Felix Bogenmann (geb. 1947) war bis Juli 2023 als Arzt tätig, genau 50 Jahre lang. Nun ist er schon fast zwei Jahre in Paris als Freiwilliger unterwegs, zunächst als Betreuer von Flüchtlingen, seit einem Jahr begleitet er blinde Menschen. Seniorweb hat mit ihm ein Gespräch geführt.
Seniorweb: Felix Bogenmann, Sie sind nun bald zwei Jahre als Freiwilliger in Paris. Wie geht es Ihnen?
Felix Bogenmann: Zunächst habe ich in einem Flüchtlingsauffangzentrum gearbeitet. Parallel dazu begleitete ich gelegentlich Blinde durch Paris. Nun hat sich gezeigt, dass mir die Begleitung von Blinden mehr zusagt, so dass ich mich im Moment darauf konzentriere.
Mussten Sie als Begleitperson von blinden Menschen nicht eine Ausbildung machen? Hat man dies Ihnen einfach zugetraut, da Sie früher Arzt waren?
Sie schätzten natürlich, dass ich Arzt war und führten mit mir zwei Vorgespräche. Dann gaben sie mir zunächst einfache Aufträge, beispielsweise die Begleitung von Blinden auf Spaziergängen im Quartier oder bei Einkäufen in Quartierläden. Dann kamen heiklere Missionen dazu, z.B. die Begleitung zu einem Arzt oder auf Ämter.
Da muss man pünktlich sein.
Ja, um nicht zu spät bei der blinden Person und beim Arzt zu sein, rekognosziere ich den Weg zum Blinden und zum Arzt oft einen Tag vorher, um den Weg, die Metros und die Dauer zu eruieren. Das ist oft nicht einfach in einer Grossstadt wie Paris.
Wer sind die Blinden, die sie begleiten?
Gelegentlich macht Felix Bogenmann mit einer blinden Person eine Pause in einem Café. (Foto zVg.)
Das sind ganz unterschiedliche Personen: Geburtsblinde oder im Laufe des Lebens erblindete Menschen, Junge, Alte, mit einem gut funktionierenden Umfeld oder nicht, aus allen sozialen Schichten. Einige leben in Partnerschaft oder haben Kinder, die vielleicht nicht in Paris wohnen. Da gilt es Angehörige zu entlasten. Dann gibt es Blinde, die keine Angehörigen (mehr) haben und vollständig auf professionelle und freiwillige Hilfe angewiesen sind. Es gibt hier auch so was Ähnliches wie bei uns die Spitex und es gibt Ärzte und auch Physiotherapeuten, die Hausbesuche machen. Jugendliche hole ich gelegentlich von der Schule ab und begleite sie in eine andere Schule oder nach Hause.
Was fasziniert Sie an dieser Arbeit?
Einerseits ist es eine Herausforderung, wenn ich mich mit Blinden in Paris zurechtfinden muss. Dann fasziniert mich auch das Zusammensein mit Menschen, die mit einer starken Einschränkung leben müssen. Wie sie damit umgehen, ist für mich oft vorbildlich und beeindruckt mich sehr. Viele haben sogar einen weisen Umgang mit Ihrem Schicksal eingeübt. Einige kommen auch aus der sogenannt besten Gesellschaft und wohnen edel.
Zudem wird meine Arbeit von den Blinden und der Organisation wertgeschätzt und ich freu mich, wenn ich etwas Sinnvolles tun kann. Es tut mir einfach gut. Ich schätze natürlich auch die gute und präzise Arbeit der Organisation und wenn ich aus der Schweiz nach Paris zurückkehre, nehme ich jeweils ein Toggenburger Birnenbrot mit, um meine Wertschätzung gegenüber der Blindenorganisation auszudrücken. Toggenburger Birnenbrot ist sehr beliebt und könnte ein Exportschlager werden.
Felix Bogenmann holt blinde Personen von auswärts auch auf Bahnhöfen ab und begleitet sie zum Bestimmungsort. Manchmal ein Stress, bis man im Gewühl aufeinander trifft (Foto von wikimedia.commons vom Gare de Lyon in Paris.)
Für diese Arbeit müssen die Blindenorganisation und Blinde in Sie vertrauen können. Wie wird überprüft, ob Sie vertrauenswürdig sind?
