Nach dem Erfolg ihrer vorherigen Performance «ONE SONG» gastiert die belgische Künstlerin Miet Warlop mit dem neuen Projekt «INHALE DELIRIUM EXHALE» mit über 4000 Metern Stoff am Zürcher Theaterspektakel. Mit dem Stück versucht die Künstlerin, die innere Turbulenz des kreativen Prozesses zwischen zwei Atemzügen greifbar zu machen.
Miet Warlop ist weltweit bekannt für ihren choreografischen Ansatz, Tanz, bildende Kunst, Theater und Perfomance zu verbinden. In ihrer neuen Performance «INHALE DELIRIUM EXHALE» lässt sie sich von der Bewegung der Wellen inspirieren, begleitet von einer Gruppe Performerinnen und Performer und über 4000 Meter Stoff aus Seide und Kaschmir.
Farbige Stoffbahnen vollführen einen ekstatischen Rausch. Foto: Reinhout Hiel
Zu Beginn begegnen sich auf der leeren Bühne vier Porzellanhände, berühren sich gegenseitig, bis sie zerbrechen. Danach formt sich im Hintergrund eine Stoffwelle, bewegt sich über den Bühnenboden, ein dumpfer Bass setzt ein, die Atmosphäre verdichtet sich. Endlose Meter von Stoff fallen von der Decke, wölben sich zu lebendigen Landschaften, schlagen um, wachsen zu Bergen oder fliessen wie pulsierende Körper. Die sechs Performerinnen und Performer ziehen, schleudern, stauen die farbigen Stoffbahnen, so dass sich immer neue Bilder formen. Manchmal verschwinden sie ganz unter den Stoffmassen, als hätte die Materie sie verschluckt, nur um plötzlich wieder an einer anderen Stelle aufzutauchen – ein Arm, ein Kopf, ein ganzer Körper, der sich aus der Textur windet.
Ein Rausch aus Farbe, Bewegung und Klang
Angetrieben wird das Auf und Ab der Stoffbahnen von DEEWEEs Musik, einem hämmernden Sound, der immer intensiver, pulsierender, drängender wird. Der Stoff füllt die Bühne fast vollständig, eine unaufhaltsame Flut, in der die Körper mit dem Stoff verschmelzen und kaum noch zu erkennen sind. Ein ekstatischer Rausch aus Farbe, Bewegung und Klang entsteht. Dann, ganz plötzlich, bricht der Rausch ab, werden die Stoffbahnen aufgerollt, neue Stoffbahnen werden herabgelassen, neue Bilder geformt bis der Stoff endgültig herabsinkt. Die Performerinnen und Performer lassen los, treten zurück. Die Bühne leert sich, der Sound verstummt. Zurück bleibt die Stille nach einem tiefen Ausatmen.
Miet Warlop erweckt Stoff zum Leben als Sinnbild für innere und äussere Räume. Mit «INHALE DELIRIUM EXHALE» bietet sie eine poetische und kraftvolle Performance, die aber auch von Ironie durchdrungen ist. Persönlich hätte ich mir in der knapp einstündigen Aufführung mehr poetische Bilder und weniger durchdringenden Sound gewünscht. Insgesamt wird ein schwer fassbares, aber durchwegs faszinierendes visuelles Universum aus Bewegung und Klang geboten (gespielt wird das Stück bis Samstag, 23. August in der Werft, Billette sind noch an der Abendkasse erhältlich).
Das Zürcher Theaterspektakel auf der Landiweise dauert noch bis Sonntag, 31. August. Das parkartige Gelände direkt am Zürichsee umfasst bis zu acht eigens errichtete Spielstätten unterschiedlicher Grösse. Darüber hinaus werden die Werfthalle sowie die Bühnen des Kulturzentrums Rote Fabrik bespielt. Aufführungen unter freiem Himmel, frei zugängliche Installationen und künstlerische Interventionen auf dem Gelände sowie die festivaleigenen Restaurants und Bars lassen die Landiwiese während des Festivals zu einem weit über Zürich hinaus reichenden Anziehungspunkt für Kulturinteressierte und Nachtschwärmer werden.
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