StartseiteMagazinLebensartLindenhof-Gespräche (III): Wo die Liebe hinfällt

Lindenhof-Gespräche (III): Wo die Liebe hinfällt

An den «Lindenhof»-Gesprächen reden Menschen im Rentenalter über Gott und die Welt. Jüngst hat sich die illustre Runde an einem Geburtstagskränzli dem Thema Liebe im Alter angenommen.

Franz Fally (heute 84) ist glücklich. Vor zwei Jahren ist er zufällig an einem «Suppentag» der örtlichen Kirchgemeinde mit Wilma Wunderli (82) ins Gespräch gekommen. Da, bei diesem Gespräch über Gott und die Welt und die Alltagssorgen, muss es gefunkt haben: Der ehemalige Förster und die gewesene Mercerieverkäuferin haben sich jedenfalls gefunden. Nun treffen sie sich fast täglich und kümmern sich rührend umeinander: Sie kocht für ihn und näht hie und da einen Knopf an seine Hemden, er bringt Gemüse aus dem Garten und gibt ihr das Gefühl, gebraucht und begehrt zu werden.

Weil Franz heute ins 85. Lebensjahr übertritt, sind ein paar Bekannte vorbeigekommen, um bei belegten Brötli und Zimtstengel, Blauburgunder und Filterkaffee auf Franz anzustossen. Das Gespräch in der guten Stube dreht sich gerade um die Liebe und um die Frage, ob und wie denn ältere Leute überhaupt noch jemanden kennenlernen können. Doris Dreher (62), die als Ex-Schwiegertochter geholfen hat, den Tisch zu decken, erzählt davon, wie interessant und überraschend es sei, im Internet nach «passablen Mannsbildern» zu suchen. Wally Wipfli (82), einst Telefonistin beim grössten Arbeitgeber am Platz, hält «genau nichts von solch neumödischem Zeugs». Sie habe ihren Roberto an einem Seniorentanzanlass kennengelernt – «und noch gleichentags ‹unter den Nagel gerissen›». Sagt sie, und Roberto Rossi (78), der pensionierte Muratore, zwinkert seiner Holden zu und sagt: «Ballare, ballare – amore mio!»

Nun schaltet sich Elvira Eichenberger ein; sie ist mindestens zehn Jahre älter als sie aussieht. Ihr mit markanten Furchen überzogenes Gesicht und ihre rauchig-dunkle Stimme zeugen davon, dass sie bis vor Kurzem in einer Bar gearbeitet hat und dass ihre Männerbekanntschaften Bücher füllen könnten. «Der beste Ort, um einsame Herzen zu finden, ist die Theke», sagt sie: «Da kommen haufenweise Männer mit Geschichte und Geschichten. – Als Frau hat man da die Qual der Wahl …»

«Ja gut, aber weshalb ist dann nie einer dauerhaft bei dir hängengeblieben, ma chère?», fragt Franz ziemlich gemein und giesst Wein nach. Die Angesprochene fingert verlegen in ihrem Haarpfürzi, kichert schelmisch und blickt in ein feines Frauengesicht neben sich auf dem Sofa. Dann nimmt sie die Hand ihrer Freundin Helga Haller (77) und sagt: «Bis die Richtige kommt, kann es halt dauern, gell!»

Cartoons Ernst Feurer

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