StartseiteMagazinKulturRätselhafter Pionier der Moderne

Rätselhafter Pionier der Moderne

Noch bis Ende Januar ist in der Fondation Beyeler Malerei von Niko Pirosmani (1862-1918) zu sehen. Rund fünfzig selten gezeigte Hauptwerke aus dem Georgischen Nationalmuseum in Tbilissi sind zu sehen.

Der Georgier Niko Pirosmani zählt zu den rätselhaften Künstlern der Moderne, international noch immer weitgehend unbekannt, in Georgien die Nummer eins. Er war an Kunst und Literatur hoch interessiert, konnte jedoch nie eine Kunstschule besuchen oder bei einem Künstler im Atelier lernen. Als Autodidakt malte er zunächst Schilder für Läden und Tavernen.

Niko Pirosmani: Gelage der fünf Fürsten

Seine Bilder schmückten die Wände vieler Gasthäuser in Tbilissi, weil er weder ein passendes Atelier noch einen Galeristen hatte. 1912 wird sein Werk vom russischen Dichter Mikhail Le-Dentu und den beiden Avantgarde-Künstlern Kirill und Ilya Zdanevič entdeckt und seine Arbeit gefördert. In der Moskauer Ausstellung Mischen (Zielscheibe) werden vier seiner Bilder neben Marc Chagall, Kasimir Malewitsch oder Natalja Gontscharowa gezeigt.

Niko Pirosmani: Weisses Schwein mit Ferkeln

Da ihn die Malerei mehr interessierte als der Erlös daraus, kam er nie auf einen grünen Zweig, obwohl er in Kunstkreisen bekannt war und in die georgische Künstlervereinigung aufgenommen wurde, mit der er sich freilich bald zerstritt. Gestorben ist Pirosmani 1918 verarmt, vergessen und krank in einem Loch von Behausung. Berühmt wurde er erst posthum. Seine naive Malerei galt in Fachkreisen bald als ebenso wichtig wie jene des französischen Malers Henri Rousseau, dessen Gemälde Der Löwe hat Hunger nun im Foyer der Fondation hängt.

Von den rund 1000 Bildern haben sich 200 erhalten. Seine Kunst wurde von Sowjetrussland hochgelobt, man sah in ihm den idealen Volkskunst-Maler. Wie wichtig Pirosmani für die aktuelle Kunstszene Georgiens ist, erhellt ein Video auf der Homepage der Fondation Beyeler.

Ausstellungsansicht mit Niko Pirosmani: Frau mit Bierkrug

Geboren wurde Pirosmani am 5. Mai 1862 in Mirzaani als Nikolos Pirosmanaschwili in eine Bauernfamilie. Sein Vater arbeitete später als Landarbeiter bei einem adeligen Weingut-Besitzer, der den kleinen Niko nach dem Tod seiner Eltern in sein Haus aufnahm und ihm eine gute Ausbildung vermittelte, ihn in die Oper mitnahm, ihm Lesen und Schreiben in Georgisch und Russisch beibrachte, so dass er Bücher lesen konnte. Schon als Kind interessierte ihn nichts so sehr wie Malen und Zeichnen. Das einfache Landleben seiner Kindheit auf dem Dorf wurde ihm zum Fundus seiner Motive.

Niko Pirosmani: Stilleben

In Tbilissi eröffnete er mit einem Partner ein Geschäft für Schildermalerei, aber es rentierte ebenso wenig wie ein Milchladen, den er später führte. Drei Jahre war er Bremser auf der Transkaukasischen Eisenbahn, die nach Baku und zurück verkehrte. Damals ruinierte er seine Gesundheit. Ab 1901 widmete er sich nur noch der Kunst, die schöpferische Freiheit war ihm wichtiger als ein fester Wohnsitz oder eine Familie, ohne Fesseln zu malen zog er lukrativen Auftragsarbeiten vor. Er wurde der Künstler der Duchans, der georgischen Tavernen, wo sich Künstler, Schriftsteller, Intellektuelle und das einfache Volk begegneten.

