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Ein Leben für den Kasperli

Mit der Figur des Kasperli verzauberte der Zürcher Adalbert Klingler ganze Generationen von Kindern. Als Hommage an ihren Grossvater hat seine Enkelin, Regula Klingler, ein wunderbares Buch geschrieben. Das Werk erzählt von Traum, Begabung und Leidenschaft des 1974 verstorbenen Handpuppenspielers.

Adalbert Klingler wurde 1896 als erster Sohn eines Schneidermeisters in Zürich-Riesbach geboren. Der Bub war der Stolz der Eltern, und besonders der Vater sah in ihm seinen Nachfolger im Beruf des Schneiders. Im zarten Alter von fünf Jahren kam Adalbert erstmals mit dem Puppenspiel in Berührung. Er selbst sagte später: «Der Puppenspieler Burattinaio hat mich in der Trattoria Viola an der Langstrasse mit seinem Bergamasker Kasper Giuppin regelrecht verhext. Er sprengte meine Welt.»

Der Kasperli.

Professioneller Puppenspieler wurde Klingler aber auf Umwegen: 1915 brach er eine Lehre als Dekorationsmaler ab. 1918 schloss er die Schneiderlehre im väterlichen Geschäft ab. 1920 versuchte er ein Theologiestudium. Danach war er zwei Jahre lang Vertreter einer Zeitschrift. Ab 1926 arbeitete er 15 Jahre lang hauptberuflich bei einer Lebens- und weitere sechs Jahre bei einer Mobiliarversicherung.

Laienschauspieler und Radiosprecher

In seiner Freizeit betätigte er sich als Laienschauspieler, z. B. an der «Freien Bühne Zürich». Dank seiner ausdrucksstarken Stimme wurde er als Rollensprecher beim «Schweizerischen Marionettentheater im Kunstgewerbemuseum der Stadt Zürich» engagiert. Dort gab er dem Affen «Jaffo» im Stück «Zirkus Juhu» von Traugott Vogel seine Stimme. Ausserdem wirkte er als Sprecher und Rezitator im Radio Studio Zürich. Ein Höhepunkt war seine Berufung zur Mitwirkung im Welttheater Einsiedeln in den Jahren 1924 und 1925.

Als professioneller Puppenspieler bekannt wurde Klingler mit dem «Landi-Chaschper», besonders durch seine Auftritte anlässlich der Schweizer Landesausstellung 1939 in Zürich. Täglich drei Vorstellungen, insgesamt 550 Aufführungen vor 70 000 Kindern sind nur drei Zahlen seiner stolzen Erfolgsbilanz.

Adalbert Klingler mit seiner originalen Kasperli-Figur.

Nach der allgemeinen Mobilmachung kam der Ruf der Armee dazu: Im Auftrag des Militärdepartements, Sektion «Haus und Heer» besuchte Adalbert Klingler gemeinsam mit dem Schriftsteller Traugott Vogel und der neu gegründeten Wanderbühne «Schnabelweid» die Soldaten, welche die Schweizer Landesgrenze bewachten. Während fünf Monaten stand er so im Dienst der Geistigen Landesverteidigung.

Ruf nach Rüschlikon: «Park im Grüene»

1946 wurde Adalbert Klingler von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler für den «Park im Grüene» engagiert, wo er als erster festangestellter Puppenspieler der Schweiz tätig war. Im Sommer spielte Klingler jeweils in Rüschlikon, im Winter tourte er mit seiner Kasperli-Bühne und rund siebzig Handpuppen durch die Deutschschweiz. Der Künstler schrieb über 100 Kasperli-Stücke im Zürcher Dialekt und prägte die Entwicklung des Handpuppenspiels als Kunstform in der Schweiz nachhaltig.

Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler (2. von links) besucht eine Vorstellung im Park in Rüschlikon.

Klingler arbeitete mit bekannten Persönlichkeiten zusammen. So entstanden viele seiner von ihm selbst entworfenen Figuren von namhaften Künstlern wie Carl Fischer, Gustav Rauber, Ruth Zürcher-Schlüter und Claire Moser-Pilny. Mit der Künstlerin Klara Fehrlin verband ihn eine jahrelange Brieffreundschaft. Sie illustrierte viele seiner Werke und zeichnete auch ein Portrait von ihm. Das Bühnenbild zu seinem Puppenspiel «Dank der Tiere und des Menschen», einem indischen Märchen, schuf die Schweizer Kunstmalerin und Expressionistin Helen Dahm. Der Schriftsteller Traugott Vogel war ihm Freund und Mentor.

Drei Fragen an die Autorin des Buchs, Regula Klingler:

Seniorweb: Das Buch ist Ihr Erstlingswerk: Wie fühlen Sie sich nach zwei Jahren Recherche und vielen Stunden harter Schreibarbeit?

