie ihre Handys und zeigten einander immer wieder Bilder, die ihnen offenbar Spass machten. Sie lachten auffällig. Bei der einen jungen Frau trudelte ein SMS herein und sie sagte, sie werde es nicht beantworten. Sie möge den nicht, der schreibe. Ich sass stumm da und schaute gerade aus. Bald hörte ich, dass der ungeliebte Kerl schon wieder gesimselt hätte.

Nach zwanzig Minuten Fahrt stieg ich aus. Mein erster Gedanke war, wie schön es in meiner Jugendzeit ohne Handy doch gewesen ist. Da musste ich jeweils gespannt warten, bis ich meinen Stern erblickte. Sie besuchte nicht jeden Abend die Maiandacht. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu träumen und mir einzubilden, dass ich die «Auserwählte», die von meinen Gefühlen nicht einmal wusste, wieder sehen würde

Bei den beiden jungen Frauen war viel von Einladungen, von Schule und Arbeit in verschiedenen Tonlagen die Rede und vor allem vernahm ich den Satz: «Wenn ich am freien Nachmittag nichts abgemacht habe, wird es langweilig». Dabei könnten sie doch die leeren, weissen Stellen mit Ideen ausmalen und den Kopf mit Lernstoff bereichern. Wenn aber das Handy zum Mass der Dinge wird, scheint es unentbehrlich und zwingt, die ganze Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Jeden Augenblick könnte es aufleuchten und dies dürfte auf keinen Fall übersehen werden. So andauernd gespannt zu sein, lenkt ab und stört die Konzentration. So wird schon der junge Mensch zu Aktivismus gedrängt.

Nach dem Austeigen, sagte ich mir, die modernen digitalen Instrumente gehören nun einmal zur heutigen Welt. Sie sollen mir dienen. Fragte mich aber zugleich, ob sie nicht die jungen Menschen bei Entfaltung der Anschauungskraft lähmen und das Denken auf Nebensächliches leiten würden?

Der Aktivismus ist der Tod der Phantasie und der Konzentration. Statt zu binden, zerstreut er. Er raubt den Menschen Träume, Sehnsüchte und Romantik. Was junge Menschen verpassen, lässt sich nicht ohne weiteres nachholen. Sie lernen nicht, Langweile auszuhalten oder zu geniessen, ruhige Phasen kreativ zu gestalten. Die inneren Tapeten, die verspielt und blumig sein könnten, bleiben leer. Die Hetze, das Tempo und die Ungeduld sind wohl eine Folge des Aktivismus, der schon früh zu einer Gewohnheit wird.

So schien es mir ein Glück, dass ich mein Warten und Erwarten nicht mit Zappen vertun musste. Vielmehr musste ich aushecken, wo ich die Auserwählte wieder treffen könnte. Selfies gab es nicht, die mich in allen möglichen Positionen zeigen würden und die ich hätte verschicken können. Und doch wollte ich wissen, wie ich aussehe und stand lange vor dem Spiegel, um mein Profil, meinen Scheitel zu studieren und zu begutachten, ob meine Nase gerade im Gesicht stehe. Um mich kennen zu lernen, brauchte ich kein Handy. Meine Welt war offen und nicht in ein Gerät verpackt.

Rabatt über Seniorweb

Beim Kauf einer Limmex-Notruf-Uhr erhalten Sie CHF 100.—Rabatt.

Verlangen Sie unter info@seniorweb.ch einen Gutschein Code. Diesen können Sie im Limmex-Online-Shop einlösen.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein