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Auf den Spuren von Kaspar Stockalper

Im 17. Jahrhundert baute der Briger Handelsherr Kaspar Stockalper den Säumerpfad über den Simplonpass aus und legte damit den Grundstein zu einem gigantischen Handelsimperium. Seit 1991 wird der Stockalperweg als Wanderweg vermarktet. Eine mehrtägige Passüberquerung kann ganz schön anstrengend sein.

Kaspar Stockalper wurde am 14. Juli 1609 in Brig geboren. Er entstammte einer angesehenen Walliser Familie, die während Jahrhunderten die Stockalp am Simplonpass bewirtschaftet hatte. Nach dem Besuch des Jesuitenkollegs in Venthône und in Brig besuchte der Sohn eines Notars die Jesuitenakademie in Freiburg im Breisgau. Im Alter von knapp zwanzig Jahren kehrte er nach Brig zurück, wo er Notar und Gemeinderat wurde.

Schön früh erkannte er die strategische Bedeutung des Simplonpasses. Weitsichtig baute er den alten Säumerpfad der Römer aus, errichtete Steinbrücken, Stallungen für die Maultiere, Unterkünfte für die Säumer und begann, das für die Käse- und Trockenfleischproduktion der Walliser wichtige Salz nach Brig zu transportieren. In Ganter gewann er Eisenerz, in Gondo schürfte er Gold. Stockalper baute einen gigantischen Mischkonzern auf, der zweitweise bis 1000 Mitarbeitende beschäftigte. Den Walliser Bauern verhalf er so zu Arbeit, sich selbst zu unermesslichem Reichtum.

Stockalper hoch zu Ross. Gemälde (1672) im Stockalperpalast. Foto PD

Der geschäftstüchtige Sohn der Stadt Brig verkehrte in ganz Europa mit Königen, Kaisern sowie Päpsten und versprach der Eidgenössischen Tagsatzung, der Simplonpass werde – anders als der Gotthard – immer offen bleiben. Im Herbst 1634 führte er mit 200 Helfern die Gattin des Prinzen von Savoyen, Marie de Bourbon Condé über den Pass. Zusätzlich zu einem grosszügigen Honorar erlangte er dadurch Ruhm und Einfluss nicht nur im Wallis. Mannigfaltig sind seine Titel: «Grosser Stockalper vom Thurm», «Roi du Simplon», «Fugger der Alpen», «Baron von Duingt», «Reichsritter», «Ritter vom Goldenen Sporn, des St.-Michael-Ordens und des französischen Ordens vom Heiligen Geist».

Der «Alte Spittel» auf dem Simplonpass, von Stockalper als Unterkunft für die Säumer erbaut. Foto PD/alte Postkarte

Ein wichtiger Geschäftszweig war die Reisläuferei: Stockalper, der sechs Sprachen beherrschte, rekrutierte, bewaffnete und entsandte ganze Söldnerkompanien, vor allem nach Frankreich, aber auch nach Savoyen und Venedig. Er agierte als militärischer Generalunternehmer, indem er bei armen Familien Soldaten anwarb, Offiziere bestimmte, für deren Ausrüstung sorgte, den ersten Sold beglich und sogar über den Einsatz der Truppen entschied.

Mit dem Bus nach Zwischbergen

Mit dem Rufbus überwinden wir die Steigung zwischen Gondo und Zwischbergen.

Vor dem berühmten Stockalperpalast in Brig beginnt unsere Reise in die Vergangenheit: Das Schloss mit den drei Zwiebeltürmen und dem einladenden Arkadenhof liess Stockalper durch seinen Hausarchitekten Christian Bodmer nach selbst entworfenen Plänen erbauen. Mit einem Kleinbus fahren wir via Simplonpass, Simplon Dorf nach Gondo und von dort weiter zum Ausgangspunkt unserer Wanderung, nach Zwischbergen. Entlang der Route erinnern der «Alte Spittel» auf dem Pass, der «Stockalperturm» in Gondo sowie weitere Gebäude, die als Warenlager, Unterkünfte für die Säumer und Pferdestallungen dienten, an die grossen Leistungen des Handelsmanns.

Steiler Aufstieg auf über 2000 Meter

Alte Gebäude auf der Walliser Seite.

Über eine Holzbrücke geht der Weg von Zwischbergen steil aufwärts. Nur mit Mühe können mein Begleiter Eric und ich uns vorstellen, wie vor 350 Jahren ganze Kolonnen von Maultieren, beladen mit Salz, Textilien, Wein, Gewürzen, Gold, geführt von Säumern, über die Steinstufen kletterten. Stockalper soll regelmässig persönlich hoch zu Ross über den Passo di Monscera (2103 m) geritten sein.

Der Wegweiser auf der Passhöhe.

