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Reisscheunenkultur

Lumbung heisst auf Indonesisch Reisscheune und der Begriff wurde an der documenta 15 (2022) verwendet. Nun zeigt das open art museum in St. Gallen eine Ausstellung unter dem Titel «Lumbung brut – Kunstateliers als Kollektiv». Was ist damit gemeint?

In Indonesien wird in ländlichen Gemeinschaften die überschüssige Reisernte in gemeinsam genutzten Reisscheunen gesammelt, gelagert und zum Wohle der Gemeinschaft wieder verteilt. Die indonesische Künstlergruppe ruangrupa (frei übersetzt «Kunstraum» oder «Raumform»), welche die Leitung der documenta 15 in Kassel übernehmen konnte, orientiert sich am Prinzip des Lumbung für ihr künstlerisches Schaffen, d.h.:

  1. Wer künstlerisch tätig ist, handelt nicht nur individuell, sondern auch mit andern zusammen. Statt sich in seinem Atelier einsam zu vergraben, trifft man sich in einem gemeinsamen Kunstatelier und arbeitet im Austausch miteinander.
  2. In diesem kollektiven Atelier werden gemeinsame Werte gepflegt wie Freundschaft. Solidarität, Nachhaltigkeit, lokale Verankerung, Humor, Transparenz, Grosszügigkeit und Genügsamkeit.
  3. In diesem gemeinsamen Raum werden Ideen, Sorgen und Nöte, Materialien und Techniken ausgetauscht, so dass man sich gegenseitig beeinflusst, inspiriert, voneinander lernt und füreinander sorgt. Lumbung-Künstlerpersönlichkeiten kombinieren Offenheit für andere und Verantwortung und Konzentration im eigenen Schaffen.
  4. So wie Reis wird Geld von den Mitgliedern des Kollektivs zusammengetragen und geteilt, ebenso nicht monetäre Ressourcen wie Raum, Zeit, Energie und Fertigkeiten.
  5. Schaffen und Musse bedingen einander. Deswegen wird auch nonkrong praktiziert. Nonkrong ist ein Slang-Begriff aus Jakarta und meint das «gemeinsame Abhängen» im ungezwungenen Gespräch, etwa beim gemeinsamen Essen oder Spazieren oder anderen Formen des Müssiggangs.
  6. Lumbung-Künstlerkollektive vernetzen sich untereinander und sorgen durch «lumbung inter-lokal» für eine internationale Verbreitung der Reisscheunenkultur.

Äusserst erfreulich ist, dass es der Museumsleiterin des Open Art Museums St. Gallen, Monika Jagfeld, und ihrem Team gelungen ist, das Lumbung-Konzept, wie es in der Schweiz auch von Personen mit Beeinträchtigung praktiziert wird, an einer Ausstellung zu präsentieren. In der Schweiz arbeiten in sogenannten Open Studios künstlerisch motivierte Menschen mit Unterstützungsbedarf. An der Ausstellung werden 157 Werke von 29 Künstlerinnen und Künstlern aus den folgenden 9 Open Studios gezeigt: Atelier Rohling Bern, BSB Kreativwerkstatt Bürgerspital Basel, CREAHM Fribourg, Kubeis-Kunstwerkstatt an der Lorze Cham, Kunstwerkstatt Waldau Bern, Stiftung Säntisblick Degersheim, Tandem Abtwil, Tobias-Haus Zürich, Verein Zürcher Eingliederung.

Hier einige Werke mit Ausschnitten aus dem «Pressetext zur Ausstellung»:

deess (geb. 1977), enceinte (Paris) 2023

«Der Künstler deess hat eine wechselvolle berufliche Geschichte hinter sich. Auf eine kaufmännische Ausbildung folgten Erfahrungen als Holzbildhauer und eine Malerlehre. Ein Experimentierfeld und Inspirationsquelle für seine Kunst, frei von gesellschaftlichen Erwartungen, findet er jedoch am stärksten in der «fünften Jahreszeit», der Lozärner Fasnacht.»

Clemens Wild (geb. 1964): Werkhof (2022)

«In comicartigen Kombinationen von Bild und Schrift dokumentiert Clemens Wild den Alltag in Fürsorgeeinrichtungen. Er erzählt vom Schicksal einfacher und marginalisierter Menschen. Dabei nimmt er eine vehement gesellschaftskritische Haltung ein. Er bringt «jene auf eine Bühne, die im Schatten leben» (Klaus Mecherlein).»

Markus Bucher (geb. 1959):«Das Bild mit 3 werschitene Hauser 3 wochen gebraucht den 26. Januar gemacht Markus Buchser»

«Markus Buchsers Hauptinteresse gilt der Architektur und urbanen Strukturen. In seinen Gemälden und Zeichnungen verarbeitet er fragmentarisch persönliche visuelle und räumliche Erinnerungen. Oder er zeigt eigene Interpretationen von Gebäuden, ausgehend von Illustrationen oder topografischen Modellen. Aus Pappe, Klebeband und Acrylfarbe baut er dreidimensionale Architekturmodelle. So schafft Markus Buchser mithilfe multiperspektivischer Skizzen in seinen «Kombinationen» eine neue Weltordnung.»

