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Unser Leben gestalten

Wie gehen wir mit Verlust und unserer Endlichkeit um? Darüber diskutierte ich Ende November im Sissacher Kulturbistro Cheesmeyer mit den Publizistinnen Cornelia Kazis und Franziska Schutzbach.

Cornelia Kazis ist eine langjährige Radio-Journalistin. Sie hat, pensioniert und verwitwet, das Buch Weiterleben, Weitergehen, Weiterlieben. Wegweisendes für Witwen verfasst. Witwen leben laut Kazis im gesellschaftlichen Schatten. «Schade», sagt sie, «denn die meisten von ihnen verkörpern eine wertvolle Qualität: Resilienz, seelische Widerstandskraft».

Und was empfiehlt die erfahrene Moderatorin den Witwen? «Lebt eure individuelle Trauer!» antwortet sie; es gelte wegzukommen von einem starren Verständnis des Verlustschmerzes: «Ja, es gibt so viele Faktoren, die den Verlauf der Trauer bestimmen». Bedeutend sei etwa, «woran der Lieblingsmensch gestorben ist, welche Jenseitsvorstellungen vorhanden sind und ob gemeinsame Kinder da sind». Selber hätten ihr überstandene Lebenskrisen und ein Gedicht von Rose Ausländer geholfen: «Noch bist du da! Sei wer du bist! Gib was du hast!»

Persönlich gehe sie, Cornelia Kazis, mit dem Älterwerden «etwas vorbildlos» um. Denn ihr Älterwerden unterscheide sich stark von jenem ihrer Mutter. Und das habe auch sein Gutes. Sie müsse sich mehr bei ihren «Peers» umsehen.

Die Soziologin Franziska Schutzbach hat ein Buch über Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit veröffentlicht. Von Frauen werde verlangt, permanent verfügbar zu sein, familiär, beruflich, sexuell und gesellschaftlich. Frauen würden auch heute mit anderen Ansprüchen konfrontiert als Männer. Sie müssten perfekter im Job sein, wenn sie erfolgreich sein wollten, immer toll aussehen, und wenn ein Kind Probleme habe, würden diese auf die Mutter zurückgeführt

«Frauen werden nicht einfach als Menschen betrachtet», so Schutzbach, von ihnen wird nach wie vor erwartet, dass sie gebende Menschen sind». Schon Mädchen sollten zielstrebig, selbstbewusst, lieb und fürsorglich sein. Diese oft zwiespältigen Ansprüche vermittelten das Gefühl, stets «super» sein zu müssen. Das stresse und erschöpfe.

Auch für sie sei es schwierig, obwohl privilegiert, sich der Verfügbarkeit zu entziehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Frauen müssten sich deshalb miteinander austauschen, gegenseitig stärken und mit ihren Partnern über die gleichberechtigte Aufteilung von Familien- und Berufsarbeit auseinander setzen. Das erfordere viel Kommunikation und Zeit, damit alle wüssten, wo die Winterklamotten seien und wann die Klobürste gewechselt werden müsse.

So wünscht sich denn Schutzbach, «dass mehr Männer wirklich in den ‹Managementjob› der Familienarbeit einsteigen und nicht bloss Assistenten sind in Sachen Haushalt und Kinderbetreuung». Persönliche Anfeindungen nimmt sie inzwischen gelassener. Zumal diese zeigten, wie nötig es sei, sich «weiterhin einzusetzen für Gleichberechtigung und für die Anliegen von Frauen».

Ja, das ist bitter nötig. Strukturell und individuell. Frauen mit Kindern sind auch nach Scheidungen finanziell mehrheitlich schlechter gestellt als Männer, die sich meistens rascher mit einer neuen (Lebens-)Partnerin verbinden. Frauen leisten zudem mehr unbezahlte Pflege-Arbeit, die durch keine Sozialversicherung abgedeckt ist. Und so lebt ein Drittel der alleinstehenden älteren Frauen vor allem von der ersten Säule, der AHV.

Allerdings überlappen sich viele Probleme. Zum Beispiel Süchte und psychische Abstürze. Und auch Männer sollten permanent «reibungslos funktionieren» und möglichst besser sein als alle andern. Umso wichtiger sind solidarische Anstrengungen für humane Bedingungen, damit alle ein gutes Leben gestalten können.

Titelbild: Ueli Mäder Foto: © Christian Jaeggi

Einzelne Episoden der Gesprächsreihe von Ueli Mäder und seinen Gästen aus dem vergangenen Jahr sind als Podcast oder auf der Website des Kulturbistro Cheesmeyer nachzuhören

Buchhinweis:
Cornelia Kazis, Weiterleben, Weitergehen, Weiterlieben. Wegweisendes für Witwen. Edition Xanthippe, 2019. ISBN 978-3-905795-66-0
Franziska Schutzbach: Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit. Droemer Verlag, München 2021. ISBN: 978-3-426-27858-1

Was motiviert zur Selbst-Reflexion? Das ist das Thema beim nächsten Gespräch der Reihe «Für eine friedliche Zukunft» im Cheesmeyer. Gäste des Soziologen Ueli Mäder sind am Donnerstag, 14. Dezember die Pilosophin Barbara Bleisch (Sternstunde Philosophie) und der Theologe Matthias Herren (Dargebotene Hand). Der Talk im Kulturbistro Cheesmeyer in Sissach beginnt um 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

 

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