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Zu Besuch im Tenna Hospiz

In Tenna (GR), auf 1657 m im Safiental lebt seit August 2021 eine Wohngemeinschaft mit dem Ziel, zusammen den letzten Lebensabschnitt zu verbringen. Hier wird man als Pflegebedürftige nicht «versorgt» und «behandelt», sondern man sorgt füreinander. Seniorweb war da.

Kann man am Lebensende in einer Wohngemeinschaft leben? Ist das nicht zu anstrengend? Wenn jemand im Sterben liegt, was machen die andern? Braucht es Hilfe von aussen? Wenn jemand dement wird, kann dies von der Gemeinschaft aufgefangen werden? Kann man sich noch in die Wohngemeinschaft einbringen, wenn man stark beeinträchtigt ist? Fällt man dann nicht bloss zur Last? Wer finanziert den letzten Lebensabschnitt? Mit solchen Fragen besuchte ich an einem Sonntagmorgen Othmar F. Arnold im Tenna Hospiz.

Othmar F. Arnold

Othmar F. Arnold ist im Luzernischen aufgewachsen, verweigerte nach der Matura an der Kantonsschule Sursee den Militärdienst, leistete zwei Jahre freiwilligen Zivildienst, lernte  die Berglandwirtschaft im Safiental kennen und setzte sich für aussterbende Pflanzen und Tierrassen (pro specie rara) ein.

Othmar F. Arnold, geschäftsführender Präsident der Wohngemeinschaft

In Tenna lernte er seine Frau kennen. Da ein Bauernhof im Safiental zu teuer war, wanderte er mit seiner jungen Familie (mit Frau und zwei kleinen Kindern) nach Kanada aus, um dort Landwirtschaft zu betreiben. Doch dieser Traum löste sich bald in Luft auf und er verdiente sein Geld als «wilderness guide» oder Fremdenführer.  Zudem liess er sich zum Rettungssanitäter ausbilden und begann mit 40 eine Ausbildung zum Pflegefachmann: «In Kanada haben die Pflegefachleute mehr Verantwortung und Entscheidungsbefugnisse als in der Schweiz.» Als nach ereignisreichen Jahren in Kanada sein Bedürfnis, in die Schweiz zurückzukehren grösser wurde, bewarb er sich nach einer Scheidung erfolgreich als Pflegefachmann auf eine Spitex-Stelle in Ilanz. Neben seiner Tätigkeit bei der Spitex bildete er sich weiter in Palliative Care und Theologie. Mit seiner ehemaligen Frau und seinen beiden Kindern, beide mittlerweile IT-Spezialisten, hat er dank dem Internet eine rege Kommunikation.

Vision einer sorgenden Gemeinschaft für das Lebensende

Als Mitarbeiter bei der Spitex Foppa musste er immer wieder erleben, dass Personen, die nicht mehr von der Spitex und den Angehörigen gepflegt werden konnten, in ein Alters- oder Pflegeheim nach Chur, Thusis oder Ilanz eingewiesen wurden, weit weg von zu Hause, den Verwandten und Bekannten. Dieser Entwurzelung setzte er folgende Vision entgegen: «Es muss doch möglich sein, auch in einer der finanzschwächsten Gemeinden des Kantons einen Ort zu schaffen, an dem Menschen im letzten Lebensabschnitt in Würde leben können und dann in Frieden sterben dürfen.» Um der Vision Taten folgen zu lassen, gründete Othmar Arnold 2016 den Verein Tenna Hospiz.

Schritte zum Hospiz Tenna

Der gemeinnützige Verein Tenna Hospiz besteht aus vier Aktiv- und elf Gönnermitgliedern.  Im Jahre 2017 wurde die ehemalige Sennerei gekauft. Da ein barrierefreier Wohn- und Lebensraum mit Lift nötig war, wurde ein Neubau erstellt, der im Herbst 2021 als “Alte Sennerei” eingeweiht werden konnte. Er bietet pflegegerechten Wohnraum für sechs bis acht Personen, die sich in einer Wohngemeinschaft im Alltag gegenseitig im letzten Lebensabschnitt unterstützen. Bei Bedarf wird Spitex oder medizinischer Support von aussen beigezogen. Zudem wurde in der grossen Stube und auf einem besonnten Balkon ein öffentliches Café als Bindeglied zur «weiten Welt» eingerichtet, um der Wohngemeinschaft den Austausch mit Personen aus dem Tal und Touristen zu ermöglichen. Othmar Arnold: «Tenna eignet sich bestens für die Wohngemeinschaft, da wir nicht abgeschottet sind, sondern in einem gut funktionierenden Sozialraum leben mit Lädeli, Post, Kirche, netten Nachbarn und Touristen, die gelegentlich zu einem Café oder zu einem Zvieri vorbeikommen. Zudem ist die Anbindung an den öffentlichen Verkehr gewährleistet.»

