Der Balkanstaat Albanien belohnt Reisende mit einer Fahrt durch unberührte Landschaften und alte Städte mit dem Prädikat UNESCO-Weltkulturerbe. Eine Entdeckungsreise (Teil 2).
Etwa die Hälfte des Staatsgebiets wird von Bergland eingenommen. Zu den albanischen Alpen gehören Hochgebirgsregionen mit Gipfeln bis Säntishöhe, also über 2500 Meter. Das prägt Klima und Lebensweise. Als einziger europäischer Fluss ohne Verbauungen prägt die Vjosa die wilde Landschaft. Ein einzigartiger Fluss in Europa!
In einer Schlucht der Vjosa mit den Bergen Maja und Papingut 2485 Meter ü.M.
Oft sieht man Schaf- oder Ziegenhirten mit ihren Herden – vom Bus aus nur schwer zu fotografieren. Ab und zu begegnet einem ein Fuhrwerk mit Pferd. Die Strassen sind meist eng und führen über Pässe mit Alpweiden oder bewaldet – streckenweise fühlt man sich in den Jura versetzt. Es gab immer wieder Situationen mit Gegenverkehr, da ging es um Zentimeter beim Kreuzen. Yusuf, unser hilfsbereite Buschauffeur, verlor den Überblick und die Nerven nie.
Wenn der Bautrupp an der Arbeit ist, geht gar nichts mehr.
Für Motorradfahrer sind die Bergregionen Albaniens ein Eldorado. Wir mussten wegen einer Neuteerung einmal fast eine Stunde auf die Weiterfahrt warten. Dass wir schliesslich weniger lang aufgehalten wurden, war dem Umstand geschuldet, dass ein Leichenwagen in der Kolonne war und wir hinter demselben weiterfahren konnten.
Begegnung auf einer der vielen Passstrassen. Geht oder steht er? Schlussendlich rannte er den andern Eseln nach.
Die Küstenlinie Albaniens am Adriatischen und am Ionischen Meer mit einer Vielzahl von Landschaften beträgt 362 Kilometer. Touristenhochburgen sind neueren Datums, eng mit Hochhäusern überbaut. Es fehlt oft der Kern einer Altstadt, welche das Romantische liefern könnte, wie es in Italien noch oft der Fall ist. Otranto in der Provinz Apulien liegt übrigens nur 70 Kilometer Luftlinie übers Meer entfernt.
Abendstimmung von der Festung im Badeort Saranda mit Blick nach der griechischen Insel Korfu. Im Vordergrund ein Bunker aus der Hoxha-Diktatur.
Albanien wird immer öfter gewählt als Badedestination. Es sei in den Top Ten der online meistgesuchten Reiseziele der Schweiz. Das Land ist noch sehr günstig. Das Essen, durchaus gut, kostet etwa die Hälfte verglichen mit unseren Preisen. Für einen Franken bekommt man etwa 100 Lek.
Decke der Kurt Ahmed Pascha (erster Herrscher des Paschaat Berat, 18. Jahrhundert) Celveti Tekke in der Stadt Berat, UNESCO-Weltkulturerbe.
In Albanien leben vier Religionen miteinander. Rund siebzig Prozent sind Muslime, zwanzig Prozent gehören der orthodoxen und zehn Prozent der römisch-katholischen Kirche an. So gehören Minarett, Kreuzkuppelkirche und katholische Kirche zur Silhouette einer Stadt. Es gibt auch eine kleine jüdische Religionsgemeinschaft.
Klosterkirche des Hl. Nikolaus in Mesopotam – byzantinisch aus dem 13. Jahrhundert. In schlechtem Zustand wie die meisten anderen historischen kirchlichen Bauten.
Dem äusseren Anschein nach leben die Religionen in gegenseitiger Toleranz zusammen. Obwohl Albanien von Ländern mit ethnischen und religiösen Spannungen umgeben ist, ist hier das Verhältnis unter den Religionen gut – ein wichtiger Faktor für die politische Stabilität des Landes.
Berat – eine osmanische Stadt. Mit dem Zunamen „Die Stadt der 1000 Fenster“. UNESCO –Weltkulturerbe.
Unter der kommunistischen Diktatur von Enver Hoxha war es anders. Im Jahr 1967 erklärte sich Albanien unter seiner Führung zum ersten atheistischen Staat der Welt. Damals wurden innerhalb weniger Monate 2169 Kirchen, Moscheen, Klöster und andere religiöse Einrichtungen geschlossen, zerstört oder umgewandelt. Diese Maßnahmen waren Teil einer Kampagne gegen die institutionalisierte Religion, die darauf abzielte, alle religiösen Organisationen im Land zu zerstören.
Gjirokastra, Moschee mit Mirhab (Gebetsnische, Richtung Mekka) und Minbar (Kanzel) – Stadt mit Prädikat UNESCO-Weltkulturerbe.
