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Von Last-Minute-Tannen und Pinup-Bäumen

Heute, 24. Dezember, ist es soweit: Gschänkli und Glitzer. Aber denken wir auch an die unverkauften Last-Minute-Bäume, die noch diesen Abend auf eine warme Stube hoffen? Fast eine Weihnachtsgeschichte.

Mein Vater war Pöstler. Beruflich war er im Dezember vor allem Christkind-Logistiker. Gschänkli, Gschänkli. Privat war er für den heimischen Tannenbaum zuständig. Diese beiden Aufgaben waren miteinander verbunden. Über Weihnachtspakete jubeln die einen – die Beschenkten. Die anderen jammern – die Pöstler. Das war früher so, das ist heute so. Der Adventsstress war schuld, dass der Vater den Weihnachtsbaum erst in letzter Minute kaufte. Beim Tessinerplatz im Zürcher Enge-Quartier fürchteten sich nur noch wenige Tännchen vor einer düsteren Zukunft. Einige schafften es zwar noch in die gute Stube zu Kerzenlicht und Lametta. Die endgültig Verbliebenen jedoch hatten ein schweres Schicksal als Sägemehl, Pflanzblätz-Abdeckung oder noch Schlimmeres vor sich.

Vater hatte am Weihnachtstag nur noch die Wahl zwischen verschupften, schrägen, und zu kurzgekommenen Bäumen. Ich ahnte, dass er aus purem Mitleid zum strübsten Exemplar griff. Vielleicht tat ers aber auch, weil die Last-Minute-Tanne besonders billig war. Daheim reagierte die Mutter beherrscht und durchwegs milde. Weihnachten, das Fest der Liebe, wirkte besänftigend. Mutter merkte schliesslich nur an, dass der Baum noch ein paar Äste mehr haben könnte. Sie vermutete, dass der neue Staubsauger wohl gute Dienste leisten werde. Und die grosse Schwester stellte fest, dass die Tanne vom Korridor aus in einem ganz speziellen Winkel betrachtet fast gerade wirke.

Nein, so schlimm sah Vaters Christbaum dann doch nicht aus. Bild Freepik

Vater war Berggänger. Er rühmte sich als schwindelfrei. Deshalb oblag ihm, den bis zur Decke reichenden Baum zu schmücken. Ich war Zuträger. Je länger dieser Hilfsjob dauerte, desto ungeduldiger wurde ich. Der Pöstler-Vater war Tüpflischiesser. Pingelig war er kraft seines Berufs. Er musste die damals noch junge AHV einzeln den Empfängern auszahlen und war damit ein wandelnder Bankschalter. Würde verlieh ihm auch die dunkelblaue Uniform mit dem goldbekränzten Hut und den Jackenköpfen mit Schweizer Kreuzen.

Jetzt, viele, viele Jahre später, kommen mir meine kindlichen Mitleidsvermutungen wieder in den Sinn. Dass Bäume eine Seele haben, sagen viele. Ich gehöre nicht dazu, kann aber verstehen, dass es Leute gibt, die an jene Tannen denken, die von der Natur nicht mit einer Pinup-Figur ausgestattet wurden. Tage und Wochen müssen sie vor dem Einkaufszentrum inmitten von Vorzeigebäumen stehen und werden von den Passanten als Last-Minute-Tanne verachtet.

Wir kennen das Gefühl. Beim Abzählen für die Schülermannschaft der Letzte zu sein, war schlimmer als beim Diktat eine 3 zu ernten. Beim Tanzen als Brillenmädchen auf dem Stuhl kleben zu bleiben, kratzte mehr am Selbstbewusstsein, als beim Franz ein ungenügend zu kassieren.

Liebes Hudel-Tännchen: Wir sind bei dir.

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2 Kommentare

  1. Ihr Mitleid mit den Tannenbaum-Ladenhüter hat schon fast menschliche Züge; die Bäume haben halt doch eine Seele, oder?
    Vor drei Jahren habe ich mich befreit von meinem schlechten Gewissen wegen der Tannenbäume auf Zeit und habe mir einen im Topf gewachsenen Tannenbaum geleistet. Er steht, gut ersichtlich das ganze Jahr auf meinem Balkon; anfänglich ist er gewachsen und hat viele hellgrüne Schösslinge ausgebildet, worüber ich mich sehr freute. Doch jetzt ist er mangels Begrenzung für das Wurzelwachstum an seine Grenzen gestossen. Ich werde ihn im nächsten Frühling in einen grösseren Topf versetzen und hoffe, dass er noch einige Jahre mein Herz erfreut.
    An Weihnachten wird er mit von Solar-Licht gesteuerten Sternen und altem Tannenbaumschmuck, von dem ich mich nicht trennen will, geschmückt und strahlt nicht nur in die Umgebung sondern auch in mein Wohnzimmer. Da braucht es nur noch ein paar Kerzen und die Stimmung ist perfekt. Wer einen Garten oder die Möglichkeit hat, kann das Bäumlein später der Natur zurückgeben und auspflanzen, eine nachhaltige Win-Win-Situation.

  2. Der Schreiber dieser Kolumne ist ein wunderbarer Beobachter. Hoffentlich schreibt er seine Erinnerungen an seine Kindheit auf. Danke.
    Oeko-Tanne (für den Kommentar von Regula M. : Bei einem Engadin-Aufenthalt vor ein paar Jahren trug ich ein kleines Tännchen in einer Seitentasche des Rucksacks nach Hause. Es wuchs zu einem buschigen Tannenbäumchen heran und konnte dieses Jahr vom Balkon ins Wohnzimmer umziehen. Schön geschmückt konnte es die Familienfeier betrachten und die Blicke der Kinder und Enkel erwidern.

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