Ronald Saladin (geb.1964): Ohne Titel (undatiert, Kreide und Farbstift auf Papier)

«Unermüdlich fährt Ronald Saladin wie ein Seismograph mit dem Stift über das Papier. Es entsteht ein knäuelartiges Geflecht von Strichen, das sich in immer neuen Schichten verdichtet. Die vibrierenden Farbgebilde dehnen sich scheinbar ohne Anfang und Ende auf dem Blatt aus und bewirken einen Tiefensog. Bricht die Spitze des Farbstiftes ab oder ist die Mine des Kugelschreibers leer, zieht Ronald Saladin mit dem Stift so weiter seine Bahnen übers Papier. Es bilden sich farblose Furchen und Löcher. Diese Spuren sind integraler Teil der Arbeiten.»

Pascal Vonlanthen (geb. 1957): Vaud (2021)

«Pascal Vonlanthen arbeitet mit Zeichen und Symbolen, mit denen er seine ganz eigene Schrift entwickelt. Der Analphabet lässt sich vor allem von Zeitungen inspirieren. Pascal Vonlanthen spielt mit dem Wechsel von Verdichtung und Leerstellen. Er gruppiert die Zeichen zu Kolonnen und Gruppen, die sich zu freien Gebilden und Faltungen formieren, oder er lässt sie in lockeren Reihen laufen. Die so entstehenden Bewegun- gen entwickeln sich rhythmisch, pulsierend. Sie erscheinen wie Buchstabenlaute oder musikalische Notationen. Gestisch kreisende Linien verdichten sich zu Rotationen und verstärken die Dynamik und den Ton. Jason Wu, Mode-Designer aus New York und Kreateur des Kleides, das Michelle Obama beim Amtsantritt ihres Mannes zum US-Präsidenten trug, hat sich von den Zeichnungen von Pascal Vonlanthen inspirieren lassen.»

Rebecca Schmid (geb. 1968): Movement 11 (2021)

2002 erlebt Rebecca Schmid eine schwere psychische Erkrankung. Sie sagt: «Es ist eine Erleichterung, wieder einen Pinsel zur Hand zu nehmen. Meine Krankheit ist ein verlassener Ort der Verlorenheit. In dicken nebligen Dunst gehüllt steht dieser Ort in der Unfassbarkeit. In meinen Bildern möchte ich dieses Unbeschreibliche porträtieren. Ich male mich selbst und Andere. Köpfe von Menschen ineinandergeschlungen, fliessend, verschwommen. Mit kraftvoll grell leuchtenden Farben versuche ich dem Unsagbaren eine Form zu geben, beim Bilder malen verstehe ich mich selbst am besten. Dort habe ich das Gefühl am richtigen Ort zu sein.»

Raphael Waldis (1991-2023): Bahnhof Zug (undatiert)

Im Tobias-Haus Zürich zeichnete Raphael Waldis wortlos ohne Unterlass. Mit einem Fineliner hat er seine Motive, manchmal ganze Zeitungsseiten kopiert, die Konturen immer wieder umfahren und die Formen mit einem Liniennetz gefüllt. Die Vorlage bis zur Unkenntlichkeit stark verfremdend, entstand ein unverkennbarer «Raphael».

Pedro Gonzales (geb. 1966): Ohne Titel. Figur 210x100x58 cm (2019)

«Pedro Gonzales ist ein Allrounder. In seinen Arbeiten berühren sich Kunst und
Design. Er zeichnet, malt, recycelt seine Blätter zu Collagen, fertigt Schmuck, Kleider, Accessoires oder Möbelstücke und baut kleine bis zu lebensgrosse Figuren.
Sein Interesse gilt dem Ornament, der Farbe, Form, dem Material und Duktus. Er liebt die handwerkliche Herausforderung.»

Es wäre schön, wenn die Reisscheunenkultur und Elemente des Lumbung-Konzepts auch ausserhalb von Kunstateliers, etwa in der Quartierarbeit und bei der Gestaltung eines anregenden Sozialraums übernommen würden.

  • Lumbung brut – Kunstateliers als Kollektiv. Ausstellung  vom 28. 9. 23 – 25.2.24 im open art museum, Davidstr. 44, 9000 St. Gallen
  • Kurzporträt des Künstlerkollektivs ruangrupa auf 3sat Kulturzeit unter 

https://www.youtube.com/watch?v=uj2yB7PCInw&list=PLIk899bYfqf6F5d0GCd2x_irVkW2DJU90&index=2

  • Titelbild: Dave (geb. 1979): Komm ich strick dir ein Stück Himmel (2021). Installation, Wolle, Garne, gestrickt.
  • Alle Fotos vom open art museum 

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