StartseiteMagazinGesellschaftHistorische und aktuelle Mutgeschichten

Historische und aktuelle Mutgeschichten

Wann haben Sie sich das letzte Mal uneigennützig für eine gerechte Sache eingemischt? Der Begriff «Zivilcourage» steht im Zentrum eines Stationentheaters um Anwalt Georges Brunschvig und den Berner Prozess gegen die «Protokolle der Weisen von Zion».

Synonyme für Zivilcourage sind Bürgermut oder Alltagsmut. Diese Art von Mut wird uns nahezu täglich in verschiedenen Formen und Situationen abverlangt. Zivilcourage beinhaltet die Bereitschaft und auch Fähigkeit, die eigene Sicherheit und Bequemlichkeit in einer unangenehmen oder auch bedrohlichen Situation zurückzustellen, um sich für eine gerechte Sache einzusetzen und entsprechend zu handeln.

Die Regisseurin Uta Plathe hat für das «Theater an der Effingerstrasse» einen anspruchsvollen Stadtrundgang über sieben Stationen mit 16 Mitwirkenden entwickelt und inszeniert. Am 50. Todestag des Berner Anwalts Georges Brunschvig, am vergangenen Samstag, war Première. Seniorweb hat sich zusammen mit einer Gruppe mutiger Menschen auf Spurensuche begeben.

Von Diskriminierung bis zu Rassismus

Szene aus dem Rundgang: Es braucht Mut, sich vor verhöhnte Schwule und Lesben zu stellen.

Eine Laborantin wird entlassen, weil sie angeblich unsauber gearbeitet hat. Der wahre Grund für die Trennung dürfte eher ihre unbequeme Haltung gegenüber dem Arbeitgeber sein. Ein behindertes Mädchen auf dem Land findet keine Lehrstelle, wegen seiner Behinderung. Inklusion ist ein leeres Wort, solange sich niemand für die Lernwilligen einsetzt.

In der Strassenbahn, im Restaurant, auf dem Pausenplatz werden schwule, lesbische oder queere Menschen ausgelacht, diffamiert, angepöbelt. Ein Schwarzer wird auf offener Strasse von Jugendlichen zusammengeschlagen. Wer geht dazwischen, wer hindert die Angreifer an ihrem Tun? Aus der Nachbarwohnung dringen Schreie einer Frau. Offenbar wird die Nachbarin von ihrem Mann gerade verprügelt. Weghören ist einfacher als Alarm schlagen. Die Serviertochter mit grosser Oberweite wird von einzelnen männlichen Gästen regelmässig angemacht. Am Stammtisch kommt ihr niemand zu Hilfe.

Szene aus dem Rundgang: Brunschvig setzte sich bei Bundesrat von Steiger für ein junges jüdisches Flüchtlingspaar ein.

Mut braucht es auch, um antisemitischen Stimmen zu widersprechen. Zwar ist Kritik an der israelischen Militärpolitik nicht grundsätzlich antisemitisch. Denn auch Juden kritisieren diese. Doch ist nicht von der Hand zu weisen, dass nach jeder israelischen Verteidigungsaktion das jüdische Volk pauschal für die Gewalt verantwortlich gemacht wird. Deutsche Medien berichteten kürzlich, dass Schüler einer Berliner Klasse den Staat Israel in ihrem Atlas von der Landkarte ausradierten und jüdische Mitschüler mit «Du Jude» titulierten. Der Lehrer unterliess es zu intervenieren.

Rund um die Berner Synagoge

Die Beispiele für ausbleibende Zivilcourage in der Öffentlichkeit könnten beliebig ergänzt werden. Solche und ähnliche Sachverhalte sind Teil des gut besuchten Rundgangs «Zivilcourage bewegt – Das Prinzip Brunschvig», den eine Gruppe jüngerer und älterer Leute zusammen mit Regisseurin Uta Plate in einem Stationentheater zusammengetragen hat. Schauplatz ist das Quartier rund um die Synagoge. Ein Auftreten direkt vor der Synagoge hat die Polizei wegen des Kriegs in Israel aus Sicherheitsgründen verboten.