Aufenthaltsraum, Essraum, Begegnungsraum, Café für die Öffentlichkeit, Blick durch die Fenster auf die Terrasse. Zwei Mitglieder der Wohngemeinschaft waren beim Interview mit Othmar Arnold dabei.

Finanzierung der Liegenschaft

Der Neubau kostete 3,78 Mio Fr. und wurde ohne Beiträge von öffentlichen Stellen aus «Mitgliederbeiträgen, Gönnerbeiträgen, Spenden, Darlehen, Zuwendungen oder Vermächtnissen, dem Erlös aus den Vereinsaktivitäten» finanziert. Viele Institutionen unterstütz(t)en der Verein finanziell und/oder ideell: namhafte und kleinere Stiftungen, die meist ungenannt bleiben möchten. Zudem leisten verschiedene Kirchgemeinden, Caring Communities und die Patenschaft für Berggemeinden ihren Beitrag. Doch 60% der Bausumme stammt aus privaten Spenden, die meisten von Menschen aus dem Safiental. Die Rechnungsführung obliegt dem Verein Tenna Hospiz und wird wie eine Immobilienfirma geführt, bestehend aus 15 Mitgliedern ohne Bewohnende.

Finanzierung des Betriebs

Die Wohngemeinschaft wird als gemeinnütziger kollektiver Privathaushalt geführt. Alle Bewohnenden zahlen pro Monat je nach Wohnung und Selbständigkeitsgrad ab Fr. 3900.- für Kost und Logis pro Person. Othmar Arnold ist zu 100% angestellt, zudem sind 300% als Stellenprozente eingeplant, die aber wegen Personalmangel selten voll belegt werden können. Dazu kamen letztes Jahr 4500 Stunden Freiwilligenarbeit. Letztes Jahr zahlte niemand den vollen Monatsbetrag, da der Einsatz für die Gemeinschaft entschädigt wird (etwa Küchen- und Putzdienst). Zudem konnte Mitte Jahr 6% der eingezahlten Summe zurückerstattet werden und Ende Jahr erhielt jeder Bewohnende Fr. 500.- gutgeschrieben als Überschussbeteiligung. Pflegeleistungen können separat über die Krankenkasse abgerechnet werden. Für ausserordentliche Kosten wird laufend ein Solidaritätsfond geäufnet.

Hospiz Tenna als Leuchtturmprojekt

Das Hospiz Tenna ist nicht bloss ein Sterbehospiz, wo man auf den Tod wartet, sondern alle Bewohnenden sind eingeladen, sich nach Kräften, Wünschen und Interessen in die Wohngemeinschaft einzubringen. Da die Alltagsarbeiten wenn möglich von den Bewohnenden selbst erledigt werden, braucht es kaum Physio- oder Ergotherapie oder Angebote zur «Unterhaltung.» Alle tun, was ihnen im Moment möglich und interessant erscheint. Dazu gibt es täglich zwei «Vollversammlungen», jeweils während des Mittag- und Abendessens. Da wird abgemacht, wer was tun kann. Es gibt keine Wochenpläne für die Alltagsarbeiten, alle machen jeden Tag, was für jede/n passt. So gibt es viel Kommunikation, alle wissen, wie es den andern geht und so entsteht eine laufende Planung in der sorgenden Gemeinschaft. Für Notfälle steht ein Zimmer für medizinische Behandlungen von beigezogenen Fachpersonen zur Verfügung. Ebenfalls können Angehörige im Hospiz übernachten, wenn sie in den letzten Tagen Sterbebegleitung ihrer Lieben machen möchten.

Im Moment leben 6 Personen in der sorgenden Wohngemeinschaft: Othmar Arnold als angestellter Pflegefachmann (63), ein Paar (82 und 81), zwei Männer (98 und 83) und eine 90-jährige Nachbarin des Hospizes, die letzthin einen Schulterunfall erlitt, so dass sie den Alltag im Moment zuhause nicht bewältigen kann. Drei der fünf Bewohnenden leiden unter dementiellen Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Stadien. Dazu sagt Othmar Arnold: «Demenz und Sterben sind nicht tabu. Man bleibt bis zum letzten Atemzug eine Person mit voller Menschenwürde.» In bestimmter Hinsicht mag jemand beeinträchtigt sein, aber  niemand wird bloss als Patient behandelt, jeder ist mit seinen Beeinträchtigungen immer noch ein ganzer Mensch.

Im oberen Stock finden Begegnungen mit Angehörigen oder Freunden im kleinen Kreis statt.

