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Maler der Randständigen

Mario Comensoli war ein erfolgreicher Künstler, aber die bürgerlichen Kunstsammler und die Medien lehnten ihn als Linken ab. Nun hat Anita Siegfried die Geschichte seines Lebens nochmals neu niedergeschrieben.

All jenen, die ihr Stammlokal im Cooperativo hatten, war Mario Comensoli ein Begriff: Früher oft, später seltener kam er vorbei. Die Wände des Ristorante waren seine ständige Galerie, eine Auswahl seiner grossformatigen Bildern hingen dort, darunter wurden einfache italienische Gerichte gegessen, Bier und Wein getrunken und viel diskutiert über Gott, die Gewerkschaften und die Welt.

Ristorante Cooperativo am Werdplatz in Zürich. Vermutlich Ende 60er, Anfang 70er Jahre. Fotograf unbekannt.

Die jüngste Lebensgeschichte des Künstlers, publiziert im Bilger-Verlag, ist nicht die erste Comensoli-Biographie, aber möglicherweise eine der aufwendigsten. Die Autorin Anita Siegfried hat sich unter dem Titel Die Prinzen der urbanen Wüste auf die Spuren von Mario Comensoli (1922-1993) begeben und keine Mühe gescheut, die Lebensumstände des Künstlers sowie das soziale Umfeld zu erschliessen.

Mario Comensoli: Selbstporträt, 1946

Comensoli, Emigranten-Kind aus dem Prekariat, erarbeitete sich als Maler der Randständigen – zuerst der italienischen Gastarbeiter, später der Secondos in Zürich, der jugendlichen Revolutionäre, der Punks, Skins und jener, die im Drogenelend der 80er Jahre verelendeten – einen beiindruckend konsequenten Bilderkosmos. Das umfangreiche Werk zeugt davon, wie energisch und kompromisslos der Künstler sein Ziel einer eigenständigen und engagierten Malerei verfolgt hat.

Anita Siegfried recherchierte ausgedehnt im Archiv der Mario und Hélène-Comensoli Stiftung, wo sie viele persönliche Dokumente sichten konnte, die sie später auch ausführlich zitiert. Dazu gelingt es ihr, die Orte und Zeiten, in denen Comensoli lebte und arbeitete, als umfassende Tableaus des Alltags zu schildern.

Mario Comensoli: Bacchanal, 1948. Einflüsse der ganz Berühmten sind erkennbar.

Comensolis Biographie ist bekannt. Der Sohn von italienischen Gastarbeitern wuchs in Lugano nach dem Tod seiner Mutter zunächst in der Obhut zweier Schwestern aus der Romagna auf, die später in der Heimat verarmt gestorben sind. Als Jugendlicher kam er in der Familie seines um Jahre älteren Bruders unter. Seine zeichnerische Begabung wurde sehr früh erkannt, aber sein Vater stemmte sich gegen eine Laufbahn als Künstler. Der junge Mario setzte sich durch, nahm Zeichenkurse im Tessin und in Zürich, bekam Stipendien und verbrachte mehrere Aufenthalte in Paris.

Mario Comensoli: Der Mittelstürmer, 1959. Ein Bild aus der ersten eigenständigen Serie mit den Immigranten, denen er ein Gesicht gibt.

«Schicksalshaft» nennt Autorin Siegfried die zufällige Begegnung mit Hélène Frei bei den Bildern, die Comensoli in der Fiera Svizzera in Lugano ausstellen konnte. Die Ehe hielt bis zum Tod des Malers, Elena Comensoli kümmerte sich nach frühen Jahren der Krankheit und Kargheit ums Geschäftliche und schliesslich um den Nachlass eines der wichtigsten Realisten in der Schweizer Malerei des 20. Jahrhunderts.

Mario Comensoli: Plakat der Ausstellung «Kapelle der holden Widersprüche» 1975. Die befreiten Frauen der 68er-Revolte faszinierten den Künstler.