Die Organisation macht gelegentlich Rückfragen bei den Betroffenen und auch bei mir. Ich erlaube mir, nach jeder Mission der Organisation zu berichten, wie es aus meiner Sicht gelaufen ist. Meistens läuft es gut. Aber letzthin ist eine blinde Frau gestolpert und wäre fast hingefallen. Da bekam ich schon einen Schreck. Als Zweierteam müssen wir gut aufpassen und sorgfältig in der passenden Geschwindigkeit, nie zu hektisch, gehen, vor allem bei der Benutzung des öffentlichen Verkehrs in Stosszeiten.
Haben Sie mehrmals Kontakt mit den Personen, die Sie begleiten?
Felix Bogenmann in einem Lift in einem Spital, wo er eine erblindete Person abholt. Immer dabei das Handy zur Orientierung in Paris und zur Verbindung mit zu begleitenden Personen. (Foto zVg.)
Es gibt einmalige Kontakte, ich schätze aber besonders mehrmalige Begegnungen. Ich habe mit Blinden auch Ministerien oder Verwaltungen besucht. Da lerne ich den französischen Verwaltungsapparat von innen kennen. Selbst mache ich keine administrative Unterstützung, etwa beim Ausfüllen von Steuern. Beim Ausfüllen von Formularen hingegen kann ich behilflich sein.
Wie lange dauert ein Einsatz?
Offiziell heisst es, ein Einsatz dauert zwei Stunden. Allerdings geht es mit Hin- und Rückfahrt jeweils mindestens drei Stunden, oft einen halben Tag.
Warum haben Sie Paris als Einsatzort gewählt? Sie könnten eine ähnliche Freiwilligenarbeit auch in der Schweiz finden.
Ich liebe die Ambiance von Paris, die speziellen sprachlichen und örtlichen Herausforderungen. Ich habe durch meine Arbeit zu allen Schichten Kontakt und fühle mich nicht bloss als Tourist.
Wird Ihre Arbeit vergütet?
Es gäbe Spesenvergütung, aber das brauche ich nicht. Manchmal lade ich Blinde auch zu einem Zvieri oder zu einer Uber-Taxi-Fahrt ein auf eigene Kosten, wenn die Metro zu hektisch ist.
Jammern blinde Menschen manchmal über ihr Schicksal?
Nein, das kenne ich nicht. Aber manchmal haben sie Angst oder Stress, etwa bei undefinierbarem Lärm oder beim Einsteigen in eine Metro.
Besteht nicht eine Isolationsgefahr durch die Blindheit?
Die Jungen sind mit Informatik meist gut bestückt und können Computer und das Handy bedienen. Ältere haben oft Schwierigkeiten damit. Die Brail-Schrift sieht man nur noch selten. Heute kann man mit dem Handy auch sprechen und es gibt mündliche Antworten.
Zwischenfazit?
Ich erlebe diese Freiwilligentätigkeit als erfüllend. Den Zeitaufwand kann ich selber bestimmen, ich habe nebenher noch genügend Freizeit. Auf der Website der Auxiliaires des Aveugles kann ich verschiedene Angebote anschauen und mich dann für eine passende Mission entscheiden. Pro Woche mach ich zwei bis drei Aufträge. In meiner Freizeit bin ich oft in Bibliotheken und ich gehe fast jeden Abend eine Stunde tanzen in verschiedene Clubs, um soziale Kontakte mit Freude und Fitness zu verbinden. Eine Stunde zu tanzen kostet mich in der Regel ca. 12 Euro. Gelegentlich arbeite ich weiterhin auf meiner Website, male, zeichne, komponiere. Zudem habe ich mich neu für zwei kreative Jahreskurse angemeldet. Im einen mache ich Collagen und im andern Schmuck aus Keramik, den einen samstags, den andern montags, jeweils drei bis vier Stunden.
Mir ist klar, dass nicht jeder sich meine Lebensweise finanziell leisten kann. Aber ich habe als Arzt gut verdient, habe vor 15 Jahren die Wohnung in Paris gekauft, als meine Tochter mit ihrem Lebenspartner in Paris studierte. Die Wohnung war damals relativ günstig. Im übrigen lebe ich bescheiden, habe kein Auto in der Schweiz und nicht mal mehr ein Velo.
Was würden Sie in Wil machen, wenn Sie von Paris heimkämen?
Das habe ich mich oft gefragt, aber keine Antwort gefunden. Es ist hier in Paris herausfordernd und das mag ich. Ich komm natürlich gelegentlich nach Wil zu meiner Frau und zu meinen Freunden und sie kommen umgekehrt nach Paris.
Zum Titelbild: Ausschnitt aus dem Titelbild der Informationsbroschüre der obvita: Blindsein, was heisst das? (Foto bs)
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