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Wenn Kunst und Liebe sich verbinden

Das Kunstmuseum Solothurn zeigt aktuell Werke zweier Persönlichkeiten, die zu ihren Lebzeiten im kulturellen Leben der Stadt am Jura-Südfuss ihren Platz gefunden haben: Amanda Tröndle-Engel und Oskar Tröndle.

Wer sich in Solothurn umschaut, stösst vielleicht auf den Namen Tröndle. Amanda Tröndle-Engel (1862–1956), in Ligerz am Bieler See geboren, heiratete in erster Ehe den Solothurner Oberrichter Arnold Amiet. Zu dessen entfernter Verwandtschaft gehörte auch Cuno Amiet (1868-1961), dem Amanda in dessen Jugend ein paar Hinweise zum Malen gegeben hatte. Seit sie denken konnte, hatte sich Amanda für Zeichnen und Malen begeistert. Dank ihrer grosszügigen Eltern und ihrem Ehemann konnte sie ihre Leidenschaft pflegen und weiterentwickeln. In Solothurn erwarb sie sich, als sie seit 1900 nach dem Tod ihres Mannes selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen musste, schon bald einen guten Namen als Portraitistin und als Lehrerin in ihrer Malschule.

Amanda Tröndle-Engel, Im Atelier (Foto mp)

Oskar Tröndle (1883-1945) stammte aus Möhlin AG. Als junger Mann ging er nach München, um bei angesehenen Künstlern wie Adolf Hölzel (1853-1934) und an der renommierten Münchner Kunstschule zu lernen, denn Maler zu werden, war sein Lebensziel. Dort lernten sich Amanda und Oskar Tröndle kennen. Es gibt keine Quellen, wann genau und wo die beiden sich begegnet sind und wie daraus eine Liebe und Künstlergemeinschaft geworden ist. Im vor zwei Jahren erschienenen Roman über Amanda Tröndle-Engel zeichnet Mara Meier ein feines und glaubwürdiges Bild der beiden. Oskar soll Amanda mehrmals gebeten haben ihn zu heiraten, Amanda habe zuerst lange gezögert, bis sie einwilligte. So entstand eine lebenslange harmonische Künstlerehe.

Oskar Tröndle, Zweig mit grünen Blättern (Foto mp)

Sicher ist, dass die beiden in ihren Anschauungen zu Kunst, Kunsthandwerk und Ästhetik eng verbunden waren. In den Erläuterungen zur Ausstellung lesen wir: «Beide strebten danach, nachfühlend alle Schönheiten in sich aufzunehmen und gestalterisch umzusetzen.» Mit dieser Auffassung befand sich das Künstlerpaar ganz in der Ideenwelt des beginnenden 20. Jahrhunderts: Alle Bereiche des Lebens, Alltag, Lebensformen, aber auch der Unterricht sollten künstlerisch gestaltet werden. Kunstgewerbe – heute Teil der Angewandten Künste – erhielt eine neue Bedeutung und in der Folge eine grosse Verbreitung.

Oskar Tröndle, Chrysantheme, ca. 1911, Holzschnitt, 34.8 x 22.2 cm Kunstmuseum Solothurn, Depositum des Kunstvereins Solothurn, 1950 © Erbengemeinschaft Vonlanthen

In der aktuellen Ausstellung werden die Werke der beiden Tröndles zum ersten Mal gemeinsam ausgestellt, woraus sich reizvolle Vergleiche ergeben. Neben den Gemälden werden bemerkenswerte Holzschnitte (von Oskar) und Linolschnitte (von Amanda) gezeigt. Sie wirken in ihrer präzisen, zuweilen kargen Linienführung ungeheuer modern. Der wachsame und liebevolle Blick auf die Natur, auf die Landschaft im Ganzen und auf Blätter, Zweige, Früchte im Einzelnen ist beiden gleich wichtig. Wie sie ihre Wahrnehmungen im Bild umsetzen, zeigt ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten. Oskar besitzt eine ausgesprochene Vorliebe für Symmetrie und Ausgeglichenheit, er konzipierte seine Werke oft aus grafischen Überlegungen. Amanda schuf atmosphärisch geprägte Landschaften, aber auch persönlich geprägte Portraits oder etwa ein Apfelbäumchen, das die Besucherin an entsprechende Werke von Cuno Amiet erinnerte.

Amanda Tröndle-Engel, Apfelbäumchen (Foto mp)

In Solothurn, wo das Paar seit 1907 seinen Wohnsitz hatte, pflegte Amanda die Kontakte zur Öffentlichkeit, sie galt als aufgeschlossen und lebendig, während Oskar als zurückhaltender «Künstler-Eremit» beschrieben wurde. Amanda führte weiterhin ihre beliebte Malschule, Oskar gestaltete grafische Elemente, Buchumschläge, Schachteln, ein Firmensignet oder Buchillustrationen.

Oskar Tröndle, Drechselarbeiten (Foto mp)

Sogar Drechselarbeiten sind ausgestellt, für die Oskar die Schablonen entworfen hatte. – Schliesslich arbeitete er auch mit dem Wort: Er verfasste lyrische Texte, die in der Neuen Zürcher Zeitung abgedruckt wurden und von denen zwei Beispiele in einer Vitrine ausgestellt sind. Um die Poesie hervorzuheben, war ihm die grafische Gestaltung, d.h. das Schriftbild, des Textes wichtig.

Oskar Tröndle, Zitrone, undatiert (Foto mp)

Vor 40 Jahren hatte das Kunstmuseum Solothurn Oskar Tröndle eine Einzelausstellung gewidmet. Amanda Tröndle-Engel wird in dieser Doppelausstellung zum ersten Mal als Künstlerin präsentiert. Sie war in Solothurn wohl bekannt, auch als Fördererin des Kunstmuseums, aber vor allem als Zeichenlehrerin in ihrer Malschule – die «Moli» ist bis heute ein Begriff. Die Kuratorin Patricia Bieder und das Kunstmuseum erhoffen sich, durch diese Gesamtschau die Bildwelten und das Wirken des Künstlerpaares innerhalb der Schweiz ins Bewusstsein der Schweizer Kunstwelt zu rücken und zu vertieften Recherchen anzuregen.

Amanda Tröndle-Engel & Oskar Tröndle. Kunstmuseum Solothurn
bis 6. Oktober 2024.

Die Ausstellung wird von einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm begleitet, in dem unter anderem die «Moli» in Zeichenkursen wieder auflebt.

Die erwähnte Romanbiografie:
Mara Meier: Im Sommer sind die Schatten blau. Amanda Tröndle-Engel.
Zytglogge Verlag 2022; 280 Seiten. ISBN: 978-3-7296-2376-7
Buchbesprechung auf Seniorweb

Titelbild: Amanda Tröndle-Engel, Roter Apfel, undatiert, Linolschnitt, 26 x 40 cm Erbengemeinschaft Vonlanthen

 

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