Landschaftsbilder und Skulpturen stehen am Beginn von Comensolis Künstlerbiographie. In Paris lernt er die Grossen jener Zeit kennen, übt sich an den aktuellen Kunstströmungen und kann bei Giuseppe Orazi, einem erfolgreichen Künstlerkollegen, im Atelier arbeiten. Er versucht sich nun in der gerade aktuellen «peinture du mouvement». Ein Plagiatsvorwurf Orazis während seiner ersten grossen Ausstellung im Zürcher Helmhaus wirft ihn aus der Bahn, aber er fängt sich auf und konzentriert sich auf jene dynamische und hochexpressionistische Figurenmalerei, die ihn bis zuletzt auszeichnet.

Anita Siegfried hat ihre Biofiction in Kapitel aufgeteilt, denen sie jeweils ein (übersetztes) Originalzitat des Künstlers voranstellt. In den einzelnen Kapiteln verzeichnet sie minutiös die Stationen des Alltags, die verschiedenen Ausstellungen bis zur lange erhofften Retrospektive im Zürcher Kunsthaus 1989. Guido Magnaguagno hat kuratiert, es wird ein grosser Erfolg. Fast noch spektakulärer ist Comensolis Bilderflut zum Feminismus, die er bei der jungen Jamileh Weber 1975 an alle Wänden und Decken der Galerie hängen kann.

Mario Comensoli: Le miroir, 1991. In den letzten dystopischen Bildern ist die Farbe, mit der er die aufmüpfige Jugend feierte, fast verschwunden.

Aus einer unglaublichen Fleissarbeit ist ein fiktionaler Roman mit originalen Zitaten aus Zeitungen, aus Katalogen, aus Comensolis Notizen und aus Briefen seiner Freunde entstanden. Das Buch lässt sich leicht lesen, der Text ist informativ und spannend geschrieben. Verbriefte Details sind anschaulich geschildert, dazu wird Vieles erzählt, was sich die Autorin für ihren Roman zusammengereimt hat – Gedanken des Künstlers beim Espressokochen im Atelier, Dialoge an der Limmat oder in einer Bar, Ängste des Buben Mariolino, der zu früh seine Mama verloren hatte.

Sie beschreibt Comensoli beim Malen im Atelier, wir erfahren, wie und mit welcher Farbe er beispielsweise eine Hundeleine auf die Leinwand bringt, auf der ein Hund und eine Herionsüchtige einander ignorieren. Das Bild existiert, aber ob der Malprozess so war, entzieht sich wohl auch der Autorin, die Comensoli nie persönlich begegnet ist.

Anita Siegfrieds historischer Roman kann seinen Leserinnen und Lesern jedoch den Vorhang in eine Vergangenheit öffnet, von der viele nur noch vage Kenntnisse haben: Hier tut sich, immer nah am Protagonisten, die enge Welt der 50er Jahre mit dem wachsenden Fremdenhass auf, der Aufbruch der Jugend in die Politik oder auch in die Konsumwut und später der Absturz ins Elend der Süchte, parallel dazu aber auch die öfters negative bis herablassende Rezeption von Comensoli als Linker oder Kommunist in der bürgerlichen Presse und die Hilflosigkeit einer saturierten Gesellschaft, die gern wegschaut und deshalb mit Comensolis Engagement, das seinen Ausdruck in drastischen Bildern findet, ihre Mühe hat.

Wer zu den Bildbeschreibungen gern die Originale sehen möchte, kann sich bei der Mario und Hélène-Comensoli-Stiftung umschauen, virtuell auf der Hompage, besser noch bei einem Besuch. Das Centro Comensoli ist am ersten Samstag des Monats von 11 bis 16 Uhr geöffnet.

Titelbild: Mario Comensoli: Die Angst, 1993
Fotos: Alle Bilder © Comensoli-Stiftung, Zürich

Hier geht es zur Mario und Hélène Comensoli-Stiftung.

Anita Siegfried: Die Prinzen der urbanen Wüste. Auf den Spuren von Mario Comensoli. Bilger-Verlag, Zürich 2023. ISBN 978-3-03762-1042
Bei Zürich liest stellt Anita Siegfried ihr Buch im Salon zum Rehböckli am 26. Oktober um 19 Uhr vor.

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