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Zu Besuch beim Geologen André Lambert

André Lambert untersuchte Gesteinspigmente in Apulien, half bei der Standortsuche für radioaktive Abfälle der Nagra, studierte die Eiszeit am Bözberg und macht noch immer Führungen durch das Felslabor Mont Terri bei Saint-Ursanne. Seniorweb besuchte ihn.

Zu Beginn unseres Gesprächs erzählt André Lambert begeistert vom gemeinsamen Projekt mit seinem kürzlich verstorbenen Freund Stefan Muntwyler, Maler und Farbforscher. Stefan war 1979 zufällig in Otranto im Süden Italiens auf eine Bauxitgrube mit einem kleinen Grundwassersee gestossen. Als Künstler waren für ihn damals Brauntöne schmutzig und er mied sie, bis er in Otranto die grosse Farbenvielfalt von Erdfarben entdeckte: Rote Erden in Nuancen von Rostrot, leuchtend Orange bis Rosa, dunkle bis helle gelbe Ocker und sogar Schichten von nach Kohle riechendem Schwarz, aber auch Grau und Weiss. 60 verschiedene Farbtöne.

Das Buch zum Projekt «Die Farberden von Otranto» von Stefan Muntwyler, André Lambert und Thomas Rickert, Selbstverlag, 2023.

Im Herbst 2008 konnte Stefan Muntwyler auf Initiative des Gewerbemuseums Winterthur in der Bauxitgrube von Otranto ein Projekt durchführen und entwickelte mithilfe eines Pigmentfarben Herstellers einen Aquarellkasten. An diesem Projekt nahm auch André Lambert als Geologe teil. Lambert erstellte ein geologisches Profil der Grube und beschrieb die erdgeschichtliche Entstehung der Grubengesteine aus der Jurazeit bis zu den Kohleschichten und den hellen Seekalken des Tertiärs. Da der Seegrund noch nicht erforscht war, unternahmen sie 2014 mit einer von Lambert an der ETH mitentwickelten Sonde eine Untersuchung der Bodensedimente im Seegrund. Über dieses Projekt kam unlängst ein kleines Buch Die Schönheit des Drecks. Die Farberden von Otranto im Selbstverlag heraus.

Der Weg zur Geologie

André Lamberts Interesse für Geologie wurde bereits in seiner Kindheit geweckt. Sein Vater nahm ihn früh auf Berg- und Klettertouren mit und erklärte ihm das unterschiedliche Gestein. Im Tessin sah er am Campolungo-Pass erstmals über dem dunklen Gneis eine scharf abgegrenzt weisse Schicht, den zuckerförmigen Dolomit, der später beim Bau des Gotthardbasistunnels Probleme verursachen sollte und als Priora-Mulde durch die Medien bekannt wurde. Als 16-Jähriger nahm er an einer Expedition ins Hölloch im Muotathal teil, «das nahm mir den Ärmel rein», sagt er, und trat in den Verein der Höhlenforscher ein. In der Kantonsschule Baden prägte ihn zudem sein Geografielehrer, der sich besonders für Geologie interessierte und ihm bei der Studienwahl beratend zur Seite stand.

Steinplatte aus der Spanischen Sahara (heute Westsahara), 120 x 90 cm, mit Versteinerungen aus dem Devon-Zeitalter.

Sein Studium an der ETH Zürich begann er in klassischer Geologie mit Hammer, Lupe und Salzsäure. Kalkstein löst sich unter Salzsäure schäumend auf. Er erkannte, dass ihn die kartographische Feldforschung nicht befriedigte. Durch einen Glücksfall kam ein junger Dozent aus den USA auf den ETH-Lehrstuhl, der sich u.a. mit Ablagerungsmechanismen in Ozeanen und Seen beschäftigte. Nun hatte Lambert sein Thema gefunden, und er schrieb 1976 seine Dissertation über Sedimente und Ablagerungsprozesse.

Kurz nach Studienabschluss, als er an einem Tiefseeprojekt im Ostmittelmeer teilnahm, erhielt er ein Angebot von der Versuchsanstalt für Wasserbau (VAW) der ETH. Sie suchten eine Fachperson, die sich mit Ablagerungsvorgängen in Stauseen auskannte und Methoden entwickeln konnte, Sedimente möglichst ohne Schaden für die Wasserökologie zu entfernen. Elf Jahre war er mit Enthusiasmus und Freude dabei.