Regula Klingler: Es ist ein wunderschönes Gefühl, das Buch endlich in Papierform in Händen zu halten. Es war eine sehr intensive und anstrengende Zeit, die mir aber auch viele Kontakte mit interessanten Menschen beschert hat. Zu meinem grossen Glück wurde ich vom Friedrich Reinhardt Verlag in Basel, insbesondere von meiner Projektleiterin Manuela Seiler-Widmer, professionell begleitet, beraten und unterstützt. Jetzt hoffe ich, dass sich die Menschen für das Lebenswerk Adalbert Klinglers interessieren und das Buch lesen. Denn das gebundene Manuskript wird erst zu einem richtigen Buch, wenn es gekauft und gelesen wird.

Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an Ihren Grossvater?

Viele! Diese liest man am besten in meinem Buch nach. Der Kasper hat mich durch die Kinder- und Jugendzeit begleitet und nahm einen festen Platz in meiner Kinderseele ein. Er gab mir Halt und das Vertrauen, dass immer alles gut kommt! Er war ein Tausendsassa, immer gut gelaunt und zu Spässen aufgelegt. Er war hilfsbereit, und jedes seiner Abenteuer kam zu einem guten Ende.

Welchen Stellenwert hat die Kasperli-Figur für die Menschen in der Schweiz?

Der Kasperli ist bekannt für seinen gepflegten Humor, für Satire, und gilt auch als die Stimme des Volkes. Die Figur des Kasperli fördert die Kreativität und Fantasie bei Kindern, nicht nur für Kinder. Puppentheater, insbesondere Kasperli-Stücke, helfen Kindern, Emotionen und Situationen durch die Augen der Puppen zu erleben und Empathie zu entwickeln. Der Kasperli steht für Mut und ermutigt dazu, nicht zu warten, sondern aktiv zu werden. Im Kasperlitheater können die Kinder durch ihre Zurufe direkt an der Handlung teilnehmen und zum guten Ausgang der Geschichte beitragen. Das «Wir-Gefühl» des Kindes wird so gestärkt. Sie werden ein Teil vom Ganzen! Die Kommunikation in der jeweiligen Mundart fördert auch die Integration.

Informativ und liebevoll gestaltet

Plakat aus dem Jahr 1959.

Regula Klingler ist mit der Hommage an ihren Grossvater ein grosser Wurf gelungen. Als Primarlehrerin war ihr das Bücherschreiben fremd, sie musste es zuerst erlernen: Die Suche eines Verlags, die Auswahl von Bildern, das Schreiben der Texte, die Sponsorensuche, die Koordination mit dem Verlag nahmen die Autorin in den vergangenen zwei Jahren voll in Beschlag. Herausgekommen ist ein liebevolles Porträtbuch über den Vater des Kasperlis im Park im Grüene, geschrieben mit viel Herzblut, persönlicher Nähe und einem besonderen Augenmerk für das Verhältnis zwischen dem Puppenspieler und seiner Figur.

In ihrem Buch macht die Autorin aber auch klar, dass der Erfolg ihres Grossvaters ohne dessen Ehefrau Hilde und Tochter Irmgard nicht möglich gewesen wäre. Ohne die Unterstützung der beiden Frauen hätte er sich künstlerisch nicht voll entfalten können.

Enkelin Regula gibt in ihrem Buch viele persönliche Erinnerungen wieder. Als Kind hat sie zahlreiche Kasperli-Vorstellungen ihres Grossvaters hinter oder neben der Bühne erlebte. Das Buch schliesst mit einer Aufzählung datierter und undatierter Kasperlistücke, einem Werkverzeichnis sowie mit vielen Fotos von farbigen Handpuppen.

Klinglers Ehefrau Hilde (rechts) beim Zudienen.

Kulturelles Erbe

Ab 1965 hinderten Alterskrankheit den Handpuppenspieler an weiteren Aufführungen. Nichtsdestotrotz verfasste er seine Memoiren und schrieb weitere Kasperli-Stücke. Adalbert Klingler starb 1974 in Zürich-Oerlikon. Ihm ist die Professionalisierung des künstlerischen Handpuppenspiels in der Schweiz zu verdanken. Seiner Enkelin kommt das Verdienst zu, mit ihrer wertvollen Dokumentation dafür zu sorgen, dass das wichtige Erbe nicht in Vergessenheit gerät.

Titelbild: Adalbert Klingler mit zwei seiner Handpuppen. Alle Fotos stammen aus dem Buch. 

