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Mit dem Postschiff an die russische Grenze

Sie gilt als eine der schönsten Seereisen der Welt: Die Fahrt entlang der norwegischen Fjordküste – von Bergen, via Nordkap bis nach Kirkenes. Seit 130 Jahren verbinden Postschiffe die Städte und Dörfer an Norwegens zerklüfteter Küste. Seniorweb ist mitgefahren und hat in Stokmarknes das legendäre Hurtigruten-Museum besucht.

Seit Jahrhunderten ist an der 2700 Kilometer langen Küste Norwegens der Wasserweg die Hauptverbindung. Das Eisenbahnnetz im Landesinneren offeriert lediglich vier Abzweiger an die Küste. Die Überlandstrasse ist auch keine Option. Eine Autobahn gibt es nicht. Während eine Autofahrt von Süd- nach Nordnorwegen im Sommer rund 24 Stunden dauert, muss im Winter, bei Schnee und Eis, mit drei bis vier Tagen Fahrzeit gerechnet werden.

Kreuzfahrt durch die zahllosen Fjorde Norwegens. Foto ZVG.

Bis 1830 war auch der Schiffsverkehr entlang der dünnbesiedelten Küsten schwach. An den gefährlichen Riffen bei lediglich vierzehn Leuchttürmen zerschellten regelmässig Schiffe. Laut norwegischen Historikern sollen mehr als 1100 Wracks auf dem Meeresgrund liegen.

Wegen des wachsenden Handels kam am Ende des 19. Jahrhunderts der Unternehmer und Kapitän Richard With auf die Idee, in den Sommermonaten zwischen Trondheim und Hammerfest eine wöchentliche Schiffsverbindung zu betreiben. Im Winter wollte man wegen des Eises nur bis Tromsø fahren. Zusammen mit dem Lotsen Andreas Holte führte er ab 1882 akribisch über die Fahrten durch die Gewässer entlang der norwegischen Küste Buch und zeichnete Schiffskarten der vielen Inseln und Fjorde.

Das erste Postschiff: die „MS Vesterålen“. Foto ZVG

Das erste Postschiff, die „MS Vesterålen“, war fünfzig Meter lang, bot 200 Passagieren sowie 33 Crewmitgliedern Platz und brach im Juli 1893 zur Jungfernfahrt auf. Anfänglich dauerte die Reise von Trondheim nach Hammerfest 3,5 Tage. Mit der Zeit konnte die Reisezeit reduziert werden. Einheimische nannten die Verbindung „hurtige Route“, woraus 1945 der heutige Reedereiname Hurtigruten entstand. Seit 1908 fahren die Schiffe bis in die Barentssee, nach Kirkenes. Heute benötigen sie dafür sechs Tage und ebenso viele zurück. Unterwegs sind insgesamt elf Schiffe, sieben der Firma Hurtigruten und vier der Mitbewerberin Havila.

Kapitän With traute sich als Erster zu, die Strecke bis nach Hammerfest auch bei Nacht zu fahren  – ein Geschwindigkeitsgewinn, der, zusammen mit der Verpflichtung, Paket und Briefpost zu transportieren, Voraussetzung für staatliche Subventionen war, ohne die sich die Postschiffverbindung nicht hätte finanzieren lassen.

Die „DS Queen Maud“ war das erste Schiff einer neuen Generation von Postschiffen, die über Kabinen mit fliessendem Wasser und einem separaten Belüftungssystem verfügten. Mehr als 230’000 Passagiere, sowohl Einheimische als auch Touristen, reisen 1936 mit dem Postschiff entlang der norwegischen Küste. 1952 stieg die Zahl auf eine halbe Million.

Schiffsfahrt durch die Mitternachtssonne.

Der beste Werbeträger der Schiffsverbindung war der deutsche Kaiser Wilhelm II, der 23 Jahre lang nach Norwegen in die Ferien fuhr. Immer mit dem Schiff. Heute wird die Sicherheit durch hochmoderne Radars und zahllose Leuchtfeuer gewährleistet. Doch der Respekt vor der rauen Natur und den wilden Stürmen ist geblieben.  „Eine Fahrt mit dem Postschiff ist keine Bodenseerundfahrt,“ sagte mir der Chef des Explorer- und Kommunikationsteams, Heinz Erbacher, mit einem Augenzwinkern.

