Eine persönliche Geschichte, oder wie ich mit dem Schweizer Fernsehen von Kindsbeinen an aufwuchs, wie das neue Medium schnell mein Fussball-Herz erreichte, wie ich mittendrin war, während 25 Jahren das Schweizer Fernsehen mitprägte. Und: Wie ich mich bis heute mit ihm auseinandersetze. Meine Erwartung: Die Zukunft der SRG ist im Interesse des Zusammenhalts der Schweiz zu sichern. Die Geschichte ist weiterzuschreiben.
Just zum 70. Geburtsjahr des Fernsehens SRF ziehen düstere Wolken über den Studios beim Zürcher Leutschenbach auf, die sich verheerend entladen könnten, wenn das Schweizer Stimmvolk der Halbierungs-Initiative der SVP zustimmen wird. Damit könnte eine Geschichte zu Ende gehen, die stets geprägt war vom Kampf um die Gunst des Publikums, um den ersten Platz in der Schweizer Medienlandschaft und insbesondere des mühsamen Strebens, in der deutschen Schweiz in der ganzen Breite der Politik akzeptiert zu werden. Noch ist es nicht so weit, noch geht es nicht um Sein oder Nichtsein. Noch ist Zeit, sich auf den Abstimmungskampf vorzubereiten, vor allem mit einem professionellen Programm dem Ende zu begegnen.
Was die SVP will
Mit ihrer Halbierungs-Initiative will die SVP, die stärkste Partei, der SRG einmal mehr die finanzielle Grundlage entziehen, indem die Konzessionsgebühr von 335 auf 200 Franken reduziert werden soll. Für die SVP ist klar, dass sich die SRG auf das Wesentliche konzentrieren solle: auf die Informationsvermittlung. Und das möglichst als ein Medium ohne eigenen Standpunkt. Insbesondere von der Unterhaltung hat sie die Hände zu lassen; dies ist den Privaten Anbietern zu überlassen. Die SVP macht damit deutlich, dass sie das Wesen, die Wirkungskraft des Fernsehens, die nationale Bedeutung, die Klammer zwischen den Sprachregionen weder versteht noch verstehen will. Sie positioniert sich damit – entgegen ihrem Selbstbild – als eine subversive Kraft, die den Zusammenhalt der Willensnation Schweiz untergraben will. Selbst bei den Wetterprognosen wittert sie eine Gefahr der politischen Vereinnahmung zu Gunsten einer linken, grünen Politik. Um einerseits nicht ganz aus der SVP-Rolle zu fallen und andererseits der SRG entgegenzukommen, strebt SVP-Bundesrat Albert Rösti einen «Gegenvorschlag» an; die Gebühr soll nach ihm lediglich auf 300 Franken reduziert werden. Ob und wie das Parlament überhaupt auf den bundesrätlichen, quasi «indirekten Gegenvorschlag», den Rösti unbekümmert nur über eine Verordung umsetzen will, reagieren und ob die SVP deshalb ihre Initiative zurückziehen wird, ist mehr als ungewiss.
Dass die FDP in dieser Frage nicht so weit von der SVP entfernt ist, verstärkt die Gefahr, die auf die SRG zukommt. Selbst Thierry Burkard, der FDP-Präsident, ist in dieser Frage noch nicht entschieden, ob er nach rechts oder doch in die Mitte tendiert, in einer Zeit, wo selbst Gerhard Pfister, der Mitte-Präsident, sich von der SRG zu distanzieren beginnt. Und dies, obwohl seine Mitte-Partei (ehemals CVP) in ihrer Geschichte während Jahrzehnten eine treue Verbündete der SRG war, immer wieder die höchsten Repräsentantinnen und Repräsentanten stellte. Es sei aktuell auf Jean-Michel Cina, ehemals CVP-Nationalrat, Walliser Staatsrat und eben Präsident des Verwaltungsrates der SRG, zu verweisen.
70 Jahre mit dabei
Um zu verstehen, weshalb sich in den vergangenen 70 Jahren das verkrampfte Verhältnis zwischen SRG und Politik, insbesondere mit der SVP, nicht löste, lohnt sich ein Blick zurück zu den Anfängen. Eine Zeitspanne, die mich in ihren Bann zog. An eine 70-jährige Geschichte, an der ich mittel- und unmittelbar beteiligt war.
Der TV-Apparat damals, hier in der Küche auf dem Kühlschrank.