Adalbert Klingler – Ein Leben für den Kasperli. Vorwort: Stadtpräsidentin Corinne Mauch, Friedrich Reinhard Verlag, 2025, ISBN 978-3-7245-2756-5

LINK
Friedrich Reinhard Verlag Basel

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Ausstellung in Heiden

Unter dem Titel «Hopsassaa dirullalaa de Chasperli isch wieder da…» zeigt das Figurentheater-Museum in Herisau bis am 26.April 2026 eine Ausstellung über den Puppenspieler und geistigen Vater des Kasperli. Am 24. Mai 2025 um 16 Uhr findet im Museum die Buchpremiere in Anwesenheit der Autorin Regula Klingler statt. (PS)

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1 Kommentar

  1. Persönliche Erinnerungen an den Duttipark-Chasperli
    Die kürzliche Buchbesprechung über die Biographie von Adalbert Klingler, dem «Kasperli-Vater», hat bei mir Kinder- und Jugenderinnerungen geweckt. Ich musste nur noch am «roten Faden» ziehen.
    Klar, gehört der Chasperli auch zu meinen Jugenderinnerungen, denn wir wohnten ganz in der Nähe des Duttiparks in Rüschlikon. Meistens fanden die Vorstellungen Mittwochs, Samstags und Sonntags statt. Immer siegte das Gute und das Böse wurde logischerweise immer besiegt. Aber die Reise durch Klinglers Geschichte bis zum Ende war immer schrecklich aufregend. Wir Kinder mussten jeweils kräftig schreien, wenn dem Kasperli Ungemach drohte und wenn der Bösewicht aufs Dach bekam, jubelten wir fleissig.
    An einer Rüeschliker-Klassenzusammenkunft vor einigen Jahren erzählte ich von einem Besuch im Duttipark mit meinem Mann, am Tag zuvor. Ich wollte ihm den Duttipark zeigen, der immer wieder in meinen Erzählungen auftauchte.
    Das Kasperli-Theater-Häuschen steht inzwischen an einem neuen Ort. Aber die Klapp-Liegestühle aus Holz, die man sich gratis ausleihen kann, gibt es noch heute. Nur ihr bunter Stoff wurde ersetzt.
    Allerdings war das Gekreische und Klatschen der Kinder wie früher weit herum zu hören. Als ich nun meinen Gspänli von diesem Besuch erzählte, trennte sich die Klasse plötzlich in zwei Gruppen: die eher wenigen Schulgspänli, die damals wie ich das Chasperlitheater besuchen durften und diejenigen MitschülerInnen, die ein totales Verbot hatten, das Migros-Kasperlitheater zu besuchen. Es entspann sich eine fast schon hitzige Diskussion und erst jetzt wurde mir richtig bewusst, wie Dutti damals, ca. in den 1950er Jahren, die Bevölkerung trennte. Man kaufte bei der Migros ein, weil der Vater keine berufliche Einbusse befürchten musste, wenn seine Frau in der Migros oder am Migroswagen einkaufte. Andere Gspänli hatten ein totales Migros-Verbot, das selbstverständlich auch den Duttipark einbezog. Grund war in diesem Fall der Beruf des Vaters, wie beispielsweise Lehrer, KMU-Angestellter, Ladenbesitzer, Handwerker, Pfarrer o.ä. Da mein Vater bei einer Bank arbeitete, hatten wir freien Zugang zu allem, was mit Dutti oder Migros zusammen hing. So erinnere ich mich auch an viel die bequemeren Einkäufe am Migroswagen an der Alpenstrasse in Rüschlikon, ganz in der Nähe, wo wir wohnten. Eine riesige Erleichterung für meine Mutter, die sonst ihre Einkäufe für die vierköpfige Familie ohne Auto zu Fuss mühsam den Berg hinauf hätte tragen müssen.
    Den «roten Faden» Migros und Dutti könnte ich nun stundenlang weiterspinnen, denn da wir so nahe am Duttipark wohnten, habe ich natürlich eine Menge Erinnerungen an Gottlieb Duttweiler und seine Ehefrau Adele. Diese Erinnerungen umfassen auch die Zeit, bevor der Duttipark öffentlich zugänglich war, aber darnach auch wegen den vielen Leuten, die jeweils zur 1. Augustfeier in den Duttipark pilgerten oder mit dem 65-er Bus der VBZ in unzähligen Sonderfahrten zum Park-Eingang gekarrt wurden. Dann waren da auch die flammenden Reden von Dutti persönlich und die schönen Feuerwerke. Damals eine absolute Neuheit am 1. August.
    Dutti und seine Frau Adele hinterliessen bei mir unzählige Erinnerungen als sehr wichtige Persönlichkeiten, denn die beiden waren sehr sozial eingestellt.
    Dies nur eine kleine Auswahl meiner Migros- und Dutti-Erinnerungen.

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