StartseiteMagazinLebensartPfingströsli (I): «Pöstli»-Stammtisch

Pfingströsli (I): «Pöstli»-Stammtisch

Etwa alle zwei Monate machen sich drei männliche Bewohner des Alterszentrums «Pfingströsli» auf zu einem kleinen Abenteuer. Heute ist es wieder soweit.

Auf diesen Tag haben sich die drei Freunde des gleichen Alterszentrums schon lange gefreut. Beim allgemeinen Durcheinander will an diesem Mittag im Esssaal niemandem auffallen, dass sich drei betagte Herren zufällig etwa gleichzeitig auf ihr Zimmer zurückziehen. Auch dann nicht, als Armando Angiuli (83), gewesener Vorabeiter auf dem Bau, kurz darauf mit Hut und Rollator das «Pfingströsli» verlässt. Gotthilf Gerster (79) und Guido Gunzenhauser (84) sind kurz zuvor von der Stationsschwester Ingrid beim Aufbruch «zu einem kurzen Verdauungsspaziergang» freundlich begrüsst worden. Hätte die junge Frau etwas genauer hingesehen, so hätte sie womöglich das Rauchzeug in Gunzenhausers Brusttasche entdecken können.

Dass die drei Freunde etwa alle zwei Monate klandestin von einem Taxi abgeholt und das Tal hinauf in eine alte, eigentlich geschlossene Gastwirtschaft gebracht werden, weiss niemand im «Pfingströsli» – ausser der ehemalige Steuerbeamte Kurt Känzig (91), der aber vor Kurzem ins Spital musste.

Dort, im «Pöstli», wartet schon Josef «Sepp» Schindler (88) auf die drei «Ausbrecher». Schindler, Gründer und Patron seiner Möbelschreinerei, ist mit seinem geliebten Mercedes-Oldtimer Modell 220Seb noch selbstständig über den Hügel getuckert; schliesslich hat ihm sein Vertrauensarzt bescheinigt, er sei noch voll fahrtüchtig. Kaum sitzen die vier Freunde rund um den hölzernen Stammtisch mit gusseisernem Aschenbecher im Zentrum, stehen zwei Karaffen mit Wein auf dem Tisch. Schwer stehen die Schwaden von Zigarren und Villiger-Kiel in der Luft der Gaststube.

Heute steht unseren vier Freunden der Sinn offenbar nicht ganz ungeteilt nach Jassen – zumindest vorerst nicht. Schuld daran ist «Sepp», der wieder einmal von seiner «guten Fee» Natalia (35) berichtet. Die Polin – eine Care-Migrantin – wohnt derzeit wieder während vier Wochen bei ihm und ist rund um die Uhr für ihn da. Die anderen kennen Sepps Lieblingssatz bereits: «Wäre ich nochmals vierzig, würde ich dieses rassige Wyybervolch sofort heiraten!»

«Jaja, du wieder …», sagt nun «Godi» Gerster augenzwinkernd. Er selber habe es halt mehr mit der tamilischen Pflegefachfrau Ameeta (29), die ihn nach Kräften unterstütze, wo sie nur könne. «Und trotz Stress lächelt sie immer», pflichtet ihm Armando bei, muss aber gleich zum Gegenschlag ausholen: «Also die Pauline (41) von der Frühschicht ist ja so etwas von herablassend und unfreundlich – ein richtiger Drachen!» «Die Waldmeier ist halt eine typische Deutsche», sagt nun Guido und giesst nach. «Aber ich muss euch sagen: Eine solche ist mir allemal lieber, als wenn meine Kinder für mich schauen müssten. Die sollen ihr eigenes Leben leben können.»

«Jungs, ihr seid mir ja komische Käuze», macht sich nun wieder Sepp bemerkbar. «Sollten wir nicht besser endlich mit dem Jass beginnen?»

Gute zwei Stunden später sitzen Godi, Armando und Guido zufrieden bei Mineralwasser beim Nachtessen wieder im «Pfingströsli». Vesna (42), die früher einmal in einer ehemaligen Beiz talaufwärts serviert hatte und heute im Heim in der Küchenmannschaft tätig ist, meint beim Servieren naserümpfend so etwas wie Stumpengeruch wahrnehmen zu können…

Cartoons von Ernst Feurer

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