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Haus Konstruktiv: «Wir haben eine Zukunft!»

Mit einem Brückenbauer hat die Geschichte des Zurich Art Prize begonnen. Das brachte dem Haus Konstruktiv nebst einer Ausstellung die Partnerschaft mit der Zurich Versicherung. Eine reiche Rückschau und eine Brücke in die Zukunft.

Der Zurich Art Price 2024 geht an Olaf Holzapfel (*1967). Die Auszeichnung besteht aus einem Budget von 80’000 Franken für eine Ausstellung im Haus Konstruktiv und einem Preisgeld von 20’000 Franken. Nicht frische Ölfarbe oder der Geruch nach Dispersion empfing diesmal die Vernissagegesellschaft, sondern der heimelige Stallgeruch vom Land, von Heu und Stroh. (Seniorweb wird die Ausstellung Der Mantel von Olaf Holzapfel noch besprechen.)

Olaf Holzapfel und VR-Präsident der Zurich Michel M. Liès (links zwei Tafeln von Latifa Echakhch, rechts Detail der Installation von Leonor Atunes). © Bettina Diel

2007 wurde der Zurich Art Prize vom Museum Haus Konstruktiv und dem Patronatspartner des Museums, der Zurich Versicherung ins Leben gerufen. Zuvor hatte die ETH einen Ort gesucht, um den Brückenbauer Othmar Ammann, Konstrukteur der berühmtesten Hängebrücken der USA, mit einer Ausstellung in der Heimat zu würdigen und war im Haus Konstruktiv untergekommen.

Videostill mit Olaf Holzapfel und Helferinnen bei der Herstellung von Heuschlangen

Die aktuelle Verleihung bot Anlass, die Zusammenarbeit des Kunstmuseums mit der Versicherungsgesellschaft zu feiern und auf die ausgezeichneten Künstlerinnen und Künstler und ihre Werke, die sie als Preisträger im Haus Konstruktiv realisierten, zurückzuschauen. Wobei Museumsdirektorin Sabine Schaschl sogleich betonte: «Wir haben eine Zukunft.»

Vernissage-Besucher vor Carsten Nicolais «Perfect Square»

Auch Andreas Durisch, Präsident der Stiftung für konstruktive, konkrete und konzeptuelle Kunst, der Trägerorganisation des Museums, ist mit diesem Joint Venture mehr als zufrieden: «Paaren sich Kompetenz und Finanzkraft, besteht die Aussicht auf Erfolg,» sagte er, der Zurich Art Prize habe sich «zu einem relevanten Kunstpreis mit internationaler Strahlkraft entwickelt.» Die Liste der Preisträger und Preisträgerinnen sei ein Who is Who des zeitgenössischen Kunstschaffens mit Bezug zur konstruktiv-konkreten und konzeptuellen Kunst. Manche der Ausgezeichneten haben nämlich eine Einladung an die Dokumenta in Kassel oder die Biennale in Venedig bekommen.

Robin Rhode erklärt sein Werk «Blues Vignette», eine Serie von Schwarzweiss-Fotos und Sprühfarbe auf Papier und Leinwand. © Bettina Diel

Nicht nur die Ausgewählten lesen sich wie ein Who is Who des zeitgenössischen Kunstschaffens, das gilt auch für jene, die diese Auswahl ermöglichen. Sabine Schaschl erkundigt sich jährlich bei sechs Kuratoren und Direktorinnen von Kunstinstitutionen aus verschiedenen Weltgegenden nach einer Künstlerin oder einem Künstler mit Strahlkraft, die in der Lage sind, Museumsräume zu bespielen. Die sechs Positionen werden von einer hochkarätigen Jury begutachtet.

Vor Haroon Mirzas «Light Work xlii»

2024 waren das Sabine Schaschl, Direktorin Museum Haus Konstruktiv (Vorsitz), Tobia Bezzola, Direktor Museo d’arte della Svizzera italiana in Lugano, Carin Gantenbein, Head of Professional Liability bei der Zurich Versicherung; Friedemann Malsch, ehemaliger Direktor Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz, Matthias Mühling, Direktor Städtische Galerie im Lenbachhaus, München und Stella Rollig, Generaldirektorin und wissenschaftliche Geschäftsführerin des Museums Belvedere, Wien.

Ryan Gander: Something that ‹is› versus something that ‹occurs›, Acrylschliessfächer mit Inhalt, der je zweimal vorkommt. © Courtesy der Künstler und I the artist and Lisson Gallery

Und nun also die Retrospektive, bei der Werke von 14 Preisträgern präsentiert werden. Sie wurden ausgezeichnet, weil sie das konstruktiv-konkrete und konzeptuelle Erbe in die Gegenwart bringen. Sie haben nach den grossen Ausstellungen zum Preis seinerzeit nun Arbeiten eingereicht, die sich für eine Gruppenausstellung eignen. Im obersten Stock sind Fotos von damals aufgereiht, versehen mit Legende und einem QR Code mit dem das einstige Künstlergespräch angehört werden kann.