Von der Passhöhe aus blicken wir hinter uns ins Wallis. Vor uns öffnet sich das Bognanco-Tal (Piemont), rechts erblicken wir die französischen Alpen. Hier wird uns die strategische Bedeutung des Übergangs bewusst. Während dem dreissigjährigen Krieg nutzte Stockalper geschickt die Position zwischen den Kriegsparteien (dem Deutschen Kaiser und Spanien auf der katholischen Seite, Schweden und Frankreich auf der protestantischen Seite). Er schloss Geheimabkommen, erlaubte Truppendurchmärsche und gewährte Kredite gegen Handelsprivilegien.

Abwechslungsreiche Flora auf der italienischen Seite.      

Hinter der Passhöhe beginnt, nach einem kurzen Lunch, der Abstieg. Die Flora wirkt reicher als im Wallis. Zwischen dem Borstgras blühen Männertreu, Alpen-Süssklee, Glockenblumen und Lein. Auch die Bäume und Sträucher scheinen uns artenreicher als die im Wallis: Wir gehen vorbei an Bergahorn, Hängebirke, Fichten, Tannen und Lärchen. Unter 1000 Metern wachsen im Piemont Mischwälder mit Laubbäumen wie Buchen und Kastanien.

Pause mit Espresso vor dem Rifugio.

Auf einem sonnigen Platteau steht das «Rifugio Gattascosa», eine Art Schutzhütte für Wanderer. Eric lädt mich zu einem Espresso ein. An dem idyllischen Ort treffen wir auf italienische Familien, die von Süden her gewandert sind. Stockalper war zweimal verheiratet und hatte insgesamt 14 Kinder: Neun überlebten das Kindesalter nicht, und von den fünf Stammhaltern überlebte der Vater alle männlichen Nachkommen. Nur sein Sohn Petermann setzte das Geschlecht in der männlichen Linie fort.

Da Cecilia: Herberge und Name der Ehefrau

Wirtshausschild in Graniga.

In Graniga, einem hübschen Dorf am Hang gelegen, treffen wir auf die ersten Reben. Die «Albergo Da Cecilia» taucht gegen 17 Uhr im richtigen Moment auf. Hier wollen wir essen und übernachten. Wir entscheiden uns für Rindfleisch und Mais. Stockalpers zweite Ehefrau hiess Cäcilia von Riedmatten. Sie soll in Brig seine Rechnungsbücher geführt haben, während er auf Geschäftsreisen in Europa unterwegs war. Die Bücher sind im Stockalper-Archiv erhalten. Es umfasst rund 17’000 Einzeldokumente, weitere Quellen, die unmittelbar der Familie zuzuordnen sind, und verschiedenste Schriften zur Geschichte des Wallis vom dem 12. bis ins 19. Jahrhundert.

«Gottes Günstling soll die Gewinne abschöpfen…» So steht es in den Rechnungsbüchern von Kaspar Stockalper geschrieben. Quelle: Stockalperarchiv, HRSt VIII, fol. 129v

Am nächsten Morgen ziehen wir weiter durch die Dörfer. Die Häuser sind, typisch für das Piemont, nicht mit Ziegeln oder Eternit, sondern mit behauenen Natursteinen gedeckt. An Kirchen und Kapellen vorbei gehen wir über den «Heiligenweg». In San Lorenzo haben lokale Künstler ihre Heiligenbilder an die Hauswände gehängt. Als Jesuitenschüler war Stockalper tief gläubig. Mit einem Teil seiner Gewinne finanzierte er Klöster, Kirchen, Marienbilder und Religionsschulen.

Durch Schluchten und Rebberge

Blick ins Tal, Richtung Domodossola.

Im Lauf des Morgens nimmt die Hitze zu. In Monteossolano wollen wir uns in der kühlen Dorfkirche erholen. Leider ist die grosse Holztüre verschlossen. Wir wandern weiter. Dankbar tauchen wir in schattige Schluchten ab und gehen durch dichte Wälder, vorbei an Ruinen, die, genau wie die hohle Gasse, der gepflästerte Weg und die Steinstufen, aus der Stockalpers Zeit stammen.

Abstieg durch die «hohle Gasse» vor Cisore.

Im Ort Cisore, hoch über Domodossola, hat die Hitze unerträgliche Ausmasse angenommen. Ein pensionierter Dorfbewohner zeigt Mitleid und bietet uns für die letzten fünf Kilometer die Mitfahrt in seinem Auto an. Dankbar akzeptieren wir und geniessen vor der Abfahrt des Zuges am Bahnhofplatz von Domodossola ein wohlverdientes Bier.

Am Ziel: der Bahnhof von Domodossola

In Domodossola lebte Stockalper ab 1679 sechs Jahre lang im Exil. 1676 hatten sich rivalisierende Parteien und Familien gegen ihn verbündetet. Seine Macht, sein Reichtum waren ihnen ein Dorn im Auge. Nach vierzig erfolgreichen Geschäftsjahren soll er 2,2 Millionen Walliser Pfund besessen haben, was dem Gegenwert von 122’233 Kühen entsprach. Darin nicht inbegriffen waren Stockalpers Schloss in Brig und seine Liegenschaften und Güter ausserhalb des Wallis.

