StartseiteMagazinLebensartSchweizer Arzt bei Flüchtlingen in Paris

Schweizer Arzt bei Flüchtlingen in Paris

Felix Bogenmann (geb. 1947), der nach seinen Ausbildungsjahren bis Juli 2023 jahrzehntelang als engagierter und beliebter Hausarzt in Wil (SG) tätig war, geht anfangs September nach Paris, um dort als Freiwilliger Flüchtlinge zu betreuen. Seniorweb fragt nach.

Felix Bogenmann wird am 4. September 2023 gemäss Vertrag als Freiwilliger bei Cèdre zu arbeiten beginnen. Cèdre ist ein Unterstützungszentrum der französischen Caritas für Asylsuchende und Sans-Papiers in Aubervilliers, eine Agglomerationsgemeinde im Norden von Paris. Angeboten werden dort seit 1989 individuelle rechtliche Unterstützung, Informationsveranstaltungen über die Rechte von Sans-Papiers, Vermittlung von Post für Wohnungslose, Essensausgabe und Aufenthalt im Tages-Café Papote, welches montags, dienstags und donnerstags zwischen 14:00 und 17:00 geöffnet hat. Felix Bogenmann wird zunächst an zwei, später vielleicht an drei Nachmittagen im Café Papote arbeiten.

Seniorweb: Was machen Sie im Café Papote?

Felix Bogenmann: Im Café Papote können sich die oft ermüdeten, verarmten, heimatlosen, wohnungslosen, verwirrten Flüchtlinge drei Stunden erholen bei Kaffee, im Gespräch, beim Tischtennisspielen, Tischfussball usw. Sie sollen dort warmherzig empfangen werden und einen Moment auftanken können. Täglich kommen 50 bis 120 meist junge Männer aus Nordafrika, vor allem aus den ehemaligen Kolonien Frankreichs.

Sie waren schon mehrmals im Cèdre, Sie haben sich umgesehen und sich vorgestellt. Was war ihr erster Eindruck?

Es ist schon sehr ärmlich. Im Papote erhalten die Flüchtlinge zwar Crèpes. Aber ich habe in meinem Leben noch nie so kleine Crèpes gesehen. Die WCs sind aus einem anderen Jahrhundert und wenn man mit einer Gruppe etwa zeichnen will, fehlen Papier und Stifte.

Überzeugt hingegen hat mich die Arbeit, die dort gemacht wird. Es geht um ein möglichst würdevolles Leben für die Flüchtlinge in einer sehr schwierigen Lebensphase, um das Besorgen der Papiere und eine Postadresse. Es geht also um Integrationsversuche der Flüchtlinge, damit sie nicht in die Kriminalität und den Untergrund abdriften.

Und wie können Sie sich da einsetzen?

Das habe ich letzte Woche mit den zuständigen Verantwortlichen und einigen Freiwilligen vor Ort besprochen. Da ich seit Jahren in der Freizeit male und Musik mache, stand zunächst dieses Angebot im Vordergrund. Aber die Rahmenbedingungen schienen suboptimal.  Dann kam mir die Idee, dass ich Möglichkeiten zum Tanzen geben könnte. Ich selbst habe in den letzten Jahren in der Freizeit viel getanzt. Das ist gut für die Gesundheit und eine wunderbare Kombination von edler Bewegung, sozialen Kontakten und Lebensfreude. Ich habe auch viele Tanzstile gelernt vom klassischen Wiener Walzer bis zum Salsa und vielen anderen Rhythmen. In den nächsten Wochen werde ich Audiofiles zusammenstellen, die sich zum Tanzen eignen und sie dann mitnehmen, zusammen mit dem nötigen technischen Beiwerk, Lautsprechern und so. Das organisiere ich alles selbst.

Ausgezeichnet! Aber Hand aufs Herz, sind Sie nicht zu alt, um als Tanzlehrer und Disc Jockey zu wirken?

Nein, die lokalen Verantwortlichen waren sofort begeistert von dieser Idee und meinten, Alte hätten bei vielen Flüchtlingen ein hohes Ansehen. Zudem habe ich eine Literaturrecherche gemacht über das Tanzen bei der Betreuung von Flüchtlingen und für die Gesundheitsförderung im Allgemeinen. Siehe da, ich habe wissenschaftliche Texte gefunden, die bestätigen, dass Tanzen für die Betreuung und Sozialisierung von oft traumatisierten Flüchtlingen äusserst hilfreich ist. Zudem wirkt sich Tanzen positiv aus auf die physische und psychische Gesundheit, die Lebensfreude und steigert somit die gesamte Lebensqualität. Ich habe in den letzten Jahren viel getanzt und fühle mich dabei sehr wohl.

Werden Sie nicht auch als Arzt eingesetzt?

Ich werde primär als Betreuer von Flüchtlingen eingesetzt. Trotzdem nehme ich meinen Hausarztkoffer und ein paar zusätzliche Materialen für diagnostische und therapeutische Zwecke mit. Wenn jemand Ohrenschmerzen oder sonst was hat und sich bei mir meldet, kann ich punktuell kostenlos ohne weissen Arztmantel Unterstützung bieten.

Wie sind Sie zu diesem Engagement gekommen?

Ich habe mich bei Benevol Paris gemeldet, wurde zunächst schriftlich befragt und konnte mich dann vor Ort vorstellen. Neben dem Cèdre könnte ich auch in einer Blindenorganisation arbeiten. Paris habe ich gewählt, weil ich dort vor knapp 15 Jahren eine kleine Wohnung kaufen konnte. In Wil haben wir bisher immer in einer Mietwohnung gelebt. Ohne diese Wohnung in Paris hätte ich mich nicht auf dieses Abenteuer einlassen können.

Was sagt Ihre Frau dazu?

Sie sagt, ich soll tun, was mir guttut. Und ich finde, da hat sie Recht. Selbstverständlich habe ich immer Freude, wenn sie mich in Paris besucht.

Was lassen Sie in Wil zurück?

Ich war bis Juli 2023 als Arzt tätig, genau 50 Jahre lang. In Wil habe ich Patienten, mit denen ich seit 45 Jahren eine Beziehung habe. Es schmerzt, all die schönen Beziehungen loszulassen. Aber irgendwann ist Zeit für etwas Neues, oder nicht?

Was machen Sie in Paris in Ihrer Freizeit?

Tanzen, fast jeden Abend. Denn Tanzen ist eine meiner Leidenschaften. In Paris gibt es unzählige Möglichkeiten zum Tanzen mit unterschiedlichem Sound, ohne dass man angemacht wird. Zwar trifft man dieselben Leute manchmal wieder und es können sich Freundschaften entwickeln. Im Übrigen bin ich gespannt. Mal schauen. Ich werde versuchen, dort Fuss zu fassen, mich einzubringen und zufrieden zu sein.

Macht Ihnen etwas Sorgen? Haben Sie Angst?

Nein, Angst habe ich nicht. Aber Aubervilliers ist keine einfache Gegend, man kann also nicht völlig sorglos irgendwo zu jeder Tages- und Nachtzeit rumhängen. Sollte ich Heimweh haben oder meine Liebsten in der Schweiz vermissen, bin ich mit dem TGV in drei Stunden drei Minuten in Basel. Wenn das Projekt scheitert, kann ich dort jederzeit die «Zelte» wieder abbrechen.

Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen in Paris. Herzlichen Dank und alles Gute!

Fotos bs

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