Georges Brunschvig und seine Frau Odette.

Im Zentrum des Geschehens steht der 1908 geborene und 1973 viel zu früh verstorbene Berner Anwalt George Brunschvig. Aufgewachsen in einer jüdischen Familie inmitten einer Atmosphäre des latenten Antisemitismus, übernahm der Jurist schon in jungen Jahren wichtige Fälle, in denen er sich für Menschenrechte sowie gegen Gewalt und Diskriminierung einsetzte. Im Laufe seiner Karriere verteidigte er wiederholt jüdische Mitbürger, die Antisemitismus erlebten oder erlebt hatten. Seine Forderungen nach Dialog und Demokratie statt Gewalt und Diskriminierung haben nichts an Aktualität verloren.

Politische Schriften und Schundliteratur

Bereits als junger Anwalt hatte Brunschvig 1933 den Mut, im Auftrag des Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebundes und der Israelitischen Kultusgemeinde Bern vor Gericht gegen ein antisemitisches Pamphlet vorzugehen. Die Hetzschrift, bekannt unter «Die Protokolle der Weisen von Zion», wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von unbekannten Redaktoren auf der Grundlage fiktionaler Texte erstellt. Als sie in Bern an Kiosken verbreitet wurden, reichten jüdischen Organisationen Strafanzeige ein. Ziel war es, das Pamphlet als Fälschung verbieten zu lassen.

Szene aus dem Rundgang: Diskriminiert, weil demonstriert.

Das Verfahren zog sich über zwei Instanzen hin, unter anderem weil beide Seiten Gutachter aus dem Ausland hinzuzogen. Das damalige Berner Bezirksgericht verurteilte als erste Instanz zwei der Angeklagten wegen Verstosses gegen das <Gesetz über das Lichtspielwesen und Massnahmen gegen die Schundliteratur> zu symbolischen Geldstrafen und zu einer teilweisen Übernahme der Gerichtskosten.

In dem von Brunschvig vorangetriebenen Berufungsverfahren wurde das Urteil im November 1937 vom Berner Obergericht aufgehoben, weil der Begriff Schundliteratur auf politische Literatur nicht anwendbar sei. Die Tatsache, dass die «Protokolle» ein Phantasieprodukt, eine Fälschung, sind, zog das Gericht aber nicht in Zweifel. Immerhin erhielten die Beklagten keinen Schadenersatz zugesprochen: Das Obergericht entschied: «Wer solche Hetzartikel gemeinster Sorte in Verkehr bringt, muss die ihm daraus entstehenden Kosten selber tragen.»

Geistiger Vater des Rassismus-Artikels

Im Zentrum des Rundgangs: Anwalt Brunschvig und seine Frau Odette. Hier ein Hochzeitsfoto.

Leider verfehlten Brunschvig und die jüdischen Organisationen ihr Hauptziel. Die «Protokolle» sind auch heute noch weltweit erhältlich und werden von antisemitischen sowie von islamischen Organisationen verbreitet. Dennoch war der historische Prozess vor dem Berner Obergericht nicht folgenlos, sondern sensibilisierte Politik und Öffentlichkeit für eine Gesetzeslücke: In seiner Dissertation über die «Kollektive Ehrverletzung» legte Brunschvig zudem die Grundlagen für die Einführung der Rassismus-Strafnorm im Schweizerischen Strafgesetzbuch. Leider dauerte es bis 1995, bis der Artikel in Kraft trat.

