StartseiteMagazinKulturDie Vogelflöte aus dem verlorenen Land

Die Vogelflöte aus dem verlorenen Land

Die Ausstellung «Mehr als Gold – Glanz und Weltbild im indigenen Kolumbien» des Museums Rietberg in Zürich ist ein neuer, vertiefter Einblick in vorspanische Kulturen der neuen Welt, weil Archäologinnen jahrelang mit Nachfahren der Tairona arbeiteten.

Das sagenhafte Goldland El Dorado lockte im 16. Jahrhundert Konquistadoren an, die in ihrer Gier nach Gold die indigene Bevölkerung und ihre Kulturen zerstörten. Doch eben nicht ganz. Zwei Archäologinnen, Julia Burtenshaw und Diana Magaloni, besuchten die Nachfahren der Tairona, die Arhuaco im Norden Kolumbiens. Während sieben Jahren vertieften sie sich in deren Wissen und Denkweise, die nun in die Ausstellung Mehr als Gold einfliesst. In Europa ist die Schau nur im Museum Rietberg in Zürich zu sehen.

Lagune von Katansama mit Jaison Pérez Villafaña, einer der Anführer der Arhuaco. Foto: Jorge Mario Arango

Das Volk der Arhuaco lebt zusammen mit drei weiteren alteingesessenen Gruppen in der Sierra Nevada de Santa Marta, im karibischen Teil Kolumbiens. Sie betrachten sich als die Nachfahren der Tairona, die vor dem Eintreffen der Spanier hier lebten. Die in den 1970er Jahren wiederentdeckten archäologischen Stätten jener Zeit sind für sie heilige spirituelle Orte, die sie pflegen und verehren.

Vogel-Okarina, traditionelle Tonflöte, Tairona Tradition. Foto: © Clark M. Rodriguez

Die Arhuaco gehen davon aus, dass jedes Wesen eine Seele hat, auch Bäume, Steine sowie die von Menschen hergestellten Objekte, die als Verbindungsstücke zwischen den heiligen Räumen und den Gemeinschaften erschaffen wurden. Sie alle sind Teil der zeitlosen Schöpfung, ohne Anfang und ohne Ende. Deshalb werden in der Schau keine Jahreszahlen vermerkt.

Wie vor tausend Jahren tönt die kleine Vogel-Okarina der Tairona. Für die Arhuaco waren Vögel einst Menschen, die von gottähnlichen Vorfahren verwandelt wurden. Als gefiederte Botschafter stehen sie mit den Vorfahren in Verbindung, «manche Vögel singen, um dir den rechten Weg zu weisen oder dich zu warnen». Denn ihre Aufgabe sei es, so der spirituelle Führer der Arhuaco, als Vermittler die Erde zu erhalten, das Gleichgewicht in der Natur und zwischen den Menschen zu bewahren, wo die Verbindung unterbrochen werde, entstehe Krankheit.

Landschaftsbild mit Objekten: (links) Brustplatte mit mythischem Wesen, Goldlegierung; (rechts) Okarina in Form eines sitzenden Anführers mit herausgestreckter Zunge, Keramik. © Museum Associates/LACMA

Im Einführungstext des Weltkunst Sonderheftes zur Ausstellung wird gefragt, wie es diesem in der Museumsvitrine eingesperrten Vogel wohl geht? Eine zentrale Frage, die uns naiv erscheinen mag. Doch für die Indigenen sind die Werke, die ihnen geraubt wurden, Gefangene in den Museen. Zwar werden sie dort geschützt, aber seelenlos aufbewahrt: «Die Arhuaco bestehen nicht unbedingt auf die Rückgabe der Objekte aus Museen, aber sie betonen, dass wir sie besser pflegen sollten», so Fernanda Ugalde, Kuratorin der Ausstellung. Deshalb sind die Werke in dieser Schau von Landschaftsbildern und Geräuschen aus ihrer Heimat umgeben, mit denen sie sich wohlfühlen.

