Die Ausstellung «Verso» im Kunstmuseum Basel macht sichtbar, was sich auf den Rückseiten von Gemälden verbirgt. Erstmals zeigen Kunstwerke aus der hauseigenen Sammlung vom Mittelalter bis zur Neuzeit nicht nur die bekannte Vorderseite, sondern bringen auch die Rückseite ans Licht.
Das Kunstmuseum Basel hat unter der neuen Museumsdirektorin Elena Filipovic die Sammlung Alte Meister im Hauptbau neugestaltet. Kräftige Wandfarben lassen die berühmten Werke frisch erstrahlen. Von diesem Konzept profitiert auch die Ausstellung Verso. Geschichten von Rückseiten im Neubau.
Blick in die Ausstellung «Verso. Geschichten von Rückseiten». Foto: Julian Salinas
Hier sind Rückseiten von Gemälden zu entdecken, die dem Publikum sonst verborgen bleiben. Inschriften und Darstellungen eröffnen Forschenden oft überraschende Einblicke und Erkenntnisse. Kurator Bodo Brinkmann wählte sechsunddreissig Gemälde aus der hauseigenen Sammlung vom 14. bis zum 18. Jahrhundert und stellt sie in acht Kapiteln vor.
Ausstellungsansicht
Altarbilder spielten im Mittelalter in der christlich geprägten Gesellschaft eine wichtige Rolle. Messen und zahlreiche Feiern zu Ehren von Heiligen vertieften den Glauben. Die Bilder veranschaulichten die heilige Botschaft, denn die meisten Menschen konnten weder lesen noch schreiben. In den Kirchen wurden die sogenannten Wandelaltäre mit Seitenflügeln nur an hohen Feiertagen geöffnet. Nur dann durften die Gläubigen die Innenseiten mit den sakralen Darstellungen sehen.
Wandelaltar mit Stifterfiguren auf den Flügelinnenseiten, gemalt von Bartholomäus Bruyn d. Ä. und Geldorp Gortzius, um 1525/1530.
Persönlichkeiten mit Macht und Geld stifteten gerne Altäre. Dadurch stellten sie sich mit dem Klerus gut und sicherten sich und der Familie das Seelenheil. Um nicht übersehen zu werden, liessen sie sich auf den Flügelinnenseiten prominent in Szene setzen: auf dem linken Flügel jeweils der Stifter mit den Söhnen, auf dem rechten die Gemahlin mit den Töchtern, eingebettet in biblische Szenen.
Meister der Aarhuser Passion, um 1480: gut erhaltene Innenseite des Altarflügels «Dornenkrönung Christi» und beschädigte Aussenseite «Der hl. Nikolaus von Myra».
Die Aussenseite der Altarflügel blieb den Heiligen vorbehalten. Sie waren ausserhalb der hohen Festtage auf dem geschlossenen Wandelaltar an allen Tagen sichtbar und für das Gebet zugänglich. Aber nicht nur spirituell boten die Heiligen Schutz. Im geschlossenen Zustand schirmten sie die Flügelinnenseiten und besonders die Mitteltafel vor schädlichen Einwirkungen wie Nässe oder Feuer ab. Dies ist auch der Grund, warum die Heiligendarstellungen auf den Aussenseiten oft schlechter erhalten sind.
Meister der von Grooteschen Anbetung, 1519: Innenseiten «Die Geburt Christi» und «Die Flucht nach Ägypten» und Aussenseiten: Imitation von Marmor.
Die Ausstellung zeigt auch Gemälderückseiten mit Ornamenten. Diese können organisch als Pflanze rückseitig über die Tafel ranken oder in Form von Buchstaben auf einem monochromen Untergrund schweben. Auch die malerische Imitation von Stein in verschiedenen Varianten war verbreitet. Beliebt war die Marmorierung, eine Maltechnik, die den Effekt von Marmor erzielt. Die dekorierten Rückseiten verhinderten durch den Auftrag von Farbschichten, dass der Bildträger aus Holz austrocknete und brüchig wurde.