Hurtigruten beschäftigt heute rund 3000 Angestellte, die Hälfte davon an Land, in Verlade- sowie Abfertigungsterminals und in der Verwaltung. Die Mitarbeitenden auf den Schiffen (ein Viertel davon sind Lehrlinge) leben und arbeiten 22 Tage am Stück, in Schichten, an Bord. Anschliessend haben sie 22 Tage frei. Der Personalwechsel findet in der Regel in Bergen statt.

Gäste auf dem Oberdeck 7.

Die „Kong Harald“, auf der ich unterwegs war, bietet 590 Passagieren Platz. Geladen hatten wir ausser Post, Fisch, elektronische Geräte und Baumaterial. Zudem nutzten Pendler das Schiff als Autofähre. Die „Kong Harald“ hat einen Tiefgang von nur 4,8 Metern. Meine Highlights waren die Stadt Trondheim, der Besuch bei einer Samen-Familie in Kirkenes, ein Bootsausflug an die russische Grenze sowie der Besuch der Stadt Hammerfest.

Heute bietet Hurtigruten wieder vermehrt Expeditionen, auch nach Grönland, Alaska und in die Antarktis an. Dafür wurde ein Staatskredit nötig. Aufgrund des schlechten Geschäftsgangs wurde Hurtigruten an einen britischen Investor verkauft, was zu politischen Turbulenzen führte. Die beiden Corona-Jahre zeigten, wie wichtig die Postverbindung entlang der Küste für das Land ist. Die Schiffe fuhren trotz Lockdown mit einer speziellen Bewilligung der Regierung.

Heute fährt das Postschiff bis nach Kirkenes, an die russische Grenze.

2023 feierte Hurtigruten sein 130-jähriges Bestehen mit dem Start neuer Routen: die Spitzbergen-Linie und die Nordkap-Linie bieten nostalgische Seereisen an. 

2024 ist die „MS Midnatsol“ nach Passagierkapazität und Bruttoraumzahl das grösste Schiff der Reederei. Insgesamt 940 Passagiere finden auf den 16’151 BRZ des Schiffes Platz. Die „MS Trollfjord“ folgt mit einer Bruttoraumzahl von 16’140 BRZ für 822 Passagiere.

Von Grönland nach Alaska

Seit 2023 ist Hurtigruten mit der „MS Roald Amundsen“ und der „MS Fram“ durch die Nordwest-Passage unterwegs. Die Route führt über Wasserstrassen, die den Atlantik über das Nordpolarmeer mit dem Pazifik verbinden. Sie  verläuft von Grönland entlang der Nordküste Nordamerikas in die kanadische Arktis.

Grosse Pläne hat Hurtigruten bezüglich Nachhaltigkeit. Derzeit werden alle Schiffe mit Elektromotoren sowie Batterien ausgestattet und fahren im Wechsel mit Diesel im Hybridmodus. Ab 2030 will die Firma nur noch mit Strom fahren. Damit können der CO2-Ausstoss um 50 Prozent gesenkt und der Anteil an Schwefeldioxid um 80 Prozent reduziert werden.

Futuristische Pläne: Solarbetrieb. Foto ZVG.

Ungefähr 2030 will Hurtigruten ausserdem ein solarbetriebenes Kreuzfahrtschiff in in Verkehr nehmen. Die Sonnenzellen auf Deck erinnern an ein Segelschiff.

Titelbild: Die „MS Kong Harald“ im Hafen von Hammerfest. Alle Fotos PS.

Museum

Die „MS Finmarken“ stand von 1956 bis 1976 im Einsatz. Das Schiff steht heute im Hurtigrutenmuseum in Stokmarknes und kann dort besichtigt werden. Die folgenden Aufnahmen (alle von PS) stammen aus dem Museum, aufgenommen am 10.6.24. Klicken Sie auf das erste Foto, dann öffnet sich das Galerie-Modul. Mit den Pfeilen rechts oder links = die Fotos vorwärts oder rückwärts bewegen.

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1 Kommentar

  1. Souvenir d’un extraordinaire voyage de Bergen à Kirkenes, pour fêter ma retraite. Waouououh! Soleil de minuit, excursions variées, fantastiques, intéressantes, instructives, bonne cuisine. je recommande chaleureusement ce voyage. Si possible choisir une chambre / suite plutôt dans les étages supérieurs, même si pas günstig. Réserver tôt, vite complet !

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