Gärtnern ist so einfach: Loch graben, Samen oder Pflanze rein, etwas Wasser dazu und dann, der schönste Teil, einfach wachsen lassen. Leider ist das eine Utopie. Gärtnern heisst jäten, Schnecken bekämpfen, düngen, hacken und umgraben. Umgraben? Das war gestern, heute wird regeneratives Gärtnern praktiziert.
Was für die einen einfach Dreck ist, für die anderen Erde oder sogar Mutterboden, ist die Basis alles Seins. Ohne das Erdreich wächst gar nichts. Kein Salat, keine Rose, nicht mal Unkraut auf dem gepflasterten Parkplatz. Der Erdboden ist mehr als ein Untergrund, der macht, dass Bäume nicht umfallen und Rasen wächst, mehr als ein Ärgernis, das bei Regen an den Schuhen klebt. Auch mehr als ein Nährstoffreservoir, ein Wasserspeicher oder etwas, das man in einem Plastiksack kauft und in die Blumenkistchen füllt. Es ist ein lebender Organismus unter unseren Füssen.
Dass man zu diesem Ökosystem Sorge tragen muss, ist in der Landwirtschaft und im Gartenbau seit altersher fundamentales Wissen. Ganz früher war es in unseren Regionen die «Dreifelderwirtschaft», bei der eine auf langjährige Erfahrungen basierende Mischkultur praktiziert wurde, bei der immer ein Drittel des Acker- oder Gartenbodens für eine Saison unbearbeitet blieb, «damit sich die Erde erholen konnte». Nicht sehr effizient in einer auf optimalen Ertrag ausgerichteten Zeit.
Ist seltener geworden, die tiefgründige Bearbeitung des Bodens mit dem schweren Pflug – oder im Garten mit dem Spaten.
Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass es deutlich weniger umgepflügte Felder gibt? Dabei war es einst ganz normal, dass im Herbst der grosse Pflug hervorgeholt, und die Erde auf den abgeernteten Flächen damit gewendet wurde. Die groben Schollen blieben dann bis zum Frühling liegen und dank der «Frostgare» musste der Boden nur noch mit der Egge bearbeitet werden und war dann bereit zur nächsten Aussaat. Im konventionell bearbeiteten Garten geschieht dasselbe: Nach dem «Umestäche» bleiben die groben Erdklumpen liegen, ungeschützt der Kälte und dem Wind ausgesetzt.
Erde ist lebende Materie
Nun ist es aber so, dass Erde keine homogene Masse, sondern ein aktiver Lebensraum ist. In einer Handvoll Erde sind unendlich viele Mikroorganismen wie Bakterien, Algen oder Pilze nebst Einzellern, Insekten, Tausendfüsslern, Milben, Spinnen, Würmer und Asseln zu finden.
Ob der Springschwanz wohl Sonnenlicht liebt?
Nun stellen wir uns ihren Lebensraum wie einen Wolkenkratzer vor, bei dem nur das oberste Stockwerk ganz wenig aus dem Boden ragt. Dort, in der Attikawohnung oder im Penthaus, wohnen die Organismen, die direkte Sonnenbestrahlung, starken Regen, Hagel, Hitze und Kälte ertragen. Sie sind zwar froh, wenn sie ein «Dach» aus Mulch, Laub oder anderem organischem Material bekommen, aber notfalls erholen sie sich nach einem extremen Ereignis auch ohne Schutz. Geht einfach etwas länger. Im Stockwerk unter ihnen wohnen die Humusbewohner. Sie mögen Licht nicht so gerne, können aber Kälte, Trockenheit und Nässe gut aushalten.
Katastrophen wie bei einem Erdbeben
In den darunterliegenden Stockwerken, der Mineralschicht, leben ganz andere Bewohner. Sie speichern Kohlenstoff und weitere Mineralien und bereiten sie so vor, dass sie von den Pflanzen aufgenommen werden können. Regenwürmer transportieren die Nährstoffe in die oberen Schichten, nehmen dort organisches Material auf und bringen dieses nach unten. Wenn nun dieses ganze Gefüge mit einem Schlag gewendet wird, die Mikroorganismen aus dem Dunkeln an die Luft befördert und die «Attikabewohner» tief unten in der Erde versenkt werden, ist der ganze Bodenaufbau erstmal nachhaltig gestört. Die Bodenlebewesen, denen ihre gewachsenen Grundlagen genommen wurden, müssen sich neu organisieren. Bis sich dieser kleine Kosmos wieder erholt hat, vergeht einige Zeit.
Gartenboden ist keine homogene Masse, sondern ein vielschichtiger Lebensraum. (Bilder pixabay)
Da kommt die regenerative Bodenbearbeitung ins Spiel. Und die Gartenpraxis der an Rückenschmerzen Leidenden. Denn die verzichten aus naheliegenden Gründen auf das «Umestäche», weil zu schwer und damit zu anstrengend. Und sie besitzen trotzdem oder gerade deswegen fruchtbare, ertragreiche Gärten. Sie stechen mit der Grabgabel einfach in kleinen Abständen in den Gartenboden, bewegen die Gabel etwas hin und her und ziehen sie wieder heraus. So kommt Luft in die obersten Bodenschichten, was der Fäulnis entgegenwirkt, aber die Bodenstruktur in Ruhe lässt. Auch der Wasserhaushalt wird damit gesteuert: Bei Starkregen versickert ein Teil des Wassers und bleibt nicht einfach an der Oberfläche liegen. In der Landwirtschaft wird dasselbe Prinzip angewendet, einfach maschinell. Und unabhängig von körperlichen Einschränkungen der Bauern.
Eine grüne Decke schützt den Boden
Wenn jetzt noch darauf geachtet wird, dass die oberste Humusschicht mit organischem Material bedeckt oder mittels Gründüngung, zum Beispiel mit Senf oder Phacelia, geschützt wird, der macht eigentlich alles richtig für einen lebendigen, fruchtbaren Gartenboden. Einen Teil der Düngung übernimmt übrigens die Humusschicht so selbst: Sie speichert das Treibhausgas CO2, ein essenzieller Nährstoff für die Photosynthese. Dann geht alles ganz einfach: Loch graben, Samen oder Pflanzen rein, etwas Wasser dazu – und wachsen lassen.
