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Kurze Reise zur ältesten Venus

Von der Venus aus der Eiszeit bis zur geheimnisvollen Legende um die Quelle der Blau und der Zeit von heute ist es ein Sprung von 40’000 Jahren. Alles zu finden in dem Landstädtchen Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb.

Hätte mich vor diesem Wochenende jemand gefragt, wo das bisher älteste Kunstwerk der Menschheit gefunden wurde, hätte ich spontan auf den Vorderen Orient oder Ostafrika getippt, nicht aber auf einen vermutlich wenig bekannten Landkreis in Deutschland, 150 Kilometer von der Schweizer Grenze weg. Über ein Wochenende lassen sich spannende Entdeckungen aus verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte machen. Die Schwäbische Alb ist voller Geheimnisse.

Karstlandschaft mit dem Albtrauf © Geopark Schwäbische Alb

In diesem wohl höhlenreichsten Gebiet Deutschlands, gibt es etwa 2600 bekannte Höhlen. Einige der interessantesten davon finden sich hier am südlichen Rand der Alb und im Urtal der Donau, rund um Blaubeuren.

Blaubeuren: Webergasse mit Zunfthaus

Stilvoll renovierte Fachwerkbauten prägen die Altstadt. Auf der Nordseite liegt der Blautopf, eine Karstquelle, welche mit ihrem Farbenspiel die Besucher in ihren Bann zieht. Heute ist der Topf gerade türkisblau – mit 21 Metern Tiefe eine der größten Quellen in Deutschland. Nicht zuletzt war der Blautopf auch Inspiration und Schauplatz für die Historie der Schönen Lau des schwäbischen Lyrikers Eduard Mörike (1804-1875). Sie war der Legende nach eine schöne Wassernixe, die von ihrem Gemahl, einem alten Donaunix aus dem Blauen Meer verflucht wurde. Es gelang ihr schliesslich, sich mit der Hilfe einer Menschenfrau vom Fluch zu befreien.

Im Blautopf entspringt die Blau, ein Nebenfluss der Donau.

In unmittelbarer Nachbarschaft gründeten die Grafen von Ruck und Tübingen im Jahr 1085 das Kloster Blaubeuren. Dessen Blütezeit im 15. Jahrhundert entstammen die heutige Anlage sowie der prachtvolle Hochaltar. Der Besuch eines der bedeutendsten Klöster Württembergs lohnt sich. In der grossen Anlage befindet sich auch das Badhaus der Mönche mit wertvollen Ausstellungsstücken.

Als absoluter Höhepunkt eines Aufenthaltes in Blaubeuren lockt der Besuch des neuen, didaktisch ausgezeichnet konzipierten urgeschichtlichen Museums. Es zeigt aus Mammutelfenbein gearbeitete Statuetten – erstaunliche Schätze aus der Altsteinzeit. Menschen der Gattung Homo sapiens siedelten hier schon vor 40‘000 Jahren; für Jahrtausende zeitgleich mit den älteren, später aber ausgestorbenen Neandertalern.

Während Jahrzehntausenden in vorgeschichtlicher Zeit bewohnte Höhlen wurden und werden seit langer Zeit erforscht. Aus dem Abraum früherer Grabungen fanden sich kleinste Puzzlestücke, die, richtig zusammengesetzt, zu sensationellen Kunstwerken geworden sind.

Die Venus vom Hohle Fels ist das bisher älteste bekannte figürliche Kunstwerk der Menschheit. Sie ist aus Mammutelfenbein und 40 000 Jahre alt.

Die gelungene Wiederherstellung der im September 2008 gefundenen Venusfigurine aus der Kultur des Aurignacien war eine Weltsensation, nicht nur unter Archäologen.  Die Geschlechtsmerkmale sind auffallend hervorgehoben. Vermutlich wurde die nur fingergrosse Figur als Anhänger getragen. Es gibt unterschiedliche Deutungen. Viele interpretieren sie als Symbol der Fruchtbarkeit und der mütterlichen Betreuung.

Der Löwenmensch aus der Stadel-Höhle im Hohlenstein ist heute in Ulm ausgestellt. Fotos: Dagmar Hollmann (Frontansicht), Thilo Parg (Rückansicht).

Das grösste Kunstwerk ist ein geheimnisvolles Mischwesen aus Mensch und Löwe. In einer aufwändigen Grabarbeit konnte es aus exakt passenden Einzelstücken wiederhergestellt werden. Die Figur ist aus dem Stosszahn eines Mammuts hergestellt und etwa 30 cm hoch. Höhlenlöwen waren die gefährlichsten Raubtiere in der Altsteinzeit.

Eiszeitkunst: Der Seelenvogel, der ins Wasser gleitet

Auch in der Vogelherdhöhle im Lonetal wurden kunstvoll gefertigte Figuren gefunden, unter anderen ein tauchender Wasservogel, der als Seelenvogel gedeutet wurde. Einige Forscher schreiben ihm eine religiöse oder rituelle Funktion zu, als Symbol für die Seele oder als Schutzamulett. Er weist darauf hin, dass die Menschen in der Altsteinzeit schon über ein hohes kulturelles Niveau verfügten und sich mit ihrer Umwelt auseinandersetzten.

Diese Flöte wurde vor rund 35 000 Jahren gefertigt und gespielt.

Es wurden auch fein gearbeitete Flöten aus verschiedenen Materialien wie Gänsegeierknochen gefunden, es sind die ältesten Musikinstrumente der Welt. Die Künstler der Altsteinzeit hatten Stilempfinden und bemerkenswerte handwerkliche Fähigkeiten. Ein Hirschhorn mit einer Obsidian-Steinklinge zu bearbeiten ist ein mühseliges Unterfangen, wie man sich im Museumsatelier am konkreten Objekt selbst vergewissern kann.

Eingang zum Hohle Fels, wo unter anderem die Bruchstücke der Venusfigur gefunden wurden.

Die ersten Darstellungen von Menschen, Tieren und Mischwesen sind Beleg für die Entstehung des modernen menschlichen Denkens, das sich in Kunst, Symbolen, Musik, Ritualen und Glaubensvorstellungen ausdrückte. Nirgendwo auf der ganzen Welt wurden bisher von Menschen gefertigte ältere Kunstgegenstände und Musik­instrumente gefunden. Im Jahr 2017 wurden die Höhlen und die Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb zum UNESCO-Welterbe ernannt. Der Hohle Fels kann besichtigt werden. Im Winterhalbjahr ist die Höhle allerdings geschlossen.

Titelbild: Der Blautopf
Bilder: Justin Koller
Unesco-Welterbe Höhlen und Eiszeitkunst
Informationen für den Besuch im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren.

Eduard Mörikes Historie von der schönen Lau
Film zur Eiszeitkunst in Blaubeuren:

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3 Kommentare

  1. Lieber Justin
    Der Artikel ist für mich eine Überraschung: ein Essay aus der Tiefe von Zeit und Raum, Helle und Dunkel, die uns auf der Oberfläche der aktuellen Geschehnisse besonders beeindruckt. Danke!

  2. Sehr schöne Präsentation. Danke, lieber Justin. Bei unserm seinerzeitigen Besuch am Blautopf und in seiner Umgebung sind wir leider nicht auf die lokale Venus gestossen. — Herzlich b.oe.hb.

  3. Lieber Justin, ich durfte ja dabei sein, als du Blaubeuren erkundet hast. Ich danke dir für die spannenden Texte und vor allem auch für die beeindruckenden Bilder. Auf ein anderes Mal, vielleicht in Ulm und Blaubeuren. Herzliche Grüsse, Toni

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