Vom Sedimentfachmann zum Nuklear-Entsorger

Ein ehemaliger Student an der VAW bot ihm 1989 an, bei der Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) mitzuarbeiten. Seine erste Reaktion war nein, sicher nicht bei der Nagra! Doch dann erörterte er, auch gemeinsam mit seiner Ehefrau, die damals aufkommende Ungewissheit über die mittelfristige Zukunft der VAW als ETH-Institution; und sagte zu, «eher contre coeur», wie er meint. Doch bereut hat er diese Entscheidung nie.

Modell: Verbrauchte Brennelemente in einem mit Bentonit verfüllten Lagerstollen im Opalinuston im Felslabor Mont Terri bei Saint-Ursanne. Foto: André Lambert

Bei der Nagra lernte Lambert dank neuesten Explorationsmethoden den geotektonischen Untergrund der Nordschweiz kennen, genügend finanzielle Mittel standen zur Verfügung und er arbeitete breit abgestützt mit neuen Fachkollegen, auch mit Physikern, zusammen. Mittlerweile hat bekanntlich die Nagra den Standort «Nördlich Lägern» für die Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle vorgeschlagen.

Seit 1996 wird Grundlagenforschung für die Tiefenlager im geologischen Felslabor bei Saint-Ursanne im Kanton Jura vom Bundesamt für Landestopografie betrieben. Hier, 300 Meter unter der Erdoberfläche, befinden sich dieselben Tonstein-Formationen, Opalinuston, wie im tiefen Untergrund «Nördlich Lägern». Tonsteine wie Opalinuston sind «extrem geringdurchlässig» und daher geeignet für die langfristige Isolation von Wasserzutritt. Denn Wasser könnte langfristig radioaktives Material aus dem nuklearen Abfall herauslösen und in die Biosphäre bringen.

Entsorgung verbrauchter Brennstäbe

Wie die Einlagerung verbrauchter Brennstäbe später einmal vor sich gehen würde, erklärt uns der Spezialist André Lambert:

Bevor die verbrauchten Brennstäbe aus den Kernreaktoren ins Endlager kommen, müssen sie zuerst im Würenlinger Zwischenlager während mindestens 40 Jahren abgekühlt werden. Denn, sind sie noch zu heiss, würden sie im Tiefenlager den Ton zu Keramik brennen und damit die Einschluss- und Abdichtungseigenschaften beeinträchtigen. Zur Einlagerung würden die verbrauchten Brennelemente in zylinderförmige fünf Meter lange Stahlbehälter von einem Meter Durchmesser eingekapselt. Diese bis 25 Tonnen schweren Behälter kämen dann in stollenförmige Hohlräume innerhalb der Opalinuston-Schicht. Die verbleibenden Zwischenräume würden gefüllt mit Bentonit, einem Gestein aus verschiedenen quellfähigen Tonmineralien. So könnten die Stahlzylinder wie eine Perlenkette aufgereiht in parallel (mit in einem seitlichen Abstand von 40 bis 50 Metern Abstand) angeordneten Stollen eingebracht werden. Danach würden die verfüllten Stollen versiegelt. Doch bis das Ganze realisiert wird, braucht es viele Abklärungen und Bewilligungen; also viel Zeit!

Geologie nach der Pensionierung

«Geologen machen ihr Hobby zum Beruf und wenn sie pensioniert sind, den Beruf wieder zum Hobby» ist Lamberts Leitspruch. Er bietet im Felslabor in Saint-Ursanne weiterhin Führungen für Interessierte in Gruppen an. Dann beschäftigt er sich auch mit der letzten Eiszeit vor etwa 12 bis 15’000 Jahren, deren Eisdecke nur bis zum Jurasüdfuss vorstiess und daher auf dem Bözberg intakte ältere Findlinge einer früheren Eiszeit hinterliess. Diese Studie publizierte er zusammen mit dem ehemaligen Aargauer Kantonsgeologen Hans Burger: Wie der Bözberg seinen letzten Schliff bekam. Spuren einer grossen Eiszeit – Findlingsgesteine zwischen Fricktal und Aare.

Der antike «coffret du petit minéralogue» enthält alles für den Geologen im Feld vor etwa 100 Jahren.

Ein weiteres Hobby ist die Sammlung alter Messinstrumente, die in Vitrinen in seinem Wohnzimmer ausgestellt sind. Auch ein altes Feldlabor mit einem Hämmerchen, einem Magnet für das Erkennen magnetischer Erze, wie etwa Magnetit, einem kleinen Mörser aus Achat oder Glasfläschchen mit Salzsäure, geschützt in Hülsen aus Holz. Dieser antike «coffret du petit minéralogue» fand André Lambert bei einem Optiker in seiner Heimatstadt Genf.

Fotos: rv

 

 

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