StartseiteMagazinKulturErinnerungen an eine grosse Sängerin

Erinnerungen an eine grosse Sängerin

Eine kleine Ausstellung im Vinorama Ermatingen widmet sich der heute fast ganz vergessenen, zu Lebzeiten aber international erfolgreichen Sopranistin Emilie Herzog (1859-1923). Sie stammte aus Ermatingen im Kanton Thurgau. Im vergangenen September jährte sich ihr Todestag zum 100. Mal. Im November ist im Gewölbekeller des Vinoramas ein Gedenkkonzert geplant.

Das Vinorama in Ermatingen ist einen Ausflug wert. Nicht nur der wunderbare Blick auf den Bodensee ist umwerfend. Das herrschaftliche Haus mit Remise steht in einer gepflegten alten Gartenanlage. Es wurde der Gemeinde vermacht mit der Auflage, es zu einem Ortsmuseum umzubauen.

Ein kleines, aber feines Kulturzentrum

Der Umbau galt vor allem dem Nebengebäude, der Remise. Sie wurde modern saniert, Böden wurden schwebend eingezogen, und unten gibt es einen schönen Begegnungsraum und einen ausgebauten Gewölbekeller. Neben der Ausstellung zur Dorfgeschichte und zum Weinanbau in der Region gibt es hier auch Wechselausstellungen im Dachgeschoss und Veranstaltungen in intimem Rahmen.

Die Gast-Ausstellung über Emilie Herzog passt gut hierher. Kuratiert hat sie der Sänger Reto Knöpfel, der als Gesangslehrer und Abteilungsleiter an der Kantonsschule Trogen tätig ist. «Vor über zehn Jahren habe ich einen Zeitungsbericht über Emilie Herzog gelesen, seither liess mich das Thema nicht mehr los,» erzählte Knöpfel an der Vernissage. Er machte sich auf die Suche nach Spuren der einstigen Diva und entdeckte bei einer Nachfahrin den privaten Nachlass der Sängerin.

Das lange Suchen hat sich gelohnt

Doch nicht nur damit hat Knöpfel die Ausstellung bestückt, er suchte auch im Archiv der Metropolitan Opera in New York nach Bildern und Opernprogrammen von Emilie Herzogs Auftritten in den USA. Aber auch in München und Berlin wurde er fündig, wo die Sopranistin als Ensemblemitglied wirkte. In der Ausstellung werden diese eindrücklichen historischen Rollen-Bilder schön präsentiert.

Eine interessante Trouvaille ist das «Tonbild». Dabei handelt es sich um einen vierminütigen Stummfilm, in dem Emilie Herzog mit einem Tenor im Duett singt. Die beiden bewegen singend ihre Lippen, der Ton dazu kommt aber von einer Schellackplatte, die gleichzeitig abgespielt wird. Das waren noch Aufnahmetechniken! Welch ein Glück für den Kurator, dass die Stimme der Sängerin auf Schellackplatten dokumentiert ist.

Aus dem Thurgau in die weite Welt

Emilie Herzog wurde zwar in Ermatingen geboren, die Familie übersiedelte aber schon bald nach Diessenhofen, wo ihr Vater Lehrer und Chorleiter war. Über ihn kam sie schon früh mit Musik in Kontakt, sie soll bereits mit zwei Jahren einmal gehörte Lieder richtig und rein nachgesungen haben. Sie lernte auch Gitarre spielen und nahm Klavier- und Orgelunterricht.

Emilie Herzog als Königin der Nacht.

Mit 17 Jahren machte Herzog die Aufnahmeprüfung an die Musikschule Zürich, wurde aber eher abschätzig beurteilt: «Eine hübsche, aber sehr kleine hohe Sopranstimme und viel musikalisches Gehör, jedenfalls zum Unterrichtgeben genügend!» Doch trotz der anfänglichen Schwierigkeiten machte die junge Sängerin schnell Fortschritte, so dass sie auf Empfehlung des Konservatoriumdirektors Friedrich Hegar an der Theaterschule München weiterstudieren konnte.

Am Hoftheater München entdeckt

Dort wurde sie entdeckt. Das Hoftheater München engagierte sie noch während des Studiums als Soubrette, und schon bald avancierte sie zum Publikumsliebling. Rund 650 Auftritte absolvierte sie in München, wechselte dann nach Berlin, wo sie von 1889 bis 1910 im Ensemble blieb. In München lernte sie auch ihren Ehemann kennen, den Musikschriftsteller Dr. Heinrich Welti. Sie heirateten 1890, 1896 kam ihre Tochter Eva zur Welt.

Welti war ein Fan seiner Frau, er begleitete und unterstützte sie als Sängerin, wo er nur konnte. Im Nachlass gibt es unzählige Notizen von ihm, die er seiner Gattin als Feedback auf ihre Auftritte gab – er war ja Musikkritiker von Beruf. Emilie Herzog war eine gefragte «Königin der Nacht». Diese Rolle in Mozarts «Zauberflöte» fordert hochvirtuose Koloraturen in der höchsten Lage, Sie sang sie ganz leicht.

Ein Liederabend rund um Emilie Herzog

Wie bekannt Emilie Herzog zu Lebzeiten war, zeigen in der Ausstellung auch die Orden von Königs- und Kaiserhäusern, die ihr verliehen wurden. Und kein Geringerer als Richard Strauss hat ihr einige Lieder gewidmet. Im Konzert vom 12. November werden diese Lieder von Strauss im Vinorama gesungen. Die Sopranistin Alexa Vogel hat eine helle, glockenreine Stimme, ganz ähnlich der von Emilie Herzog. Deshalb kann sie auch Mozarts «Königin der Nacht» präsentieren. Die Soirée wird mit Texten von und über Emilie Herzog durchwoben, so entsteht ein farbiges Kaleidoskop zu dieser aussergewöhnlichen Künstlerin.

Die Ausstellung ist sicher bis im nächsten Frühling zu sehen. Jeweils sonntags von 14-17 Uhr. Konzert: Sonntag, 12. Nov. 17 Uhr im Gewölbekeller. Verbindliche Reservation unter info@vinorama-ermatingen.ch.

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