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Das fette orange M magert ab

Die Migros trennt sich von ihr bisher angegliederten Unternehmen. Gut oder schlecht? Wird der orange Koloss dadurch fitter? Oder sind die verstossenen Töchter ein Zeichen, dass die Familie Probleme hat?

Ich war ein Migros-Kind. Es muss in den Fünfzigerjahren gewesen sein als ich an der Hand der Mutter von Wiedikon zu einer der ersten Zürcher Migros-Filialen trippelte, wo sich Frau Steiger über die Selbstbedienung freute. Später zog ich mir nach dem Pfadi-Abend an der Sihlporte ein Schoggi-Glace aus dem Migros-Automaten. Nochmals nach ein paar Jahren besuchte ich in der Klubschule eine Lernfahrvorbereitung. Da sass man einem Pültchen mit Lenkrad und Fussbremse. Vorne lief ein Film mit einem Auto. Anhand der Fahrt des Autos musste man lenken oder bremsen. Nix Elektronik. Nachdem ich das Billett und einen alten Wackel-Döschwo erworben hatte, kaufte ich in einer frühen Do-it-Yourself-Filiale in Oerlikon die grüne Farbe, mit der ich das Fahrzeug bepinselte.

Ein Migros-Sohn also. Und jetzt verstösst das Unternehmen einen Teil seiner Töchter aus der Familie. Der Hotelplan verreist. Melectronic hat keinen Pfuus mehr. SportX wird vom Spielfeld verwiesen. Die Kosmetikfirma Mibelle bekommt Mitesser. Auch intern haben die Umbaumeister grosse Pläne. In den Do-it-Yourself-Filialen sollen neu Einkaufslandschaften Erlebnisse verschaffen. Allerdings brauche ich keine Erlebnisse, sondern Spanplattenschrauben verzinkt, Senkkopf, 3,5 x 25 mm. Die Migros in der Berner Länggasse schliesst das grosse Restaurant. Vermutlich um noch «besser die Bedürfnisse der Kundschaft zu erfüllen». Dabei gibs dort die besten hausgemachten Schwarzwäldertorten.

Für die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes sind manche Institutionen Herzensangelegenheiten. Wir sind stolz auf die SBB und persönlich betupft, wenn die Dosto-Züge im Zürcher Hauptbahnhof im Sommer unterirdisch stinken. Wir bekommen feuchte Augen, wenn die Lenkrad-Artistinnen das gelbe Poschi mit trarütrara die enge Bergstrasse hinauflenken. Wir liebten die Swissair und schämten uns als Nestbeschmutzer als die Vögel nicht mehr flogen.

Tell national als Symbol unserer Heimatverbundenheit? Na ja. Aber die Bahnen, das Postauto, die «Blümlere» auf dem Thunersee, das passt. Und ds Migro. Wie bei jeder langen Beziehung hat uns nicht alles gefallen. Da hast du, liebe Migros, vor Jahren die demokratischen Strukturen ausgehebelt und den «Migros-Frühling» erfrieren lassen. Da hast du dich im Ausland engagiert, oje. Du bist immer grösser und fetter geworden. Und du hast manchen Konkurrenten Body Checks verpasst, die weh taten.

Was jetzt passiert, ist ein MMM-Ereignis.
Gut: Der dicke alte Mann wird fitter.
Schlecht: Die verstossenen Töchter lassen ahnen, dass die Familie Probleme hat

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6 Kommentare

  1. Gottlieb Duttweiler (1888 – 1962), der MIGROS-Gründer, war in jeder Hinsicht Visionär, Wirtschaftskapitän und Politiker mit Seele, Geist und sozialem Engagement. Zusammen mit seiner Frau Adele überführte er sein Unternehmen in eine Genossenschaft. Genossenschafter*innen – Besitzende der MIGROS – sind Angestellte und Kund*innen aller Regionen der Schweiz. Dem Gründungspionier ging es nicht nur um Profit, sondern um soziales und kulturelles Engagement.

    Ja, irgendwie traurig, wie das «Duttweiler-Erbe» die vorgegebene Strategie teilweise ignoriert…

    Die Migros will sich stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. MIGROS will vor allem die Reisetochter Hotelplan sowie den Kosmetikhersteller Mibelle, den Sportfachhändler SportX und den Elektronikhändler Melectronics abstossen. MIGROS steht vor dem grössten Stellenabbau in ihrer bald 100-jährigen Geschichte.

    Erinnern wir uns: Duttweiler kämpfte stets für mehr Menschlichkeit im Alltag, bei der Arbeit und stellte den Menschen in den Mittelpunkt. In einer 1. August-Ansprache 1955 brachte er mit Blick auf sein Unternehmen die Dinge auf den Punkt: «Den Menschen in den Mittelpunkt des Wirtschaftslebens stellen, anstatt den Franken.»

  2. Der Fisch stinkt vom Kopf her. Eine ehemalige Primarlehrerin spielt Präsidentin. Die Regionalfürsten pflegen ihre Hobbies. In Zürich macht das Marketing „woke“ und «gender»-Kampagnen, statt Produkte effizient bewerben. Das Ganze ist durchsetzt von externen Beratern (McKinsey und Co.).

