StartseiteMagazinGesellschaftAuch die Schweiz hat eine Kolonialgeschichte

Auch die Schweiz hat eine Kolonialgeschichte

Der emeritierte Basler Professor Georg Kreis zeigt in einem neuen Forschungsbericht im Überblick, was die jüngere Geschichtsforschung über eine schweizerische Teilnahme am Kolonialismus herausgefunden hat.

«Da wir mit Sklaverei, Sklavenhandel und Kolonialismus nichts zu tun hatten», wären entsprechende Entschädigungen für unser Land «im Prinzip kein Problem», sagte ein Schweizer Delegierter der «Welt­woche» 2001 im Vorfeld einer Uno-Konferenz in Durban gegen Rassismus. Er bezog sich damit nur auf die Schweiz als Staat. In jenen Jahren hatte indessen die Schweizer Geschichtsforschung begonnen, die zahlreichen Verwicklungen schweizerischer Siedler, Händler, Industrieller, Forscher, Bankiers und sogar Söldner in die Kolonialherrschaft anderer Länder aufzuarbeiten. Der emeritierte Basler Geschichtsprofessor Georg Kreis legt nun eine Übersicht über diese Arbeiten vor: «Blicke auf die koloniale Schweiz; ein Forschungsbericht» (231 Seiten, Chronos 2023).

Das Buch richtet den Blick zuerst auf die «kolonialgeschichtliche Aufmerksamkeitskonjunktur», skizziert deren Belege chronologisch und ortet den Antrieb dafür nicht nur in der früheren Vernachlässigung oder stark eurozentrischen Betrachtung dieses Aspekts der Schweizer Geschichte. Vielmehr stellt der Autor auch «nichtakademische Voraussetzungen» fest: gestiegenes Interesse an «Ungerechtigkeiten der Vergangenheit» (Verdingkinder, Schweiz im Zweiten Weltkrieg oder Umgang mit der Apartheid in Südafrika); verstärkte Zuwanderung aus ehemaligen Kolonien und daher Notwendigkeit, sich mit Rassismus zu befassen.

Buchdeckel mit einem Ausschnitt von «La Blanche et la Noire» von Félix Vallotton (Villa Flora, Winterthur).

«Postkoloniale» Sichtweise

Den meisten neueren Arbeiten liegt ein «postkolonialer» Ansatz zugrunde, der im heutigen Umgang mit dem Weltsüden und den Menschen von dort immer noch eine kolonialistische Haltung sieht: die eigene «zivilisatorische Überlegenheit» rechtfertige eine wirtschaftliche Ausbeutung, die letztlich auch den «Unterlegenen» zugute komme (meine Zusammenfassung). Kreis bedauert, dass aus dieser kritischen Sicht bisher keine «wirklich geteilte gemeinsame Geschichte» der «kolonialen Lebensverhältnisse» entstanden sei, sondern «erneut eurozentrisch» vor allem die eigenen Bewusstseinszustände beleuchtet würden.

Nach seinen Ausführungen zu Wissenschaftstheorie und -geschichte, die im Detail wohl eher Fachleute interessieren, präsentiert der Autor in kurzen Kapiteln ein Panorama der kolonialen Machenschaften, bei denen Schweizer mitwirkten. Zuerst geriet der Sklavenhandel ins Blickfeld, mit einer Studie aus der Universität Lausanne von 2005, die in der deutschen Übersetzung den Titel «Schwarze Geschäfte» trägt; heute wäre die bildliche Gleichsetzung schwarz/übel anstössig. Im gleichen Jahr veröffentlichte Hans Fässler «Reise in Schwarz-Weiss»; zuvor und seither hat er sich in Aufsätzen, Vorträgen und politischen Vorstössen als «dekolonialer Aktivist» (Selbstbezeichnung) profiliert. Er bietet auch Stadtführungen an, vor allem in St. Gallen und Zürich, dieses Jahr zudem erstmals in Aarau.

Lukrativer Dreieckshandel

In diesen Städten lässt sich anhand von Bank- und Fabrikgebäuden sowie Villen der Dreieckshandel illustrieren, mit dem auch Schweizer reich wurden: «Indiennes» – ursprünglich aus Indien, nun mit importierter Baumwolle in Europa hergestellte bunte Stoffe – dienten in Westafrika als «Währung» für den Kauf von Sklaven, die dann nach Nord- und Südamerika inklusive Karibik verschleppt wurden. Dort gab es aus dem Erlös Rohstoffe zu kaufen, u.a. für Schweizer Schokoladefabriken. Neben solchen Geschäften präsentiert Kreis auch Forschungsarbeiten zu Theoretikern, Siedlern, Missionaren und Söldnern aus der Schweiz.

