StartseiteMagazinLebensartLindenhof-Gespräche (I): Der «Hexenklub»

Lindenhof-Gespräche (I): Der «Hexenklub»

An den «Lindenhof»-Gesprächen reden die alten Freundinnen über Gott und die Welt. Jüngst haben sie sich ausgetauscht über ihre Vorstellungen vom Jenseits.

Immer am zweiten Dienstagnachmittag trifft sich eine illustre Runde von Frauen im sogenannten «Rüümli» des örtlichen Tearooms «Zum Lindenhof» zu Kaffee und Kuchen. Bei den Damen handelt es sich um ein verschworenes Grüppchen, das sich seit gut und gerne zwei Jahrzehnten trifft. Schon manches Gerücht wurde hier zum Leben erweckt und – freiwillig oder nicht – in die Freiheit entlassen. Ebenso ranken sich Mythen und Geschichten rund um diese «Lindenhof-Frauen». Was Wunder, wird im Dorf – und vorab an Stammtischen – auch gerne einmal über den «Hexenklub» gelästert.

Als gesichert gilt, dass die fünf Freundinnen mehr verbindet als nur ihre Leidenschaft für Sachertorte, Eierlikör, Beethoven und Brahms.

 

Geprägt ist die Runde durch die philosophisch-esoterische Neigung von Verena Pauline Rosenstiel, die den Frauenzirkel damals ins Leben gerufen hatte. Rosenstiel (82), gewesene Buchhändlerin, Kinderbuchautorin («S Würmli Dorli») und selbsternannte indianische Schwitzhütten-Expertin, ist immer wieder gut dafür, ein kontroverses Thema aufs Tapet zu bringen, welches das Gefüge der Runde zuweilen arg ins Rütteln bringt.

Verena Pauline Rosenstiel, von ihren Freundinnen Rösli gerufen, hat jüngst das Thema Jenseits aufs Tapet gebracht und damit in ein Wespennest gestochen. Sie selber ist felsenfest davon überzeugt, dass das «Drüben» aus einer rosig-lieblich-friedlichen «Welt» besteht und dass sie persönlich aufgrund ihres tadellosen Erdendaseins «Eintritt ohne Anstehen» erhält.

Adalberta Antonella Amorini (79), zeitlebens Hausfrau, sechsfache Mamma, dreizehnfache Nonna und Ehefrau von Luigi mit Hang zum Bemuttern ihres Umfeldes, ist schockiert über Röslis Theorie. Sie – für die anderen die Nella – sei mittlerweile überzeugt davon, dass nach dem Tod einfach rein gar nichts mehr komme. «Niente! Nulla! Nix!», ruft sie ihren Freundinnen zu. «Eifach Niente!»

«Auääää schooo!», entgegnet ihr Wilhelmina Wasserfallen-Wollinger (78) bestimmt. Die ehemalige Schulmeisterin und spätere Lichttherapeutin mit unübersehbarem Hang zum Esoterischen glaubt, dass alles vorbestimmt ist und dass es Zufälle schon gar nicht gibt. Und, so die resolute Wilhelmina, «dass unser aller Seelen inkarnieren.» Persönlich ist sie ziemlich überzeugt, dereinst mindestens als ägyptische Pharaonin «weiterzuleben».

Judith Junghans-Jaun (78), Mediatorin a. D. und bis zur Altersguillotine als streitbare Politikerin der progressiven Organisationen POCH gern und häufig in den Medien präsent, ist radikal anderer Meinung als die anderen: «Ihr Lieben, ihr seid viel zu optimistisch und gutgläubig!» Sie persönlich glaube an das Zusammenspiel von Satanismus und luziferianischem Denken, sagt sie. Und an einen Gott, der «gierig, herrschsüchtig und vor allem extrem nachtragend» sei. Deshalb, so Ju: «Ein Aufsteigen in den Himmel ist darum rein unmöglich. Gott würde dem Durchschnittsmenschen den Zutritt schlicht und einfach verweigern.» Schon eher Zutritt gebe es in die Hölle.

Überliefert ist, dass sich die «Lindenhof- Frauen» an diesem Tag eher kurz angebunden voneinander verabschiedet haben.

Cartoons von Ernst Feurer

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