Blenden wir zurück. Es ist mir gegeben, die ganzen 70 Jahre erlebt zu haben, als Zuschauer, während 25 Jahren meines Berufslebens als Mitarbeiter in verschiedenen Kaderfunktionen und später als Politiker und kritischer Zeitgenosse. Am 20. Juli 1953 sendete das Schweizer Fernsehen erstmals in die Wohnzimmer einiger Privilegierter und besonders interessierter, die es sich leisten konnten. Und speziell auch in einige wenige Restaurants, die mit einem Fernsehapparat versuchten, Interessierte, die es sich sonst nicht hätten leisten können, als neue Gäste anzuziehen. Zu ihnen gehörte mein Vater. Er nahm mich mit ins Restaurant Untergrund in Luzern, wo im kleinen Saal im ersten Stock oben links das damals kleine Wunderding aufgehängt war. An das gesendete Programm kann ich mich nicht mehr erinnern. Zwei Momente blieben bei mir aber haften: Beim Eintritt musterten mich die Anwesenden von oben bis unten, ihre staunenden Blicke fragten gleichsam: „Was hat ein Kind hier zu suchen?“ Und die zweite Erinnerung: Nach wenigen Augenblicken, als das Programm endlich begann, fing das Bild an zu laufen, der Ton blieb weg. Im Saal raunte es. Eine Stimme aus dem Hintergrund: „Das war das letzte Mal genauso. Es braucht schon etwas Geduld.“
Schon bald, 1954, bei der Fussball-Weltmeisterschaft in der Schweiz, wurden zwei meiner Schulkameraden und ich Stammgäste im Untergrund. Ausgestattet von den Müttern mit je einem Franken nahmen wir die drei Kilometer von Reussbühl ins Restaurant Untergrund unter die Füsse, setzten uns in der ersten Reihe auf den Boden, bestellten ein Glas Orangina zu 45 Rappen und fieberten mit, als die Schweiz gegen Österreich 5:7 verlor, obwohl sie 3:0 geführt hatte. Auch jetzt, 70 Jahre später, ist es ja nicht anders. Immer wieder hat sie Tore in den letzten Minuten hinzunehmen.
Sie waren die Köpfe der Tageschau: Leon Huber, während 34 Jahren. Er war der bestverdienende Mitarbeiter, weil er nicht nur dieTagesschau las, sondern mit seiner Stimme auch unzählige Beiträge und Dokumentationen vertonte.
Der eine Franken reichte für ein zweites Glas und für 10 Rappen Trinkgeld, zur Feier des Tages. Auf dem Heimweg sezierten wir fachmännisch das Spiel, schwärmten von unsern Lieblingsspielern. Mir war ein Uruguayer, erstaunlicherweise ein Blondschopf, Victor Pablo Rodríguez Andrade, aufgefallen, ein robuster Verteidiger, der gerne nach vorne rückte. Ich konnte mir nur den Namen Andrade merken, vergessen habe ich ihn nie. Mit ihm war ich ein Exot. Meine Freunde blieben den „Nati“-Spielern treu: dem Basler Seppe Hügi und dem Zürcher Robert Ballaman.
Die grosse Gegnerschaft
Genauso wie wir das Fernsehen mit seiner Sportberichterstattung, den Live-Übertragungen zu lieben begannen, immer mehr zu schätzen wussten, genauso hatte es vom ersten Tag an und schon im Vorfeld vehemente Gegner. „Kein Radio-Franken für das Fernsehen“, das war der Slogan der bürgerglichen Bildungspolitiker. Die Zeitungen warnten vor der «kulturellen und sozialen Vermassung» der Gesellschaft. Der «Tages-Anzeiger» fürchtete eine Erziehung zu «passivem Herdenwesen». Konservative Politiker fürchteten, dass das neue Medium einen zu starken Einfluss auf die Politik gewinnen könnte. Und die Zeitungsverleger fürchteten Konkurrenz. Der Bundesrat hielt mit dem Argument der «geistigen Landesverteidigung» dagegen, aber nur sehr sachte; er wollte wohl einerseits niemandem zu nahetreten und andererseits den nicht zu stoppenden Angewöhnungsprozess an das neue Medium auch in der Schweiz keinesfalls verhindern.
Und Paul Spahn, der während 23 Jahren selbst chinesischen Namen und Bezeichnungen den richtigen Ton verlieh, auch die meisten Weihnachtsgeschenke bekam: von Pralinées bis zu selbsgestrickten Socken.
Am 23. November 1953 kam es zum offiziellen Start des Schweizer Fernsehens. Davor gab es lediglich Probesendungen, wie die erste Tagesschau, die mit zwei Beiträgen über die Eröffnung des Flughafens Kloten und die Radweltmeisterschaften in Oerlikon berichtete. Ab dem offiziellen Start sendete das Schweizer Fernsehen ein einstündiges Abendprogramm, das jeweils mit der Tagesschau startete. In der Folge wurde das Programm laufend verlängert, auf sieben Tage ausgedehnt, was die Kampagne «Einen Tag ohne Fernsehen» auslöste, die sich dann aber doch nicht durchzusetzen vermochte. Die Zuschauerzahlen stiegen stetig. Die Sender der Nachbarländer erreichten die Schweiz und hatten zunehmend starken Einfluss auf das Fernsehschaffen in der Schweiz.
Titelbild: Das Signet der ersten Tagesschau-Ausgaben. Die Nachrichtensendungen wurden für die drei Sprachregionen bis in die 80-er Jahre in Zürich produziert. Danach in den Regionen (Westschweiz 1974, Tessin 1982). Fotos: SRF
Im zweiten Teil, der am 5. Januar 2024 erscheinen wird, geht es um den eigentlichen Start, um die politischen Diskussionssendungen «Tatsachen und Meinungen, «Zur Sache, der «Freitagsrunde» bis zur «Arena». Und um die «Schmuddelkinder» der Tagesschau.

