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Oper von Händel als moderne Sitcom

Die Oper «Agrippina» von Georg Friedrich Händel fordert die Sängerinnen und Sänger schauspielerisch und interpretatorisch enorm. In der Zürcher Produktion der Regisseurin Jetske Mijnssen werden sie vom Orchestra La Scintilla mit Dirigent Harry Bicket am Pult begleitet.

Um die 40 Opern hat Georg Friedrich Händel geschrieben, doch heutzutage beschränkt man sich auf die Produktion von wenigen einzelnen. Zu diesen gehört auch die über drei Stunden dauernde «Agrippina». Die Geschichte dreht sich um sie, die raffiniert intrigante Gattin von Kaiser Claudio und Mutter des berüchtigten Kaisers Nero. Sie setzt alles daran, um ihren verwöhnten, unfähigen Sohn Nero als Nachfolger des kranken Claudio an die Macht zu bringen.

Eine moderne Geschichte

Regisseurin Jetske Mijnssen holt die Geschichte in die Gegenwart. Man sieht sich in eine moderne Sitcom-Serie versetzt, die von einer mächtigen Familiendynastie handelt. Agrippina ist die im Hintergrund herrschende und alle Fäden spannende Magna Mater. Ihr Gatte Claudio hatte einen Herzinfarkt und betrügt Agrippina mit seiner «Krankenschwester» Poppea. Agrippina will nach ihm Nero zum Kaiser machen, Claudio aber möchte seinen Günstling und Lebensretter Ottone auf den Thron setzen.

Händels «Agrippina» wird von Jetske Mijnssen als Sitcom inszeniert.

In dieser Konstellation treten in Zürich zwei Countertenöre auf: Christophe Dumeaux gibt den Nerone als Rollendebüt. Er hat eine laute durchdringende Stimme. Und für seine unterwürfige Rolle hat er eine gar imposante Statur. Sein Gegenspieler Ottone wird von Countertenor Jakub Józef Orlinski mit lyrisch-agiler Stimme gegeben. Dieser singt den Ottone vielschichtig und mit farbig schillernden Zwischentönen. Und er bewegt sich leichtfüssig wie ein Tänzer. Dazu muss man wissen, dass Orlinski auch ein erfolgreicher Breakdancer ist.

Die monströse Partie der Agrippina

Mit Anna Bonitatibus singt eine ausgewiesene Händelkennerin die Hauptpartie. In einer früheren Agrippina-Produktion gab sie noch den Nero als Hosenrolle, nun singt und spielt sie dessen intrigante Mutter. Sie vermag das Wechselspiel zwischen boshaften Ratschlägen und persönlichem Denken eindrücklich darzustellen. Man nimmt ihr die clevere Herrscherin ebenso ab wie die Verunsicherung durch unerwartete Umstände. Ihre grosse Arie im zweiten Akt, «Pensieri, voi mi tormentate» (Quälende Gedanken) interpretiert sie grossartig.

Anna Bonitatibus gilt als Händelkennerin und interpretiert die Titelrolle sehr eindrücklich. (Alle Bilder Opernhaus Zürich/Monika Rittershaus)

Es waren in erster Linie die Stimmen und die Musik, die den Premierenabend zum Ereignis machten. Das Bühnenbild von Ben Baur – ein beiger hoher Saal und zwei Nebenräume – wirkt für diese machtbetonte Geschichte gar bieder und funktional. Darin führt Mijnssen die Figuren wie in einem Komödientheater: Die eine Person kommt von links rein, die andere verschwindet rechts hinter die Tür, und Agrippina spielt ihr Spiel im Saal.

Schauspielerisch Qualitäten gefordert

Umso wichtiger sind die schauspielerischen Qualitäten der Sängerinnen und Sänger. Den Kaiser Claudio zeichnet Mijnssen nicht einfach als schwachen, kranken Mann. Wie Nahuel Di Pierro mit seinem mächtigen Bass aus dem Schatten Claudios tritt, beeindruckt sehr. Sein Machtgefüge kommt jedoch ins Wanken, da er – wie seine beiden möglichen Nachfolger – in die hübsche Poppea verliebt ist.

Claudio (Nahuel Di Perro) ist zwar krank und schwach, aber trotzdem verliebt in seine «Pflegerin» Poppea (Lea Desandre).

Man traut es der zierlichen Gestalt von Lea Desandre gar nicht zu, was sie aus dieser umschwärmten Poppea macht. Sie entwickelt eine Persönlichkeit, die stimmlich wie darstellerisch einfach umwerfenden ist. Arios verspielte Koloraturen wechseln mit vitalem Temperament. Ihre grosse Arie vor der Pause, «Se giunge un dispetto» (Wenn die Bosheit kommt), gehörte zu den Höhepunkten des Abends.

Präzises und agil begleitendes Orchester

Dirigent Harry Bicket setzte mit dem auf historische Instrumente spezialisierte Orchestra La Scintilla das Tempo hoch an. Umso quirliger mussten die Koloraturen gelingen. Heftige rhythmische Akzente wechselten mit anschmiegsamen Bläsersoli, die sich oft um die parallel geführten Stimmen rankten. Diese Verdoppelung der Stimmen ging bis zu den schwierigsten Koloraturen – unglaublich, mit welcher Präzision und Intonationssicherheit dies auf beiden Seiten gelang. Der Abend war trotz der Längen ein musikalischer Genuss.

Weitere Vorstellungen: 5, 7, 9, 11, 14, 18, 27, 30 März

 

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2 Kommentare

  1. Wieso muss man für diese zeitgemässe Sitcom die nicht mehr zeitgemässe Musik von Händel missbrauchen? Hat man keine Idee, diese Geschichte nicht nur aktuell zu inszenieren, sondern auch eine zeitgenössige Musikl zu verwenden?

  2. Ich habe die Oper nicht gesehen, Herr Svoboda, gebe aber trotzdem meinen Senf dazu. Händel-Opern haben Libretti, die kaum jemand versteht. Der Sitcom-Modus könnte da helfen. Zeitgenössiche Musik, Herr Svoboda, meinen Sie die wirklich Ernste E-Musik?
    Atonal und zwölftönend? Brr. Neo-Klassik (Ambient, Post-Rock, Minimal Music) könnte ich mir hingegen gut vorstellen. Aber das wäre für die gebenedeiten Damen und Herren der einzig wahrhaften Ernsten-E-Musik Müll in den Gehörgängen. Einaudi vs. Schönberg, wer gewinnt?

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