Historisches Stockalper-Bild. ZVG.

Noch einmal drehte sich seine Lebensgeschichte: Die Veränderung der politischen Verhältnisse erlaubte dem gealterten Stockalper 1685 die Rückkehr in die Heimat. In Brig musste er Abbitte leisten und verbrachte den Rest seines Lebens auf seinem Schloss, wo er am 29. April 1691 im Alter von 81 Jahren starb. Wir aber kehren wohlbehalten und erfüllt mit dem Zug durch den Simplontunnel nach Bern zurück.

Titelbild: Der Stockalper-Palast in Brig; kleines Bild: Federzeichnung des Handelsmanns. Fotos ZVG / PS

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Der Weg in Zahlen

Karte des Stockalperwegs von Brig nach Domodossola. © Hilshades, MapTiler, Open StreetMap.

  • Die Via Stockalper führt durch das Tafernatal, die Schluchten Saltina und Gondo und folgt den Flüssen Saltina, Chrummbach und Doveria. Die klassische Route bis Gondo wird in drei Tagesetappen zurückgelegt. Wer bis Domodossola weiterwandern will, sollte fünf bis sechs Etappen einrechnen.
  • Etappe: Brig – Simplonpass, 12 km, 1’550 m Aufstieg, 200 m Abstieg, 6 Stunden.
  • Etappe: Simplonpass – Simplon Dorf, 10 km, 540 m Abstieg, 3 Stunden.
  • Etappe: Simplon Dorf – Gondo, 9 km, 620 m Abstieg, 3 Stunden. / Alternative via Zwischenbergtal: Gabi – Furggu – Zwischbergen – Gondo, 12 km, 530 m Aufstieg, 1150 m Abstieg, 7 Stunden.
  • Etappe: Zwischbergen – Monscera-Pass – Graniga, 17 km, 1270 m Aufstieg, 1040 m Abstieg, 7 Stunden.
  • Etappe: Graniga – San Lorenzo – Cisore – Domodossola, 16 km, 427 m Aufstieg, 1400 m Abstieg, 6 Stunden.

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Empfehlungen

  • Der 1. und der 4. Wandertag sind wegen der Steilheit des Pfads sehr anstrengend. Unbedingt Wanderstöcke benutzen. Die Zeitangaben auf den italienischen Wegweisern bewegen sich an der unteren Grenze. Fazit: Genug Zeit einrechnen und die Hitze nicht unterschätzen. Während oben auf dem Pass ein kühler Wind weht, können die Temperaturen unten im Tal auf über 30 Grad steigen.
  • Bei Brig Simplon Tourismus kann ein Wandermagazin bestellt werden. Das Heft enthält wertvolle Informationen über Packages, Übernachtungen und Gepäcktransport.

Literatur

  • Der Günstling, Helmut Stalder, Verlag NZZ Libro, 2022, ISBN 978-3-907291-92-4
  • Jakobea, Werner Ryser, Cosmos Verlag, 2024, ISBN 978-3-305-00498-0LINK
    Stockalperweg

Galerie mit weiteren Fotos von der Wanderung (PS)

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3 Kommentare

  1. Herzliche Gratulation zu diesem Beitrag über das Wirken von Kaspar Stockalper… Und auch die erlebnisreiche Wanderung. Lesenswert!

  2. Ich habe Ihren Artikel mit grsossem Interesse gelesen. Er weckt Erinnerungen. Letztes Jahr bin ich den Weg von Brig bis Domodossola gegangen. Ich habe das Angebot von Brig Tourismus genutzt, mit Gepäcktransport. Im Rifugio Gattascosa habe ich auch Kaffee getrunken und das Foto, das Sie mit «Dorfschmuck» bezeichnen, habe ich ebenfalls gemacht und in Cisore war es auch heiss.

  3. Gemäss Swisstopo ist der Stockalperweg zwischen Grund und Taverna zur Zeit gesperrt.
    Die Variante vom Simplonpass via Hohliecht – Hohmatta nach Simpon Dorf ist wesentlich schöner, als der Stockalperweg (mit Verkehrslärm von der nicht weit entfernten Strasse), zur Zeit gemäss Swisstopo allerdings auch gesperrt (seit einem Jahr). Der Umweg von Gstei via Gondo nach Zwischbergen lohnt sich nur für Schluchtfans. Ueblicher ist die Wanderung über den Feerberg.
    Domo kann von San Lorenzo auch per Bus erreicht werden; Bognanco San Lorenzo ab 9.00, 12.00, 15.00 und 18.30. Anschluss in Domo nach Brig.

    Die Wanderung von Domo via Monteossolano nach Bognanco ist vor allem im April schön, wenn am Wegrand Narzissen und Maiglöckchen blühen

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