Der letzte Lebensabschnitt ist nie nur eine Angelegenheit für die Medizin. Medizin kann beigezogen werden, wenn nötig. Beispielsweise begleitete der 98-jährige Mann seine Partnerin vor knapp zwei Jahren im Tenna Hospiz im Sterbeprozess. Ärztliche Unterstützung fand nur am Rande statt. Oder: Letztes Jahr erlitt die Frau des 83-jährigen Bewohners einen Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung als Folge. Sollte sie per Helikopter in ein Spital und dann in ein Pflegeheim abtransportiert werden, wozu medizinische Fachleute rieten? Aber der Partner wollte seine Frau bei sich haben, also blieb sie im Hospiz und er war Tag und Nacht bei ihr. Die halbseitige Lähmung verschwand nach kurzer Zeit und seine Frau ist wieder wohlauf. Das sind aus der Sicht von Othmar Arnold keine Wunder, sondern zeugen von den positiven Wirkungen der sorgenden Gemeinschaft. Dies wissenschaftlich nachzuweisen, wäre aus der Sicht von Othmar Arnold wünschenswert.

Vorbildfunktion des Hospizes Tenna?

Nach meinem ersten Eindruck ist der Erfolg des Tenna-Projekts stark an die Person von Othmar Arnold gebunden, der als empathischer Motivator, fachlich und in der inneren und äusseren Kommunikation kaum ersetzbar scheint. Auf meine Frage, ob es mit dem Hospiz so gut weitergehe, wenn er mal ausfalle, meinte er nur: «Es geht schon weiter, einfach anders.»

Im Vergleich zu Pflegeheimen ist der minimale Medikamentenkonsum, die muntere Atmosphäre, die Eigeninitiative und der freie, humorvolle Geist der Bewohnenden auffällig. Jede/r kann machen, was er/sie will. Nur an den beiden «Vollversammlungen» – beim Zmittag und Abendessen – werden alle erwartet und wenn nötig, im Rollstuhl hergefahren.

Für mich wird im Tenna Hospiz der Tatbeweis erbracht, dass eine Wohngemeinschaft von Hochaltrigen, wo alle füreinander sorgen und niemand bloss von Fachkräften «versorgt» und «behandelt» wird, gut funktionieren kann. Nichts gegen Fachkräfte, aber es reicht, wenn sie nur die fachlich nötigen Handlungen vollziehen, den Rest machen die Bewohnenden selbst. Das hat einen nicht zu unterschätzenden Kosteneffekt in Zeiten des Fachkräftemangels und steigender Krankenkassenkosten. Othmar Arnold: „Letztes Jahr konnten wir sechs kostenintensive Hospitalisierungen vermeiden. Das ist wohl der grösste wirtschaftliche Effekt unseres Pflegemodells.»

Wenn in der Wohngemeinschaft ein Platz frei wird, können von Interessierten Besichtigungstermine und Kontaktgespräche gebucht werden. Dann wird in gemeinsamer Abklärung der Bedürfnisse und Möglichkeiten im Dialog herausgefunden, ob es passt. Wenn es passt, dann drauflos ins letzte grosse Abenteuer!

Titelfoto: Blick auf das Tenna Hospiz (Alle Fotos bs)

Link mit vielen weiteren Links und zu einem Blog: https://tennahospiz.ch
Schweiz aktuell hat am 4. März 2022 über die Wohngemeinschaft alte Sennerei berichtet.

 

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4 Kommentare

  1. Ein wunderbares Beispiel, wie eine Caring Community konkret gelebt werden kann. Drei Dinge scheinen mir bemerkenswert und wegleitend für Sorgende Gemeinschaften im vierten Lebensalter: (1) Das öffentliche Café als Bindeglied nach aussen, (2) Die gegenseitige Hilfe und Unterstützung der Bewohnerinnen und Bewohner im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit subsidiärer Betreuung durch Fachpersonen, (3) die einfache Organisationsstruktur mit den täglichen «Vollversammlungen» beim Mittag- und Abendessen. Ein echtes Leuchtturmprojekt mit grossem Ausstrahlungspotential!

  2. Was für ein WUNDERBARES Projekt ❣️🙏🕊️ Ich bin so beeindruckt und bewegt. DANKE für Ihr TUN Othmar Arnold. Das ist wirklich altern in Würde und FRIEDEN.
    Herzlichst Claudia Lösel aus Mecklenburg-Vorpommern

  3. So ein wundervolles Projekt – ein solches sollte Vorbild sein für weitere Möglichkeiten in der ganzen Schweiz – einfach fantastisch! Ich ermuntere Othmar Arnold seine Visionen einer breiten Bevölkerung bekannt zu machen – ev. in den Medien – ev. sogar einen SRF Dok Film erstellen lassen…usw.
    Susanne M.

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