StartseiteMagazinKolumnenLeiden wir, oder sind wir bloss Mimösli?

Leiden wir, oder sind wir bloss Mimösli?

Wars früher besser? Ich verstehe wenig vom Thema. Aber ich gebe trotzdem meinen Senf dazu. Weil manchmal auch die Senfdazugeber recht haben. Ja, es hat auch Stammtisch-Phrasen dabei. Aber bei den wenigen noch existierenden Stammtischen ist gar nicht so selten Gescheites zu hören. Und ja, es drückt der Früher-war-vieles-besser-Modus durch. Denn: Tatsächlich war früher manches besser.

Brauchen wirklich so viel Hilfe? Diese Kolumne handelt davon, dass immer mehr Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, psychologische oder psychiatrische Hilfe beanspruchen. Die Warteschlangen seien länger als früher, die Leiden grösser, die Konsequenzen für die Unbehandelten schlimmer, sagen die Fachleute

Macht Inflation tatsächlich krank? Die Expertinnen und Experten benennen die Ursachen: die Pandemie, die Klimakrise, der Leistungsdruck und die Inflation. Bei letzterem runzle ich die Stirn. Treibt die Geldentwertung wirklich Junge in ein psychisches Loch? Der mögliche Therapieansatz: Der steigende Franken vertreibt Kummer und Sorgen.

Erleben wir wirklich eine Katastrophe? So, fertig mit lustig. Die Situation ist ernst, nach Meinung der Spezialisten schlimm, ja sogar katastrophal. Das Bundesamt für Statistik listet auf, dass in den letzten 25 Jahren psychische Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen um einen Drittel zugenommen haben. Zu ähnlichen Resultaten kommt die Universität Zürich. In ihren «News» berichtet sie von einer Studie. Die Uni Zürich hat mit der Hochschule für Pflege in Lausanne die Fallzahlen der psychischen Probleme während des ersten Covid-Lockdowns überprüft.

Ist trotzen und wüten eine Störung? Nach dieser Untersuchung litt ein Drittel der Kinder und Jugendlichen unter psychischen Problemen. Gemeint sind damit leichte bis schwere depressive Störungen. Aus der Studie herausgepflückt: «18 Prozent der Mädchen und 11 Prozent der Jungen zeigten Trotzreaktionen und Wutausbrüche und damit Merkmale einer oppositionellen Verhaltensstörung.»

Verschwinden Teenager-Attitüden nicht von selbst? Angesichts dieses Resultats vergesse ich mein Bekenntnis zur Ernsthaftigkeit. Ich kann nicht anders als über die «oppositionelle Verhaltensstörung» zu lästern. Ich stelle mir vor, dass der Ausdruck bald zum Politik-Wortschatz gehören wird. SP wirft der SVP oppositionelle Verhaltensstörungen vor und umgekehrt. Wieder zurück zum Thema: Wut und Trotz waren einst keine Verhaltensstörungen, sondern gehörten standardmässig zum Repertoire von Pupertierenden. Die Teenager-Attitüden verschwanden unbehandelt.

Hilft gegen Bettnässen die Psychologin? Heute landen diese und viele andere Probleme bei der Psychologin oder beim Psychiater. Ein halbpersönlicher Einschub: Die fünfjährige Tochter einer näheren Bekannten nässte drei Mal ins Bett. Die Mutter brachte das Mädchen zur Psychologin. Die nassen Nächte wiederholten sich nicht mehr. Wars der Zuspruch der Expertin? Oder hat sich das Kind ganz simpel weiterentwickelt?

Ist Liebeskummer kassenpflichtig? Hilft die Ärztin gegen Prüfungsstress, der Arzt gegen Liebeskummer? Brauchts Experten, weil der Bub gehänselt wird oder weil der Job nicht mehr gefällt? Das alles macht Sorgen, gewiss. Aber es sind allermeistens keine Gründe, um medizinische Hilfe zu beanspruchen.

Zusammengefasst: Die Medizin-Statistiker klagen, dass die psychischen Leiden vor allem von Kindern und Jugendlichen zugenommen haben. Die unbequeme Gegenthese: Nicht die Zahl und Intensität der Probleme hat zugenommen, sondern der Weg zur Psychologin oder zum Psychiater ist breiter und ebener geworden und wird viel häufiger beschritten.

Oder sieht der Autor durch seine Seniorenbrille nicht mehr klar? Selbstzweifel sind kein behandlungsbedürftiges Leiden, sondern gehören zu meiner Ausstattung. Nämlich erstens: Ich bin 77, also ein alter weisser Mann, und ich bin nicht sicher ob ich damit in einer Altersblase stecke und wahrnehmungsbehindert bin. Zweitens: Ich weiss nicht, ob meine jahrzehntelangen Erfahrungen mich daran hindern, die Gegenwart zu verstehen. Und drittens: ich kann nicht ausschliessen, dass mir meine Seniorenbrille den Blick auf die heutige Situation verzerrt.

Deshalb meine Fragen an die Seniorweb-Leserschaft: Was steckt hinter dem Psychiatrie-Boom? Mehr Probleme oder weniger Widerstandskraft?

 

 

 

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4 Kommentare

  1. Weder noch. Die Wahrnehmung ist heute einfach eine andere und sog. Tatsachen machen blitzschnell die Runde.
    Allerdings wundert mich bei unserem kranken Gesundheitssystem nicht, dass sich die teure spezialisierte Medizin immer breiter macht und die wertvolle Hausarztmedizin, die eher einen Rundumblick für menschliches Leid anbieten könnte, zusehends verschwindet.
    So steht heute bei besorgten Eltern, bei kleinsten Unsicherheiten bezüglich ihrer Sprösslinge, oft nicht mehr der gesunde Menschenverstand im Vordergrund, sondern die medizinische Abklärung durch Spezialisten.
    Diese sind ja in den letzten 20 Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen und wer gibt schon gerne zu, dass es eventuell auch ohne sie ginge. Psychotherapie kann sehr hilfreich sein, keine Frage, jedoch dieser Wildwuchs von Therapien erinnert doch schon sehr an Konsumzwang und weit wichtiger, die Auslagerung von Eigenverantwortung.

  2. Lieber Peter Steiger

    Das ist ein wunderbarer Artikel! Auch ich 77ig denke ziemlich ähnlich. Ich will aber auch nicht auf ewig jung machen, deshalb hinterfrage ich einiges, was heute so abläuft.

  3. Wie bei anderen Waren auch weckt die Werbung die Bedürfnisse.
    Sich bei Problemen, an deren Bewältigung man wachsen würde, an einen Psychiater zu wenden, mag zwar Mode sein, ist aber nicht unbedingt gut. Sich mit Psychopharmaka zuschütten zu lassen, ist dann definitiv schlecht.

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