Für albanische Muslime spielt der Sufi-Orden der Bektaschi eine besondere Rolle. Er bildet als islamisch-alevitischer Derwischorden eine wichtige religiöse Gemeinschaft, die sich auf den türkischen Sufi Haçi Bektasch Veli beruft. Ursprünglich in Anatolien entstanden, breiteten sich die Bektaschis ab dem 14. Jahrhundert auch auf dem Balken, einschliesslich Albanien, aus. Seit der Orden 1892 von Sultan Mahmud III verboten wurde, konnte er nicht mehr ins osmanische Reich zurückkehren. Für viele Albaner ist die Zugehörigkeit zu den Bektaschis weniger eine Frage des religiösen Glaubens, als vielmehr Teil des kulturellen Erbes, bei dem es in erster Linie um das Patriotische und Nationalistische geht.
Skanderbeg in heroischer Postur im Burgmuseum von Kruja.
Den Kampf um Freiheit finden wir an wichtigen Stellen der Geschichte Albaniens. Er prägte in vielen Bereichen die Entwicklung seiner Identität. War es bis 395 n.Chr. die Herrschaft der Römer und dann mehr als 800 Jahre die der Byzantiner, zerfiel Albanien im Mittelalter in zahlreiche kleinere Fürstentümer und wurde abwechselnd von auswärtigen Mächten wie Bulgarien, Serbien, dem Königreich Neapel, von den Griechen und von Venedig beherrscht. Von 1468 bis 1912 blieb es für 444 Jahre unter osmanischer Herrschaft. Diese lange Zeit hatte einen tiefgreifenden Einfluss auf die kulturelle und soziale Entwicklung des Landes.
Die weitläufige Burganlage von Gjirokastra – Stadt mit Prädikat UNESCO-Weltkulturerbe.
Im 15.Jahrhundert bedrängten die Osmanen den orthodoxen Balkan immer stärker. Die Biographie von Skanderbeg, einem Fürsten aus dem albanischen Adelsgeschlecht der Kastrioti, der von 1423 bis 1443 dem Osmanischen Reich, von 1443 bis 1447 der Republik Venedig und ab 1451 bis zu seinem Tod dem Königreich Neapel diente, ist bezeichnend für die verwirrende und chaotische Epoche. Sein fünfundzwanzig Jahre dauernder Widerstandskampf gegen die Osmanen machte ihn in ganz Europa als Held bekannt.
Der junge Skanderbeg machte als Geisel am Hofe des osmanischen Sultans rasch Karriere und wurde Muslim. Er wechselte dann seine Loyalität und wurde zu einem radikalen Freiheitskämpfer gegen die türkische Hohe Pforte. Er ist der grösste albanische Nationalheld. Der Versuch jedoch, dem nationalen Mythos, der ihn umgibt, kritisch zu Leibe zu rücken, wird von vielen Albanern vehement abgelehnt. Die Schweiz hat ja ihr Lehrstück mit Wilhelm Tell hinter sich.
Diese Gruppe überrascht uns mit einem musikalischen Vortrag in Iso-Polyphonie, einem folkloristischen Gesangsstil, der im griechischen Epirus und in Südalbanien gepflegt wird.
Albanien, eins der Länder mit dem ursprünglich byzantinischen Doppeladler, sieht in Skanderbeg einen Zeugen für die europäische Identität und feiert ihn im prachtvollen Museum in der Festung von Kroja.
Titelbild: Korça mit der orthodoxen Kathedrale der Auferstehung Christi und dem Denkmal des Kämpfers für die Nation von Odhise Paskali.
Fotos: Justin Koller
Teil 1 der Albanien-Reise: Tirana – Hauptstadt Albaniens





Sehr spannend Ihre zwei Berichte über Albanien. Gibt es ein Reiseunternehmen, das Sie für eine Reise durch Albanien und evtl. anschliessend einen Badeurlaub empfehlen können? Ich werde auf jeden Fall noch etwas darüber lesen, wie es dieses Land geschafft hat, eine lebendige Demokratie aufzubauen und den Terror des alten Regimes hinter sich zu lassen.
Liebe Frau Mosimann,
herzlichen Dank für Ihre Zuschrift. Wir haben die Reise gemacht mit Studiosus-Reisen. Es handelt sich um die Reise Nr. ST 2412 unter http://www.studiosus.com – Sie finden dort eine ausführliche Beschreibung. Die Reiseleitung war ausgezeichnet. In einem wenig bekannten Land ist das ein grosser Vorteil, ebenso, wenn sich Kulturkreise so überschneiden wie in diesem Land.
Die nächste Reise ist für den September ausgeschrieben. Diese Reise geht auch für 2 Tasge nach Nordmazedonien. An 2 Tagen in Saranda besteht die Möglichkeit im Meer zu schwimmen. Aber es ist im Grunde eine Kulturreise.
Ich wünsche Ihnen eine spannende Reise und grüsse herzlich
Justin Koller