Wer durch die Räume schreitet, wird mit sehr unterschiedlichen Arbeiten konfrontiert, beispielsweise mit den beiden Bildern von Damiàn Ortega (Art Prize 2023), einer Auseinandersetzung mit Theo van Doesburg, oder Leonor Antunes›(Art Prize 2019) Installation random intersections. Ihre Referenzen liegen in der Vergangenheit, in der Geschichte. Ganz gegenwärtig, nämlich in der Gesellschaft, der Ökologie oder der Politik verorten der Südafrikaner Robin Rhode (Art Prize 2018) oder auch Kapwani Kiwanga (Art Prize 2022) den Ausgangsort ihrer Arbeiten.

Ausstellungsansicht mit einer der drei Arbeiten von Adrian Villar Rojas aus der Serie «The End of Imagination»

Eine dritte Gruppe umfasst jene Künstlerinnen und Künstler, die den Prozess des Kunstmachens darstellen. Latifa Echakhch (Art Prize 2015) zeigt mit Last Black vier Tafelbilder, deren schwarze Acrylschicht sie unterschiedlich weit abgespachtelt hat. Code aus Softwareprogrammen verwendet Adriàn Villar Rojas (Art Prize 2013) für seine Serie The End of Imagination.

Diese Stories Written-Ausstellung, dieser Rückblick auf den Zurich Art Prize, sollte nicht die letzte am alten Ort im EWZ-Unterwerk werden (am 3. Oktober folgt noch Konzepte All  Over), denn die Zukunft des Preises ist gesichert: Die nächste Preisverleihung wird am neuen Ort im Löwenbräu-Areal gefeiert werden.

Titelbild: Sabine Schaschl und Olaf Holzapfel vor dem titelgebenden Werk «Der Mantel» © Bettina Diel
Weitere Fotos: E. Caflisch
8
. September 2024
Hier geht es zur Ausstellung Stories Written im Hauskonstruktiv

Bisherige Preisträger:
2007: Carsten Nicolai (* 1965 in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz)

2009: Tino Sehgal (* 1976 in London)
2010: Ryan Gander (* 1976 in London)
2011: Mai-Thu Perret (* 1976 in Genf)
2012: Mariana Castillo Deball (* 1975 in Mexiko)
2013: Adrián Villar Rojas (* 1980 in Rosario)
2014: Haroon Mirza (* 1977 in London)
2015: Latifa Echakhch (* 1974 in El Khnansa, Marokko, lebt in Martigny)
2016: Nairy Baghramian (* 1971 in Isfahan, Iran, lebt in Berlin)
2017: Marguerite Humeau (* 1986 in Cholet, Frankreich, lebt in London)
2018: Robin Rhode (* 1976 in Kapstadt, lebt in Berlin)
2019: Leonor Antunes (* 1972 in Lissabon, lebt in Berlin)
2020: Amalia Pica (* 1978 in Neuquén, Argentinien, lebt in London)
2021: Sonia Kacem (* 1985 in Genf, lebt in Amsterdam)
2022: Kapwani Kiwanga (* 1978 in Hamilton, Kanada, lebt in Paris)
2023: Damián Ortega (* 1967 in Mexiko-Stadt, lebt in Berlin)
2024: Olaf Holzapfel (*1967 in Dresden, lebt in Berlin)

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1 Kommentar

  1. Obwohl an Kunst interessiert, verstehe ich viele heutige Darstellungen und Aussagen bildender und darstellender Künstler:innen nicht mehr. Zu abgehoben, zu weit entfernt und oft nicht nachvollziehbar von Laien wie mir.
    Ich bekomme zusehends den Eindruck, dass vieles was uns an Kunst geboten wird, nur für die gerade aktuelle Szene und für Insider gemacht wird. Die Kunstszene feiert sich ja gerne selbst. Doch sollte Kunst nicht ein Bildungsgut für alle sein, für ein möglichst grosses Publikum erreichbar und niederschwellig zugänglich sein? Deshalb bin ich der Meinung, dass Museen, die durch die öffentliche Hand also von Steuergelder finanziert werden, für alle kostenlos zugänglich sein sollten.

    Beim Sponsoring durch private, finanzstarke und einflussreiche Firmen frage ich mich, zu welchen Bedingungen ein solches Sponsoring zustande kommt und ob es wirklich nur um das aufgemöbelte Image des Sponsors geht. Der Kunsthandel mit seinen immer absurderen Verkaufspreisen, oft von anonymen Käufern bezahlt, ist mir suspekt. Da geht es kaum noch um die Kunstwerke an sich, sondern um Geld und Macht. Dafür sollte sich echte Kunst zu schade sein.

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