Da spricht mir einer aus dem Herzen. Karl Popper (1902-1994), der durch sein Werk «Die offene Gesellschaft und seine Feinde» berühmt und populär geworden ist, hat in seinem Buch: «Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung», das 1979 erschien, notiert: «Ich werde meiner ersten Lehrerin, Emma Goldberger, die mich lesen, schreiben und rechnen lehrte, immer dankbar sein. Ich glaube, dass man einem Kind nur lesen, schreiben und rechnen beizubringen braucht; und für manche Kinder ist nicht einmal das notwendig: Sie lernen es von selbst. Alles andere kommt durch den Einfluss der Umwelt – durch die Atmosphäre, in der man aufwächst – und durch Lesen, Sprechen und Denken.»
Popper arbeitete als Student zwei Jahre bei Adalbert Pösch, einem Tischlermeister. Er hatte Mahagoni-Tische zu fertigen. Tischler Pösch, der seine Werkstatt in der Nähe von Wien betrieb, war in allen Fragen gut informiert und auch belesen. Mit dem Lehrling diskutierte er über alles, was ihm gerade einfiel. Popper erinnerte sich an ein Wort des Meisters: «Da können S’ mi’ frag’n was Sie woll’n: Ich weiss alles.» Als ich diese Seite las, wurde mir klar, warum Popper ein pragmatischer Philosoph geworden ist.
Ähnlich wurde ich bei Schwester Maria-Lina in den drei zentralen Fächern unterrichtet und die Lehrer von der 2. bis zur 6. Klasse vertieften die erworbenen Fähigkeiten. Neben den Hauptfächern unterrichteten sie Geschichte und Heimatkunde. Auf diesem Fundament wurde ich ein neugieriger Junge. Schwester Maria-Lina war eine strenge Lehrerin und sie machte uns klar, was Schule heisst. Gehorchen und lernen. Dies ist die wichtigste Aufgabe der Erstklasslehrerinnen und –lehrer. Die Kinder sind jetzt nicht mehr im Kindergarten, wo der Unterricht noch nicht systematisch verlangt wird.
Der junge Karl R. Popper erprobte bei Meister Pösch seine Fähigkeiten. Er wurde kein Schreiner, aber er lernte, worauf es im Leben ankommt. Als Philosoph zählte er zu den Realisten. Sein Denken geht von Tatsachen aus. Darum empfiehlt er, Theorien genau zu überprüfen, um zu erkennen, was an ihnen wahr und was an ihnen falsch sein könnte.
Poppers Werk hatte ich bei seinem Erscheinen 1979 gekauft und darin einige Kapitel gelesen. Nun stand ich wieder einmal vor dem Büchergestell und griff es wie zufällig heraus. Es verschaffte mir viel Vergnügen, weil es in verschiedenen Kapiteln ausführlich darlegt, wie man Theorien bildet und damit zu Tatsachenwahrheiten kommt. Als ich die Stelle las, wo er seiner Erstklasslehrerin dankt, tat ich dasselbe für Schwester Maria-Lina. Ich denke an sie und denke zugleich, wie wichtig die 1. Klasse für alle Schüler ist, die mit Lesen, Schreiben und Rechnen das erste Fundament für das selbständige Leben erhalten.
Schwester Maria-Lina unterrichtete ca. vierzig Buben und Mädchen. Sie war eine eindrucksvolle, kleine Lehrerin mit klarer bestimmter Sprache. Ich sehe sie an der Tafel mit der Kreide ein Nest malen: «Sagt den Satz dazu!» Einige riefen. «Ei im Nest!» Und so führte sie uns mit den einfachsten Dingen zu Lesen und Schreiben. Denn was auf der Wandtafel stand, musste auf der Schiefertafel nachgemalt werden. Nur über das Einfachste kommt man zum Komplizierten. Und ich kann wohl behaupten, dass sich das bis heute nicht verändert hat.


Keine Ahnung, wieso alle immer nur Geld spenden wollen?! Diser Problem ist ein Staatsproblem und der Staat muss Geld in die Schulen investieren und das so, dass jedes Kind, als begabt oder gar nicht begab Lesen, Schreiben und Rechnen so schnell wie möglich lernt.
Ich habe Verständnis für einen alten Mann, der von seinen früheren Erinnerungen und Erfahrungen zehrt und meint, diese in die heutige Zeit adaptieren zu müssen. Die Alltagswirklichkeit an Schweizer Schulen sieht heute jedoch wesentlich anders aus. Besonders in städtischen Schulen ist der Einfluss fremder Kulturen und generell der Umgang in der Gesellschaft miteinander, ist ein ganz anderer als früher und die hohen Anforderungen für das Lehrpersonal, sind mit den schulischen Gegebenheiten in den 50/60iger Jahren nicht zu vergleichen. Heute gibt es Kinder resp. Jugendliche, die trotz neun Jahren Primarschule weder gut lesen, schreiben noch rechnen können. Sie haben sich durch die Schulzeit gemogelt und die Lehrer:innen haben es nicht geschafft, diese Schüler:innen fit zu machen für die Anforderungen des bevorstehenden Lebens- und Arbeitsalltags.
Ich möchte betonen, dass das sicher nicht am Lehrpersonal liegt, das sich besonders mit der Mehrbelastung durch die Flüchtlinge aus Kriegsgebieten, über seine Grenzen hinaus bemüht, sondern es liegt am Schulsystem. Ich kenne einige Eltern, die ihre Kinder lieber selbst unterrichten oder an teure private und/oder Alternativschulen schicken, weil der Unterricht und das Umfeld an den öffentlichen Schulen mit dem Zeitgeist nicht mithalten kann. Deshalb finde ich die Rückgewandtheit in frühere Zeiten nicht sehr hilfreich. Ich habe drei Enkel:innen im Schulalter; mit einem Vergleich zu meiner Schulzeit, weder positiv noch negativ, würde ich deren aktuellen Herausforderungen niemals gerecht werden. Das Schweizer Schulsystem muss sich genau wie alles andere reformieren und die Regeln neu definieren.