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Sanfte Radikalität

Am ersten Sonntag im August 2025 sah ich mir im Schweizer Fernsehen, wie so oft, die Sternstunde Philosophie an. Und das, einmal mehr, sehr angetan. Die Moderatorin Barbara Bleisch diskutierte mit der Schriftstellerin Jagoda Marinić und weiteren Gästen darüber, ob «Die Schweiz – Die beste Demokratie der Welt?» sei. Dabei beeindruckte mich, was Marinić über sanfte Faktoren demokratischer Prozesse sagte. Zum Beispiel, ganz einfach: Wer humane Ideen durchsetzen will, muss diese zugänglich kommunizieren, möglichst vielen kund tun und bei sich selbst anfangen.

Wichtig seien dabei persönliche Lernschritte und das Bemühen, Demokratie zu verstehen und eben, selbst zu leben. Das betonte die Schriftstellerin schon in ihrem Buch Sanfte Radikalität (2024). «Ich wurde sanfter auf diesem Wege», schrieb sie, «aber meine Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft nicht weniger radikal.» Ähnliches zeige sich bei der Umweltbewegung Letzte Generation. Sie erreiche mit weniger heroischer Radikalität mehr.

1968 wurde Martin Luther King ermordet. Er setzte sich für zivilen Ungehorsam und dafür ein, gewaltfrei zu kommunizieren. Das imponierte mir – sehr. Wie der 1968er-Aufbruch. Dabei wühlten mich der Vietnam-Krieg und autoritäre Mächtige gewaltig auf. Und so protestierte ich zuweilen recht provokativ gegen Unrecht. Das erhöhte die Aufmerksamkeit, allerdings nur kurz und legte nahe, bedachter zu argumentieren. Dies mit durchaus guten Erfahrungen, ohne jedoch die Welt zu retten. Was gerade heute besonders schmerzt. Drohendes Unheil ernüchtert viele. Die einen resignieren. Andere schlagen wieder harschere Töne an. Wohl auch deshalb, weil (rechts-)populistische Kräfte damit reüssieren.

Die Politologin Chantal Mouffe (2019) postuliert sogar einen linken Populismus. Gewerkschaften knüpfen teils daran an. Sie mobilisieren mit Klartext recht erfolgreich. Das Reduzieren von Komplexität hilft, sich einfacher zu orientieren. Wichtig ist jedoch, weiter zu gehen. Das heisst, grobe Konturen zu verfeinern und die erstrebte Freiheit für alle schon unterwegs zu verwirklichen. Dazu gehört die Bereitschaft, eigene Projektionen und Widersprüche (selbst-)kritisch zu reflektieren. Sonst sehen wir vor allem, was wir sehen wollen.

Verstehende Kommunikation kann soziales Verhalten widerständig befördern. Aber wie? Das veranschaulichte die Ethnologin Ina Boesch an einem öffentlichen Talk im Sissacher Kultur-Bistro Cheesmeyer (2025). Sie bezog sich dabei, von mir befragt, auf ihr Buch über den Schauplatz Avers (2023). Dutzende von Interessierten beteiligten sich im entlegenen Bündner Hochtal an begleiteten Wanderungen. Sie setzten sich mit der Landschaft und deren Geschichte auseinander. Zum Beispiel damit, wie Armut dazu beitrug, Frauen häufiger der Hexerei zu bezichtigen. So vermittelte Boesch, wie das bewusste Wahrnehmen von Landschaft ökologisch sensibilisiert und Leute die Ohren spitzen, wenn etwas gründlich recherchiert daher kommt.

Ein alter Genosse von mir reagierte indes etwas frustriert. Er hielt vehement dafür, das Verschandeln der Natur klarer zu brandmarken, statt mit Weihwasser zu besänftigen. Wer aggressiv kommuniziert, führt laut Marinić die Gewalt jedoch fort. Die Politologin will lieber vielfältige Gestaltungsräume kultivieren und erregte Diskurse konstruktiv umwandeln, ohne sie aus Profilgründen weiter zu polarisieren.

Und jetzt, wozu regt mich die Debatte zur Sternstunde Philosophie an? Nun, mir liegt weiterhin daran, die bedeutenden Errungenschaften der Schweizer Demokratie nicht zu überhöhen, sondern wertzuschätzen, zu beleben und soziale Teilhabe auszuweiten. Verstehende Kommunikation trägt hoffentlich erheblich dazu bei. Damit die kultürlichen Anstrengungen nachhaltig zum Tragen kommen, sind vor allem auch strukturelle Gegensätze wirksam zu egalisieren. In der Wirtschaft und Gesellschaft, global und regional. Zivil couragiert und mit möglichst sanfter Radikalität.

Titelbild: Porträt Ueli Mäder © Foto Christian Jaeggi

Bücher:
– Jagoda Marinić: Sanfte Radikalität. Zwischen Hoffnung und Wandel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024. ISBN ‎978-3-10-397674-8
– Ina Boesch: Schauplatz Avers. Geschichten einer Landschaft. Hier und Jetzt Verlag, Zürich 2023. 978-3-03919-595-4
– Chantale Mouffe: Für einen linken Populismus, Suhrkamp, Berlin 2019. 978-3-518-12729-2

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3 Kommentare

  1. Vielleicht wird es in einem Jahrzehnt gar nicht mehr möglich sein «die Errungenschaften der Schweizer Demokratie zu überhöhen», da die meisten Schweizer dank abgeschafftem Geschichtsunterricht/Staatskunde die Entstehungsgeschichte, den Sinn und Zweck vieler demokratiepolitischer Besonderheiten gar nicht mehr verstehen.

    Mich befremdete es als damaliger HSG-Student schon 1968, dass Kommilitonen aus Zürich an den Juni-Krawallen lauthals eine «ausserparlamentarische Opposition» forderten, als ob es in der Schweiz (wo übrigens auch Kleinstparteien imParlament vertreten sind) weder Initiative noch Referendum gäbe.

    Zudem gibt es 26 Kantons- und 2121 Gemeindeparlamente, wo die Bürger weit mehr zu sagen haben, als im benachbarten Ausland. Zu dieser – für ein viersprachiges Land übrigens überlebensnotwendigen – Struktur müssen wir Sorge tragen.

    Leider geht der Trend immer mehr in Richtung Zentralisierung, vom Miliz- zum Berufs-Nationalrat, zu neuen Bundesämtern für die neu dem Bund zugewiesenen Aufgaben, ohne dass in den kantonalen Verwaltungen abgebaut werden könnte, da viele der neuen Bundesaufgaben de facto von den Kantonen ausgeführt werden müssen (zB Raumplanung, Nationalstrassenbau…….)

    Uebertriebener Föderalismus ist ärgerlich, dessen Aushöhlung wäre aber eine Katastrophe.

    Nicht zuletzt deshalb, weil auch er zu unseren demokratichen Errungenschaften gehört.

  2. Das ist mir alles viel zu kopflastig. Es geht doch darum, dass die Menschen begreifen was ein Leben ohne Freiheit bedeutet. Unsere sozialdemokratischen Werte sind in unserer Verfassung verbrieft. Die Politik hat also die Aufgabe, diese Werte zu erhalten und mit allen Mitteln zu verteidigen. An diesen Werten sollten wir unsere Volksverter:innen und unsere Regierung messen.

  3. «Unsere sozialdemokratischen Werte»?
    Ich würde meinen unsere Werte schlechthin, Werte hinter denen die Mehrheit der Bevölkerung steht und für die täglich neu gekämpft werden muss.

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