Aus dem antiken Kolumbien sind zahlreiche «Pensadores» (Denker) erhalten, Figuren von sitzenden Frauen und Männern in einer nachdenklichen Haltung, einige kauen Kokablätter, andere haben die Augen halb geschlossen, als seien sie tief in Gedanken versunken. Sie tragen dazu bei, das Gleichgewicht der Welt aufrechtzuerhalten. Foto: rv

Die Kokapflanze spielt eine wichtige Rolle im täglichen Leben und in der rituellen Praxis der indigenen Bevölkerung. Schamanen haben als Führer der Gemeinschaft die Aufgabe, das Gleichgewicht in der Welt zu stärken, zu verhandeln, wiederherzustellen und zu erhalten. So erweitern sie ihr Wissen seit jeher mit dem Konsum von heiligen Pflanzen, die den Geist öffnen und Visionen ermöglichen. Die daraus gewonnene Weisheit führt zu Regeln, die in Ritualen, Liedern, Tänzen und Mythen verinnerlicht werden und das Zusammenleben ordnen.

Bei Versammlungen tauschen die Männer der Arhuaco Kokablätter aus und kauen es gemischt mit Kalkpulver aus gebrannten Muschelschalen. Die leicht stimulierende Wirkung fördert die Konzentration ohne die stark berauschende Wirkung des chemisch verarbeiteten Kokains. Filmstill: rv

Das alte Kolumbien ist für seine hochentwickelten Techniken in der Metallverarbeitung bekannt. Das Wachsausschmelzverfahren wurde in den nördlichen Regionen perfektioniert, während die südlichen Kulturen das Hämmern und die Arbeit mit Blech bevorzugten. Sogar Platin wurde in dieser Region, als einzige seit der Antike, verarbeitet.

(links) Brustplatte mit Gesicht, Goldlegierung; (rechts) Anhänger in Form eines Fledermausmenschen mit Vogelkopfschmuck. Foto: © Clark M. Rodriguez

Anders als in der Zivilgesellschaft bedeutet den Indigenen der materielle Wert des Goldes nichts. Sie schätzen die symbolische Bedeutung der Gegenstände, die genauso aus Keramik oder Federn beschaffen sein können. Die meisten Goldobjekte bestehen aus Tumbaga, einer Legierung aus Kupfer und Gold. Das gelb glänzende und unveränderliche Gold wird traditionell mit der Sonne und Männlichkeit assoziiert, das rötliche, veränderliche Kupfer mit dem Mond und weiblichen Eigenschaften. Tumbaga steht somit für die duale Vorstellung von männlich und weiblich, von neuem Leben.

Terrassen der Ciudad Perdida. Foto: © Jorge Mario Arango

Über die Architektur dieser frühen Kulturen ist bis jetzt wenig bekannt. 1976 wurde die archäologische Stätte Ciudad Perdida (Die verlorene Stadt) in den tropischen Bergen Kolumbiens entdeckt, die zwischen 600 und 1200 n. Chr. von den Tairona erbaut wurde. Sie besteht aus mehr als 500 ovalen und runden Terrassen mit bis zu sieben Meter hohen Stützmauern, die durch Steinwege miteinander verbunden sind. Die Stadt soll aus 1000 Häusern bestanden haben. Den Nachfahren der Tairona gilt sie als heiliger Ort, den sie schon vor der archäologischen Entdeckung besuchten und verehrten.

Titelbild: Plakat zur Ausstellung. Foto: © R.+ E. Bühler, Uster
Fotos: Vom Museum zur Verfügung gestellt und rv

Bis 21. Juli 2024
«Mehr als Gold – Glanz und Weltbild im indigenen Kolumbien», im Museum Rietberg in Zürich. Informationen zur Ausstellung und zu Veranstaltungen, auch mit einer Meditation mit Vertretern der Arhuaco, finden Sie hier
Begleitpublikation zur Ausstellung, CHF 19.00 und illustrierter Katalog in Englisch, CHF 49.00. Im Museumsshop

 

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