Die Auswanderung wurde zuweilen von lokalen Stellen gefördert (um Arme loszuwerden), doch der Bundesrat lehnte Vorstösse für eidgenössische Siedlungshilfe im 19. Jahrhundert stets ab. Heute sind wiederum lokale Behörden wegen Denkmälern, Museumsgütern, Haus- oder gar Bergnamen «postkolonial» gefordert. Beim Bund gibt es Bemühungen gegen den Rassismus (Kreis präsidierte die damit befasste Kommission) und Geld für Entwicklungsprojekte, das aber eben nicht als «Entschädigung» gesehen werden soll.

Einen parlamentarischen Vorstoss, die koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten, wies der Bundesrat 2003 mit dem Hinweis zurück, die Schweiz sei keine Kolonialmacht gewesen. Zwar habe auch die Schweiz in Durban 2001 die Aufarbeitung als notwendig erachtet, aber dazu reiche die übliche Forschungsförderung. Inzwischen ist tatsächlich eine halbe Bibliothek entstanden. Kreis bietet einen souveränen Überblick (samt 23 Seiten Bibliografie) und in den thematischen Kapiteln anschauliche, gut lesbare Einblicke. «Die» Kolonialgeschichte der Schweiz aber bleibt, darauf aufbauend, noch zu schreiben.

Titelbild: Buchdeckel «Schwarze Geschäfte», Limmat-Verlag 2005, Ausschnitt («La Traite des Nègres», George Morland um 1800, Historisches Museum Bern) © Limmat Verlag

LINK

Georg Kreis, «Blicke auf die koloniale Schweiz; ein Forschungsbericht» (231 Seiten, Chronos 2023).

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1 Kommentar

  1. Sklavenhandel gibt es seit dem Altertum. Noch bis ins 19. Jahrhundert machten von Nordafrika aus operierende Sarazenen das Mittelmeer unsicher und versklavten die Bevölkerung eroberter europäischer Städte (am bekanntesten sind die Plünderungen von Bastia und Vieste). Seit Ende des Mittelalters kauften auch Europäer Sklaven, fast ausschliesslich bei arabischen und afrikanischen Händlern. Die meisten wurden nach Amerika verschifft, um dort die wie Fliegen wegsterbenden Indio-Sklaven zu ersetzen.

    Rassismus ist kaum jünger, sowohl gegen fremde Religionsgemeinschaften als auch gegen andersartig Aussehende, wie etwa Zigeuner oder Tataren.

    Obwohl die christliche Botschaft eigentlich etwas anderes lehrt, galten sowohl Rassismus als auch Sklaverei in den Augen der Europäer (und insbesondere der Kirche und ihrer diversen kolonialen Handelsgesellschaften) bis ins 19. Jahrhundert hinein als durchaus normal und mit ethischen Grundsätzen vereinbar. (Noch Mitte des 20. Jahrhunderts zeigte der Zirkus Knie in seiner Raubtierschau einen Wagen mit einer schwarzen Familie und niemand nahm daran Anstoss.)
    Es versteht sich von selbst, dass jeder Schweizer, der damals im interkontinentalen Handel tätig war, mit den damaligen, heute verschrieenen, Produktions- und Handelsmethoden in Berührung kam. Bloss dachte er sich nichts schechtes dabei.

    Genausowenig wie die Vorfahren derjenigen, die ihn (de Pury, Escher, etc.) heute vom Denkmalsockel stürzen oder die das Agassizhorn umbenennen wollen. Das sollte Grund genug sein, endlich mit den von links kommenden Angriffen gegen vor ein paar Jahrhunderten im Welthandel tätig gewesene bürgerliche Politiker aufzuhören. Geradezu unerträglich wird es aber, wenn die selbsternannten Rächer der Negersklaven in Freudentänze verfallen, weil Solarpanels aus China billiger geworden sind. Dank uigurischer Sklaven!

    Und nun noch zum Umfang des Sklavenhandels: pro Jahr wurden im Durchschnitt etwa 50.000 afrikanische Sklaven über den Atlantik verfrachtet. Zur Zeit schuften rund 1 Mio uigurische Sklaven in Arbeitslagern.

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