    Lidl und Aldi (und auch Landi) verkörpern heute eher das Erbe Duttis. Es gibt eine gute, konkurrenzlos günstige Auswahl, vieles in guter Qualität, dafür einen Drittel günstiger.

    Ebenso sind Aldi und Lidl im internationalen Wettbewerb gestählt. Während M in einem gut geschützen Umfeld immer fetter geworden ist. Kaum gibt’s ein bisschen Konkurrenz aus dem Ausland läuft das Geschäftsmodel mit Verwalten und Kassieren nicht mehr. Mit Innovationen kann man auch nicht Punkten und die Produkte sind mittelmässig.

    Ich wünsche M: More passion, more energy, more footwork

  3. Migroskind, schon längst erwachsen

    Ich bin auch eines dieser Migroskinder, aufgewachsen im Zürichoberland. Der Migroswagen hielt zwischen dem alten und dem neuen Dorfteil, ein Kompromiss erstritten im Gemeinderat zum Leidwesen vom Landi und der Kleinlädeler. Später zogen wir berufsbedingt in einen grösseren Ort, ein Arbeiterdorf, in dem sich Migros und Konsum heftig konkurrenzierten. Büezer und Katholen gingen in den Konsum, der Mittelstand in die Migros. Im Dorf war man sich einig, Migros-Cervelats frisst nicht einmal der Hund. Aber am Pfadifeuer trafen sich an den Spiessen Würste aus beiden Läden; gut, manchmal war auch ein Cervelat von einem richtigen Metzger dabei.

    Mutter traf sich beinahe täglich mit einer angeheiraten Elsässerin – was tut die da im Zürioberland – und mit der Frau von Migros-Max. Das ganze Dorf nannte den sehr beliebten Sekundarlehrer so, weil seine Frau in der Migros einkaufte. Ein Studierter halt, der verdient doch genug! Zeitlebens war unsere Mutter ein Dutti-Fan, der Brückenbauer gehörte zu Pflichtlektüre und der Landesring hatte ihre Stimme auf sicher. Obgleich unser Vater eine bürgerliche Partei präsidierte.

    Endlich der Erziehung entflohen, geschult und gebildet und mit Geldverdienen beschäftigt, begleitete mich auf meinem Arbeitsweg über den Kreuzplatz die Leuchtreklame. “Der Brückenbauer, Das soziale Kapital”. Denkste! Aber solange ich in der Schweiz wohnte, hielt ich der Migros die Treue. Wenigstens in dieser Hinsicht scheint die Erziehung Früchte getragen zu haben.

    Mit Bedauern verfolgten wir, wie “unsere Genossenschaft” liebgewonnene Ladenketten schluckte, nur um den langweiligen Einheitsbrei der Kundschaft anzubieten. Ein letztes Aufbäumen der Genossenschafter gegen die Einführung des Alkoholverkaufs ging noch durch, jetzt aber haben die üblichen Optimierer ihr Zerstörungswerk begonnen. Wann lernt man eigentlich, dass manche einst gut bedachte Dinge ihren Sinn behalten haben?

  4. Auch ich war und bin ein Migroskind. Wir haben „Dutti“und seinen Bemühungen viel zu verdanken. Leider ging viel der ursprünglichen Idee verloren mit den von überall herandrängenden Besserwissern und „Modernisierern“. Den letzten Schlag haben wir Aldi und Lidl zu verdanken mit billigeren Einkäufen bei Produzenten in der EU. Von Schweizer Detaillisten werden aus Prinzip höhere Einkaufspreise verlangt.

  5. Dieser Teil der «Migros-Kolummne» hat bei mir Erinnerungen geweckt:
    «Nochmals nach ein paar Jahren besuchte ich in der Klubschule eine Lernfahrvorbereitung. Da sass man einem Pültchen mit Lenkrad und Fussbremse. Vorne lief ein Film mit einem Auto. Anhand der Fahrt des Autos musste man lenken oder bremsen. Nix Elektronik. »
    Auch ich (Jg 1945) habe mit diesen «Autos» die Lernfahrvorbereitung gemacht. Das war Anfgangs 1967. Die «Autos» hatten nebst der von Ihnen erwähnten Fussbremse sogar ein Gaspedal, Ganschaltung und eine Kupplung. Und der Lehrer vorne, konnte von jedem der rund einem Dutzend dieser «Autos» nach jeder Fahrübung an einem Endlos-Papier überprüfen, ob wir wirklich vor den Kurven einen Gang heruntergeschaltet und auch richtig gekuppelt hatten. Für diese Zeit eine super technische Einrichtung, hatte mich riesig fasziniert, daher weiss ich diese Details noch.
    Vielen Dank für diesen Beitrag zur Migros-Misere, welcher mir eher zu moderat geschrieben ist!

    • Danke für den Nachtrag, Gangschaltung, Kupplung, Ist mir nicht mehr in Erinnerung. Jedenfalls hat diese Vorbereitung in meinem Fall auf der Strasse nicht viel genützt. Weshalb ich denn auch zwei Mal zur Prüfung antreten musste.

      Zu moderat: Ich erlaube mir, dazu keine Meinung zu haben. Eine Institution / ein Unternehmen / die Migros kann halt auch nicht auf dem Tradierten hockenbleiben. Aber, einverstanden, es geht so etwas wie CH-Kulturgut verloren.

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