Ich bin Ihnen sehr dankbar für das Thema «Deutschschweizer Fernsehen», bei dessen Erwähnung mir regelmässig der Kragen platzt. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung und hoffe, dass andere Ressorts ausser Sport ebenfalls gebührend Erwähnung und Erklärung finden.
Was immer ein ehemaliger Mitarbeiter sagt: Es ist eine Tatsache, dass SRF einseitig links geworden ist.
Liebe Frau Schweizer, ich hätte da nur eine Frage: Sind
tägliche Sportsendungen, regelmässige Sendungen wie Landfrauenküche und Landfrauenreisen, Mini Chuchi, dini Chuchi, das teure Format Happy Day, SRF bi de Lüt mit Themen wie Hüttengeschichten, z’Alp, Heimweh, Familiensache etc., Potz Musig oder Samstig Jass, 1 gegen 100, SRF Dok mit Auf und davon, Mona mitten drin, SRF Reporter etc., Serien wie Fasch e Familie, in aller Freundschaft, der Bestatter, Krimis zum Abwinken, die Arena mit regelmässigen politischen Vertretern u.a. der rechten Parteien, Kassensturz, Einstein, SRF Puls, Eco Talk, Sternstunden, Literaturclub, das Fenster zum Sonntag, das Wort zum Sonntag, der Club, Gredig direkt, Guet Nachtgschichtli,
nur um die meistgesendeten Formate von SRF1 zu nennen. Sind Sie wirklich der Meinung, das alles ist einseitig links? Ich glaube, Sie haben da eine falsche Wahrnehmung gepaart mit Vorurteilen. Sorry, meine Meinung.
Sehe es auch so wie Frau Mosimann Regula.
Einstein, Gredig direkt, Sternstunden usw..Eco Talk..hervorragende Sendungen. Es ist eine Balance zu finden, den auch in unserer Sprache (lauter Anglizismen) ..bin ich froh, das die Fasnachten (Basel,Luzern, Liestal) übertragen werden. Kulturgut
kostet immer..alles billig zu machen, ergibt einen totalen Einheitsbrei.
Wenn einmal alles zerstört ist, kostet ein Neuaufbau viel mehr. Es gibt auch schöne alte Schweizer Filme, Ueli der Pächter etc.
die nur von einem starken SRF gesendet werden können.
Die Multi-Sprachen sind bei uns eh ein Kostenfaktor, doch die Schweiz ist eben ein Land, das mehrere Landesprachen hat.
Wir sollten diese den Raum geben und pflegen.
Mich würde es interessieren, wo das Sparpontenzial noch nicht richtig erkann worden ist und dort einige Korrekturen in die Wege leiten.
Sound-,Kamera-,Schnitt-Mitarbeiter, Moderatoren:innen etc. werden für eine Sendung benötigt. WAS kostet den uns eine Sendung!? Transparenz wäre vielleicht hier hilfreich um zu entscheiden. Bei Gredig, das Studio, Backoffice, Researche, Licht und Sound…einarbeiten ins Thema. Meine Idee..wir sehen gar nicht in den Betrieb hinein…wir wollen einfach .
An anderen Orten, werden Spitäler/Mitarbeiter geschlossen, wir wollen billig, ausser wir müssen plötzlich ins Spital.
Ich wünsche uns ein gutes 2024 und mit 300.- bin ich einverstanden. Kompromisse sind schweizerisch und wir sind damit
nie schlecht gefahren. Bin aber dafür, dass man erst wieder in 10-15 Jahren, das Ganze nochmals anschaut, denn die Jungen Menschen sollten es für sich gestalten und Veränderung sind allgegenwärtig.
Diese Meinung teile ich absolut mit Frau Mosimann
Liebe Frau Mosimann, natürlich gibt es neutrale Sendungen, ich meinte vor allem politische Diskussionen oder z.B. Tagesschau -Berichte, welche die gewünschten Meinungen bewirken sollen. Einflussnahme geschieht auch durch bewusstes Weglassen gewisser Tatsachen und anderseits Uebertreibungen von relativ Unwichtigem. Das Raffinierte ist ja gerade, dass das alles sehr subtil und scheinbar objektiv geschieht. Wobei man natürlich vor allem mit einem gutgläubigen Publikum rechnet, für das alles, was öffentlich gesendet wird, die reine Wahrheit ist. Neben anderem hätten uns nur schon die Corona-Falschmeldungen, die nun offiziell als Unwahrheit bestätigt werden (Warnungen bezügl. Impfserum von Pfizer) hellhörig machen sollen. Alles Gute für Sie!
Mit einer Verbilligung der Prämie werden nur noch mehr Reklamen gesendet was von den meisten Zuschauer nicht gewünscht wird. Diese Überlegung ist bei allen Kommentare noch nie erwähnt worden. Die Konsequenz: Auf einen anderen Sender umschalten.