Hans Holbein d.J., 1516: Doppelbildnis des Jacob Meyer zum Hasen und seiner Frau Dorothea Kannengiesser; Rückseite: Vollwappen des Jacob Meyer, 1520. Foto: Martin Bühler
Häufig wurden Rückseiten nachträglich verändert, manchmal kurz nach der Fertigstellung, manchmal Jahrhunderte später. Den wohl kürzesten Zeitraum zwischen der Bemalung der Vorder- und Rückseite weist das Bildnis-Diptychon des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen und seiner Gemahlin auf. Hans Holbein d. J. datierte die Vorderseite 1516. Ein unbekannter Maler fügte 1520 auf der Rückseite Meyers Wappen hinzu.
Niederländischer Meister, um 1540/44: Bildnis des Wiedertäufers David Joris, Rückseite: Inschrift in Latein und Deutsch, 1559. Fotos: Martin P. Bühler
Inschriften können ein Bild nachträglich in ein Denkmal verwandeln, wie das Bildnis von David Joris. Joris galt in der Basler Gesellschaft bis zu seinem Ableben 1556 als wohlhabend und rechtschaffen. Auf dem Porträt des Niederländischen Meisters wird er als vornehm gekleideter Edelmann dargestellt.
1544 war er mit seiner grossen Familie unter falschem Namen in Basel eingewandert. Doch, dass er als Ketzer und Sektenführer gesucht wurde, verheimlichte er. Seine religiöse Überzeugung als Wiedertäufer lebte er mit seinen Anhängern heimlich aus. Drei Jahre nach seinem Tod kam sein Geheimnis ans Tageslicht. Joris wurde postum als «Erzketzer» verurteilt, seine sterblichen Überreste exhumiert und verbrannt. Davon berichten die rückseitigen Inschriften auf Lateinisch und Deutsch. Sie zeugen vom Umgang mit Andersdenkenden. Wiedertäufer galten als Häretiker und wurden in Europa verfolgt. Das reformierte Zürich verurteilte sie zum Tod durch Ertränken.
Brüder Ambrosius und Hans Holbein d. J., 1516: «Aushängeschild eines Schulmeisters», Erwachsenenseite. Foto: Martin P. Bühler
Die Brüder Ambrosius und Hans Holbein d. J. schufen 1516 gemeinsam eine doppelseitige Tafel, die wie ein Aushängeschild vor dem Haus eines Schulmeisters aussehen sollte. Über der Malerei steht auf beiden Seiten dieselbe Werbeschrift fürs Lernen, die sich an «Bürger, Handwerksgesellen, Frauen und Jungfrauen» richtet. Die Tafel war nie an einer Fassade angebracht, dazu ist sie zu gut erhalten. Vermutlich handelt es sich um ein Abschiedsgeschenk der Künstlerbrüder an ihren ehemaligen Lehrer, der Basel 1516 verliess.
Brüder Ambrosius und Hans Holbein d. J., 1516: «Aushängeschild eines Schulmeisters», Kinderseite. Foto: Martin P. Bühler
Auf den Darstellungen der Brüder Holbein verstecken sich witzige Details: So hat der Knirps auf der Kinderseite zur Übung die Buchstaben des ganzen Alphabets geschrieben, nur das «h», wie Holbein, hat er ausgelassen. Direkt hinter ihm steht der Lehrer mit der Fitze, dem Reisigbesen, in der Hand. Gegenüber wird ein kleines Mädchen von einer Lehrerin unterrichtet. Im 18. Jahrhundert wurde die Tafel getrennt, so dass sich beide Bilder autonom aufhängen lassen.
Titelbild: Lucas Cranach d. Ä., um 1508: «Bildnis einer betenden Frau», Rückseite «hl. Katharina». Fotos: rv
Bis 4. Januar 2026
Verso. Geschichten von Rückseiten. Im Neubau des Kunstmuseums Basel
Neupräsentation der Sammlung Alte Meister (Dauerausstellung). Im Hauptbau des Kunstmuseums Basel

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