«Medardo Rosso: Die Erfindung der modernen Skulptur» betitelt das Kunstmuseum Basel die grosse Ausstellung über den Italiener an der Schwelle der Moderne. Dessen Kunst, begleitet von Werken seiner Epoche bis zur Gegenwart, wirkt heute ebenso radikal wie modern.
Einen frühen konzeptionellen Künstler nennt Kuratorin Heike Eipeldauer den fast in Vergessenheit geratenen Bildhauer und Fotografen Medardo Rosso. Die Kuratorin hatte zuvor die Ausstellung in Wien eingerichtet, bevor sie nun im Neubau des Basler Kunstmuseums gezeigt wird, mit verschiedenen Änderungen, die dem Ort und der Verfügbarkeit der Ausstellungsobjekte geschuldet sind. In Zusammenarbeit mit Elena Filipovic, der Direktorin des Basler Kunstmuseums, entstand eine neue, eigenständige Präsentation.
Medardo Rosso in seinem Studio am Boulevard des Batignolles (Paris) 1890. Abzug von Original-Glasnegativ (13×17,7 cm, 44,7×38,1 cm). Archivio Medardo Rosso
Medardo Rosso (geb. 1858 in Turin, gest. 1928 in Mailand) gehört zu den einzigartigen Künstlern, die sich nicht in eine Richtung zwängen lassen. Seine Werke lassen sich nicht katalogisieren, erklärt die Kuratorin. Als einzeln präsentiertes Ausstellungsstück scheint eine Rosso-Skulptur rätselhaft. Erst im Zusammenhang mit anderen Objekten entsteht «ein ideelles Gespräch». Durch die Konfrontation mit anderen Kunstwerken öffnen sich Blick und Verständnis. Denn die Werke berühren uns unmittelbar.
Medardo Rosso, Bambino malato 1895. Gips 17,5 x 20 x 19,3cm. Museo Medardo Rosso, Barzio.
Rossos Werk umfasst nicht mehr als ungefähr vierzig «ewig gleiche» Motive, die der Künstler in vielen Wiederholungen in ein stets anderes Licht setzt. Dem Licht und der Beleuchtung mass Rosso eine grosse Bedeutung bei. Er – nur er, niemand sonst, – fotografierte seine Werke und arbeitete dadurch weitere Aspekte seiner Motive heraus.
Das einzelne Motiv ins rechte Licht gerückt
Im Jahre 1905 hatte er selbst eine Ausstellung seiner Werke eingerichtet, ganz nach seinen Ideen. Später in seinem Privatmuseum, einer kleinen Kapelle in Barzio am Comer See, wurden alle Werke der Wand entlang aufgestellt. Denn keine seiner Skulpturen hat eine ausgearbeitete Rückseite. Oft sind sie wie abgeschnitten, der Künstler lässt nur eine Ansicht zu. Licht und Luft brauchen sie, dazu die richtige Beleuchtung, um ihre Wirkung zu entfalten. In der Basler Ausstellung stehen einige Werke – zum Schutz – in einem Glaskasten. Es sind Werke aus Wachs. Sie erhalten so eine Art Rahmen, eine Eingrenzung.

Das letzte seiner Motive: Medardo Rosso: Ecce Puer, 1906. (Guss nach 1920) Wachs über Gips. 47 x 34 x 29cm Fabbri Federico. Foto: Courtesy Galleria Russo, Roma
Rosso hatte als 24-Jähriger an der Accademia di Belli Arti di Brera, einer damals renommierten Kunstakademie, ein Studium in Bildhauerei aufgenommen. Aber es war kaum ein Jahr vergangen, da musste er die Akademie verlassen, nachdem er durch eine provokante Petition, die das Zeichnen nach lebenden Modellen verlangte, einen Konflikt mit einem Mitstudenten hervorgerufen hatte. Rosso arbeitet also weitgehend autodidaktisch. Neben der Skulpturenarbeit mit Terrakotta, Gips, dann mit Bronze und eben Wachs zeichnet er viel und beginnt bald, mit den Möglichkeiten der Fotografie zu experimentieren.
Denkmäler waren unattraktiv geworden
Im ausgehenden 19. Jahrhundert besass die Bildhauerei keinen besonders guten Ruf. Sie galt als altmodisch und steif, man sah heroische Denkmäler vor sich – wenig inspirierend für junge Künstler damals. Wie Rosso arbeitete, muss damals revolutionär gewirkt haben.