Niko Pirosmani: Fischer in rotem Hemd

Porträts von Handwerkern oder Schönheiten, epische Bilder voller Geschichten und Mythen, Szenen eines Festmahls, von der Religion inspirierte Motive und Tiere hat er in seiner speziellen Technik dargestellt. Viele Bilder haben als Malgrund schwarzes Wachstuch, welches er als Hintergrund, aber auch als Teil seiner Figuren in die Komposition einbezieht.

Niko Pirosmani: Wasserholende Bäuerin mit Kindern. Detailansicht

Was in keiner digitalen Darstellung und in keinem Druck gezeigt werden kann, ist der Pinselstrich, vor allem die Raffinesse, mit der er die weisse Farbe einsetzt. Beispielsweise für die Glanzpunkte des Wassers, in dem der Fischer im roten Hemd steht, oder für das Auge des Keilers. Die Originale zu betrachten, scheint unerlässlich und eröffnet einem die Meisterschaft dieses Autodidakten, den Künstler und Kunsthistoriker als einen der Wegbereiter der modernen Malerei anerkennen.

Niko Pirosmani: Keiler

Seine Malerei stellt eher selten konkrete Orte oder Personen dar, ihm geht es um das Typische, das Gültige. Beispielsweise weist der Arzt auf dem Esel einerseits auf die wichtige medizinische Versorgung, andererseits erinnert er an den Einzug Christi in Jerusalem. Die Tierdarstellungen füllen die Fläche bis fast an den Rand aus, sprengen diese beinahe, etwa die berühmte Giraffe, deren Blick fasziniert. Fast alle Figuren – ob Mensch oder Tier – blicken uns ganz direkt an.

Niko Pirosmani: Die Schauspielerin Margarita

Aus grossen freundlichen Augen schaut auch die Opernsängerin Marguerite de Sèvres aus dem Bild. Die Legende sagt, der Maler sei unsterblich in sie verliebt gewesen, habe all sein Hab und Gut verkauft, um ihr eine Million Rosen zu schenken. Da wenig über sein Leben verbrieft ist, haben sich umso mehr Legenden und Mythen über Pirosmani gebildet. Der Katalog zur Ausstellung versucht dem Phänomen Pirosmani mit aktuellen und historischen Beiträgen näher zu kommen und referiert den Stand der Forschung.

Niko Pirosmani: Fähre in Didube

Neben den Bildern einzelner Figuren oder Szenen in Nahaufnahme hat Pirosmani Naturdarstellungen gemalt, manchmal sind es fast Wimmelbilder, wenn man an das Fest am Fluss Zcheniszkali denkt oder an das Fest des Heiligen Georg in Bolnissi. Da gibt es neben der obligaten Kirche Menschengruppen, Jagdszenen, Hirten mit Herden, oder auch mal einen Reiter, der ennet dem Fluss von zwei Polizisten gefilzt wird – ein Schmuggler?

Niko Pirosmani: Fest am Fluss Zcheniszkali

Auch andere Bilder bleiben rätselhaft. Beispielsweise Kinderloser Millionär und arme Frau mit drei Kindern: Steckt der Hinweis auf einen Handel dahinter, bekommen die freundlichen Reichen den Säugling, der an Mutters Brust hängt, oder geht es Pirosmani ganz schlicht um die Darstellung des Unterschieds arm und reich? Kurator Daniel Baumann sagt: «Er malt die Armen, er malt die Reichen, er malt die Edlen, er malt die Frauen, er malt die Tiere. Und er malt sie alle mit dem gleichen Respekt.»

Titelbild: Niko Pirosmani, Eisenbahnzug in Kachetien. Weinschläuche aus Tierbälgen und leere Weinfässer und Amphoren im Vordergrund auf einer Haltestelle, zugleich ist die schnelle Fahrt mit dem Dampf der Lok unter anderem angedeutet.

Fotos: René und Elisabeth Bühler, Anna Barbara Neumann, Fondation Beyeler
Copyright für sämtliche Abbildungen von Pirosmani:
Georgisches Nationalmuseum, Tbilissi © Infinitart Foundation

Bis 28. Januar 2024
Hier gibt es Informationen für den Besuch der Ausstellung Pirosmani
Film: Pirosmani, 1969, Regie: Giorgi Shengelaia mit englischen Untertiteln.

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

oder über:
IBAN CH15 0483 5099 1604 4100 0

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-