Brixen im Herbst

Ein barocker Dom, ein romanischer Kreuzgang, Altstadtgassen und die Hofburg, einst Bischofssitz, locken in die Südtiroler Stadt. Das Diözesanmuseum ist überreich ausgestattet, auch mit aktueller Kunst. Zurzeit ist Malerei von Anton Christian zu sehen.

Herbstferien ist eine beliebte Zeit, ins Südtirol zu reisen. Gleich südlich vom Brennerpass liegt Brixen, italienisch Bressanone. Die Stadt an der Eisack empfängt ihre Besucher zunächst mit zuviel Autoverkehr ums historische Zentrum. Die Parkhäuser bieten aber fast immer genug Platz, der Gang ins historische Städtchen ist bereits eine lohnende Tour.

Der Innenhof des ehemaligen Fürstbischofspalast, heute ein Museum.

Uns zieht es als erstes in die Hofburg. Der Palast war im 13. Jahrhundert erbaut worden und diente mit einem Unterbruch während eines Bauernaufstands im 16. Jahrhundert als Sitz des Fürstbischofs, war, nach 1803 säkularisiert, später wieder Bischofsresidenz bis dieselbe 1973 nach Bozen verlegt wurde. Heute ist der riesige Palast renoviert und eins der wichtigsten Museen des Südtirols, umfasst Kirchenschätze, Kunstsammlungen aus rund tausend Jahren und fürstliche Wohnkultur.

Anton Christian: Schattenflut, 2023, Mischtechnik Collage auf Papier; Ausschnitt

Direktor Peter Schwienbacher ist es wichtig, in der Wechselausstellung aktuelle Positionen zu zeigen: Der Tiroler Künstler Anton Christian ist in dieser Saison (bis Mitte Oktober) mit Schattenflut. Marea d’ombra zu Gast, verstörende Bilder und Objekte, die grossenteils während der Corona-Zeit entstanden sind. Seine Kunst, in der er auch mit Collagen arbeitet und Texte verwendet, ist eine Umsetzung all dessen, was ihm zustösst, was ihn beschäftigt und schmerzt. Seine Motive sind empörend und relevant.

Anton Christian: Kamloops-Triptychon 2022/23 Mischtechnik auf Papier.

So beginnt die Ausstellung mit Grossformaten, welche den Misshandlungsskandal der kanadischen Ureinwohner-Kinder in Umerziehungsanstalten thematisiert. 215 Gräber wurden auf dem Gelände einer Schule in Kamloops entdeckt: Der Nachhall ist allgemeingültig – hier ist jeder Übergriff an Kindern und jede rassistische Untat mitgemalt.

Anton Christian: Setz dich nieder auf mein› Fuss. Mischtechnik auf Holzplatte. 2010-2020. Foto: © Martin Vandory

In einem der Skizzenbücher hat er notiert: «Ich möchte, dass meine Arbeiten so suggestiv sind, dass sich die Leute lange daran erinnern müssen, wie an einen besonders schönen oder bösen Traum.»

Anton Christian: Lamentationes 2022/2023, Mischtechnik auf Papier

Anton Christian will «sichtbar machen, was viele nicht sehen wollen,» sagt Kathrin Zitturi vom Museum. Krieg, Flucht, Hunger, Tod und Einsamkeit sind thematisiert, es ist eine Kunst, die Goya näher steht als den coolen Machern von heute. Nun konnte der in Österreich renommierte Künstler sie im Diözesanmuseum zu Brixen zeigen.

Anton Christian: Granny Dumping, 2007/2021. Bronze, Lindenholz, Einkaufswagen, Holzsockel 

Das Museum allein ist eigentlich eine Tagreise wert, aber Beschränkung ist Pflicht, wenn man daneben noch den Dom, den Kreuzgang und eines der bekannten Gasthäuser mit ihren italienischen oder österreichischen Speisen besuchen will. Wir haben es übrigens beim Finsterwirt probiert und waren sehr zufrieden.

Thronende Madonna. Holz, polychromiert um 1200 aus St. Georg in Vahrn. Diözesanmuseum Brixen

Nach der eindrücklichen Schattenflut haben wir uns bei der Kunstsammlung auf die mittelalterlichen Holzfiguren, vor allem Madonnen beschränkt und die Renaissance-Fassade der Hofburg mit den unzähligen Bronze-Statuen bewundert. Dabei wären auch der Domschatz, der Kaisertrakt mit den Majolikaöfen und dem Wiener Porzellan einen Besuch wert, oder die barocke Kapelle. Im Erdgeschoss ist die aus rund 5000 Figürchen bestehende Jahreskrippe untergebracht, welche Fürstbischof Karl Franz von Lodron für seine Wohnräume in der Hofburg anfertigen liess.

Brixen ist perfekt für einen Einkaufsbummel, noch gibt es kleine Geschäfte mit exklusiven Textilien oder Lederwaren, mit Feinkost und lokalen Spezialitäten, die Allerweltsmarken sind natürlich auch vertreten, aber genau so wenig anregend wie in Zürich oder London.

Gasthäuser und kleine Läden, in denen auch auf Bestellung gearbeitet wird, prägen die Altstadt.

Nach dem Espresso, der auch in Südtirol perfekt italienisch serviert wird, und nach dem Dombesuch ist als letztes der einmalige Kreuzgang mit den Fresken unser Ziel. Die Freskenbemalung entstand zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert, jeweils im Auftrag der Domherren, die im Kreuzgang bestattet wurden.

Kreuzgang, 3. Arkade – im Zentrum unten: Ein Kriegselefant erdrückt Eleasar.

Die Fresken erzählen schreckliche und heilsame Geschichten und schliessen irgendwie den Kreis, auch in Anton Christians Bilderflut stecken Geschichten, die berühren und nachdenklich machen.

Titelbild: Hauptplatz mit Rathaus
Fotos: © Hänny/Caflisch

Brixen ist aus der Schweiz am besten übers Unterengadin und den Reschenpass erreichbar. Mit der Bahn geht es über Innsbruck und den Brenner.
Zur Ausstellung von Anton Christian ist ein Katalog erschienen.
Mehr über Anton Christian gibt es hier.

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