Medardo Rosso: Bookmaker, 1894 (Guss 1960). Bronze 45 x 31 x 35cm. mumok-Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (erw. 1964)
In seinen jugendlichen Jahren war Rosso wohl nicht nur kämpferisch, sondern auch begierig auf Neues. Vier Jahre nach seiner Heirat und nach der Geburt seines Sohnes Francesco verlässt er nämlich Mailand, um sich von der in Paris herrschenden Aufbruchsstimmung inspirieren zu lassen. Er kommt in Kontakt mit der modernen Lyrik von Guillaume Apollinaire und Paul Valéry, er lernt Emile Zola kennen und weitere Künstler wie Edgar Degas und Amadeo Modigliani. Mit dem wichtigsten Bildhauer in Paris, Auguste Rodin, beginnt eine Freundschaft, die allerdings Jahre später nach einem Zerwürfnis zerbricht.
Harte Bronze und weiches Wachs
In Paris richtet sich Rosso eine Gusswerkstatt ein. Zur Vorbereitung eines Bronzegusses wird Wachs benötigt, so lernt er die Vorteile dieses weichen Materials kennen und schätzen. Aus dem Prozedere eines Gusses macht Rosso eine Art Performance, halb-öffentlich, d.h. mit Gästen, die sich begeistert zeigen. Man habe Rosso, der ein grosser, kräftiger Mann war, auch einmal «Hephaistos» genannt, erzählt die Kuratorin. In Paris findet Rosso Förderung seines Schaffens, er wird französischer Staatsbürger und erlangt internationale Bekanntheit. Seine Werke werden neben Paul Cézanne ausgestellt.
Medardo Rosso, Installationsansicht von «Enfant à la Bouchée de pain» (Werk M. Rosso) vor «Baigneuses» (Paul Cézanne), im Salon d’Automne, 1904. Privatsammlung. Silbergelatine mit Sprühretusche, 11,7 x 14,5cm
Keine neuen Motive, aber neue Ansichten
Wichtig wurde seine Freundschaft mit Constantin Brâncusi. Dieser war wohl ebenso heikel, was das Fotografieren angeht. Nur Rosso durfte dessen Werke fotografieren. – Rosso selbst beschäftigte sich nur noch mit den Motiven, die er schon geschaffen hatte, machte neue Abgüsse, neue Fotografien, inszenierte sie in Ausstellungen und schrieb theoretische Texte. Seit 1920 lebte er wieder in Mailand, wiederum von Freunden und Förderern umgeben. Schon 1928 starb Medardo Rosso an den Folgen seines Diabetes und einer akuten Blutvergiftung. Sein Sohn Francesco übernahm den Nachlass und gründete das Museo Medardo Rosso am Comer See, wo man die Werke des Künstlers bis heute besichtigen kann, sofern sie nicht für eine auswärtige Ausstellung auf Reisen sind.
Ein Spiel mit Motiven und Materialien
Bis heute wird er von vielen als «Geheimtip» hoch geschätzt, Alberto Giacometti, Meret Oppenheim, Marcel Duchamp oder Miriam Cahn seien hier genannt. Die Liste der Künstlerinnen und Künstler des 20. und 21. Jahrhundert, die in gewisser Weise mit Medardo Rosso verbunden sind und gezeigt werden, füllt eine zweispaltige A4-Seite. Der Reiz der Basler Ausstellung besteht in der Vielfalt, die durch diese breite Zusammenschau entsteht. In jedem der sieben Kapitel gilt es zu entdecken, welche neuen Aspekte sich durch die ausgestellten «Begleitobjekte» zeigen.
Marcel Duchamp, Schachtel im Koffer, 1949. Serie A, Nr. XIX/XX, mit 69 Objekten und einer Originalvorlage «L’ombre sans cavalier» für ein Pochoir. 10,5 x 38 x 41cm. Kunstmuseum Basel. Foto Martin P. Bühler
Medardo Rosso: Die Erfindung der modernen Skulptur.
Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel Neubau dauert bis 10. August 2025
Titelbild: Medardo Rosso, La conversazione, ca. 1899. Gips, 35 x 66,5 x 41cm. Museo Medardo Rosso, Barzio. Alle Fotos (wenn nicht anders vermerkt): mumok / Markus Wörgötter
