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Zu Besuch bei Ursula Popp

Ursula Popp, geb. 1951 in St. Gallen, ist 2016 nach einem 20-jährigen USA-Aufenthalt in die Schweiz zurückgekehrt. Als ehemalige Berufs- und Laufbahnberaterin, chinesische Medizinerin und Cranio-Sacral-Therapeutin bietet sie jetzt Zen-Kurse und Kurse zum guten Altern an. Grund genug sie zu besuchen.

Ursula Popp begegnete ich zum ersten Mal im letzten Herbst in Bern an einer Veranstaltung der Medical-Humanities-Reihe «Alt werden» zum Thema «Besser altern, besser sterben: Menschliche, technische und spirituelle Ressourcen». Danach fuhren wir mit dem Zug nach Zürich und entdeckten gemeinsame Interessen, so dass wir uns entschieden, uns zu Beginn des nächsten Jahres wieder zu treffen.

Wir machten ab im Lassalle-Haus, einer Wirkungsstätte von Ursula Popp. Als ich mich auf das Treffen vorbereitete, fand ich auf ihrer Website Stichworte zu ihrer Biographie: Christliche Wurzeln, 30 Jahre Zen-Meditation, Erfahrungen mit Nordamerikanischem Schamanismus und Tiefenökologie. Beruflich unterwegs als Berufs- und Laufbahnberaterin, fernöstliche Medizinerin, Cranio-Sacral-Lehrerin und -Therapeutin.

Vom Lassalle-Haus hatte ich früher schon öfters gehört und wurde an einem frühlingshaften Februartag von Ursula zunächst durch das Zentrum der Spiritualität der Schweizer Jesuiten geführt. Unter dem Slogan «Stille bewegt» werden im Lassalle-Haus oberhalb Zug in einer einladenden Hügellandschaft Exerzitien durchgeführt und Kurse zu Kontemplation, Zen, Yoga und Fasten angeboten.

Meditationsraum im Lassalle-Haus: Stille bewegt! (Foto bs)

Biographischer Exkurs

Zunächst machte Ursula Popp einige Ausführungen zu ihrem Lebenslauf. Geboren als drittes Kind in einem katholischen, «gutbürgerlichen» Milieu fiel sie in der Kindheit wegen ihrer Legasthenie neben ihren beiden älteren und klugen Brüdern negativ auf, bekam Nachhilfe und schaffte die Sekundarschule. Ihren Lese- und Schreibschwierigkeiten trotzend machte sie eine Lehre als Buchhändlerin und wurde erfolgreiche Verlagsvertreterin und Lektorin.

Mit 36 Jahren nach einer gescheiterten Beziehung mit einem Mann, mit dem sie zusammen 13 Jahre lang zwei seiner Kinder grossgezogen hatte, ging sie 1987 dreieinhalb Jahre lang auf eine Weltreise: Zürich-Griechenland-Israel-Ägypten-Sudan-Kenia-Tansania-Indien-Nepal-Thailand-Neuseeland-Australien-Indonesien-Hawaii-Amerika von Alaska bis Patagonien. Nach ihrer Rückkehr von dieser langen äusseren und inneren Reise fand sie trotz einer Ausbildung zur Berufs- und Laufbahnberaterin keine wirkliche Heimat mehr in der Schweiz und tauchte für 20 Jahre in die USA nach Seattle ab, wo sie erfolgreiche Cranio-Sacral-Therapeutin und Lehrerin mit eigener Schule wurde.

Als Ursula Popp 2016 wieder in die Schweiz zurückkehrte, vertiefte sie die Zen-Praxis bei Niklaus Brantschen Roshi, den sie 1986 in einem Kurs kennengelernt hatte. Seit 1992 war sie Schülerin bei Niklaus Brantschen, vertiefte ihre Zen-Praxis in den USA bei Jack Duffy, Joan Halifax und Bernie Glassmann. 2018 wurde sie von Niklaus Brantschen zur Zen-Assistenz-Lehrerin (Hôshi) und 2024 zur Zen-Lehrerin (Sensei) ernannt.

Unser Gespräch bei meinem Besuch im Lassalle-Haus drehte sich um zwei Aussagen aus einem Gedicht von Rose Ausländer, die Ursula Popp jeweils ihren Mails anhängt: Sei was du bist und Gib was du hast. Die beiden Sätze bilden den Schluss aus dem späten Gedicht von Rose Ausländer mit dem Titel Noch bist du da. Es beginnt mit dem Satz Wirf deine Angst in die Luft. Dazu eine Kürzestzusammenfassung:

Wirf deine Angst in die Luft: Wenn wir uns von unseren Ängsten und Sorgen befreien, die sich in unseren Gedanken und sogar in unseren Körper eingenistet haben, werden wir frei. Der Begriff Angst stammt aus dem Indogermanischen «anghu», d.h. beengend und aus dem Lateinischen «Angustia», d.h. Enge, Bedrängnis, was sich auch bei der Angina, dem Würgen und der Enge im Hals zeigt. Wenn wir die Angst in die Luft werfen, weiten wir die Enge. Der Punkt ist nur, dass die Angst sich gerne immer wieder mal einnistet und unserem Handeln den Mut, die Weite und Zuversicht raubt. Es ist also empfehlenswert, tagsüber und wenn wir in der Nacht wachliegen, die Angst in die Luft zu werfen.

Sei was du bist: Gerade wenn wir älter werden, können wir uns gelegentlich von unseren eingenommenen und zugewiesenen Rollen in Beruf, Familie und Gesellschaft lösen und einfach Mensch sein, was immer das heissen mag. Vielleicht werden wir sogar mal frech, wenn wir ausbrechen aus Anpassungsbedürfnissen und Anpassungsdruck.

Gib was du hast: Zunächst sind wir einfach da, präsent, mit unserer Empathie, unserem Interesse, vielleicht auch Neugier. Wir geben uns selbst als diese Persönlichkeit, die wir geworden sind, mit Stärken und Schwächen, mit Einsichten und Sturheiten, mit Erfahrungen und eingeschliffenen Routinen, mit Gedanken und Plattitüden, tiefsinnigen Worten und Dahergerede. Vielleicht geben wir auch unsere Werte und Ueberzeugungen weiter, möglichweise besser nonverbal als missionarisch. Wer reich geworden ist, möchte vielleicht seinen materiellen Besitz loswerden und sinnvoll weitergeben.

Ursula Popp leitet auch im Jahre 2024 einen Jahreskurs mit dem Titel «Im Alter neuen Sinn suchen und finden». In vier dreitägigen Seminaren und zusätzlich 6 Vertiefungstagen unterstützt und begleitet sie mit Fachreferierenden aus der Biographiearbeit, der Trauer- und Versöhnungsarbeit, der Medizin und Rechtswissenschaft, der Psychologie und Nachhaltigkeit Menschen beim ganz persönlichen guten Altern und Leben für sich selbst und die Welt.

Titelbild: Ursula Popp bei der Führung durch das Lassalle-Haus (Foto bs)

Links:

Website von Ursula Popp

Website des Lassalle-Hauses

Flyer zum Kurs «Im Alter neuen Sinn suchen und finden

 

 

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