Georges Brunschvig erlebte diesen Meilenstein nicht mehr. Er erlitt am 14. Oktober 1973 nach einer Rede in Zürich einen Herzinfarkt und brach tot zusammen. Anlass für seine Rede war der Jom-Kippur-Krieg, aus dessen Anlass er auf einer jüdischen Fundraising-Veranstaltung sprach. Brunschvig hat sich Zeit seines Lebens für den jüdisch-arabischen Dialog eingesetzt. Man darf sich fragen, was er wohl zur jüngsten Entwicklung im Nahen Osten und den neusten Diskussionen zum Thema Antisemitismus sagen würde.

Unvergessen ist seine Feststellung: «Es muss einmal Allgemeingut werden, dass der Antisemitismus keine jüdische, sondern eine Menschheitsfrage ist, und nicht nur Juden, sondern unsere Kultur gefährdet.»

Titelbild: Der Berner Prozess von 1933 steht im Mittelpunkt des szenischen Rundgangs. Fotos: Severin Nowacki.

LINK zum Rundgang:

DAS THEATER AN DER EFFINGERSTRASSE – Zivilcourage (theatereffinger.ch)

Vom 23. März – 20. April 2024 zeigt das Theater an der Effingerstrasse die Urauführung des Stücks DER VERGESSENE PROZESS von Gornaya mit den Hauptfiguren Georges und Odette Brunschvig.

Rundgang und Theaterstück basieren zum Teil auf dem Buch von Hannah Einhaus «Für Recht und Würde – Georges Brunschvig: Jüdischer Demokrat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot», 2016, Chronos-Verlag, ISBN 978-3-0340-1324-6

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.
Sie können per Twint mit einer CH-Handynummer oder per Banküberweisung im In- und Ausland spenden: IBAN CH15 0483 5099 1604 4100 0

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Gratis Hotelcard für 1 Jahr (50% Rabatt auf eine grosse Auswahl an Hotels in der Schweiz)
  • Jahresbeitrag von nur CHF 60.
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-

2 Kommentare

  1. Zu was religiöse Idiologien führen können, zeigt uns immer wieder der Judenhass. Ob Christen, Islamisten oder andere Glaubensrichtungen, der Jude ist immer noch der Sündenbock, leider auch bei uns in Europa. Ein psychisch deformierter Möchtegerngross namens Hitler, nahm diesen Judenhass und seine Ideologie der «reinen Rasse» als Grund dafür einen Krieg anzuzetteln, der 6 Jahre dauerte und nach Schätzungen 60-80 Mio Menschen das Leben kostete. Davon ca. 6 Millionen jüdisch stämmige Männer, Frauen und Kinder, die in Hitlers Todesfabriken vergast, gequält, verhungert und als Menschen ohne Wert ihr Leben lassen mussten, nur weil sie jüdischen Glaubens waren.
    Auch Russlands Diktator Putin instrumentalisiert die Ideologie der Russisch-Orthodoxen Kirche, mit ihrem Anführer Kirill I, und benutzt sie als ein weiteres Machtinstrument, anders Denkende zu verfolgen und zu eliminieren. In allen von Religionen dominierten Staaten gibt es keine Freiheit für das Volk. Die Menschheit glaubte schon immer an Götter, was auch legitim ist. Der Glaube und unsere Gedanken sollten frei sein. Diese Glaubensausrichtungen dürfen jedoch niemals als Machtinstrument und als Unterdrückung anders Gläubiger und schon gar nicht als Staatsmacht gelten und missbraucht werden.

    Der Antisemitismus hat eine lange Geschichte und der Wunsch der Juden nach einem Ort, wo sie endlich Ruhe vor Anfeindungen und Verfolgung haben, ist nur zu verständlich, auch dass sie diesen Ort bei Angriffen verteidigen wollen und müssen. Doch man sollte meinen, dass in unseren aufgeklärten Gesellschaften und mit den Erfahrungen der Demokratie als Grundlage für ein geregeltes und gerechtes Zusammenleben, es möglich sein muss, anders Gläubige als das zu sehen was sie sind, Menschen wie wir.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein