Es gibt mehrere Klassik-Festivals im Aargau. Im Künstlerhaus Boswil ist es der „Boswiler Sommer“, auf Schloss Lenzburg die „Lenzburgiade“, und in der Klosterkirche Muri wird „Muri Barock“ präsentiert. Vor drei Jahren etablierte der Schweizer Geiger Sebastian Bohren zudem das „Brugg Festival“. Das Eröffnungskonzert vom Sonntag war ausverkauft.
Wenn Sebastian Bohren etwas anpackt, zieht er es mit voller Energie durch. Brugg ist seine Heimatstadt, hier hat er schon als junger Musiker mit den „Stretta Concerts“ eine Konzertreihe lanciert. Darin sollten aufstrebende Musiktalente, wie Bohren eines war, ein Forum zum öffentlich Spielen bekommen. Die Stadtkirche Brugg eignet sich gut dafür, ihre Akustik wird weitherum geschätzt.
Eine kleine Konzertreihe zum Anfang
Die „Stretta Concerts“ gib es noch heute. Sie werden gut besucht, denn Bohren gelingt es, namhaft Musikerinnen und Musiker, sowie Ensembles nach Brugg zu holen. Das Spezielle an dieser Konzertreihe ist der freie Eintritt. Die Einnahmen kommen durch eine als angemessen empfohlene Kollekte zusammen. Bohren ist es zudem wichtig, dass diese Konzerte allen offen stehen.
Die schnelle Akzeptanz des „Brugg Festivals“ wäre ohne die gute Organisationsstruktur des Vereins „Stretta Concerts“ nicht möglich gewesen. Dazu kommt ein treues Stammpublikum, welches sich auch für das Festival begeistern lässt. Der Verein veranstaltet auch das Festival. Unter der Rubrik „Organisation und Beratung“ werden im Festivalprogramm acht engagierte Persönlichkeiten aufgeführt, darunter auch solche, die ehrenamtlich mitarbeiten.
Die Ziele, die Bohren sich steckt, sind ehrgeizig. Er möchte mit dem „Brugg Festival“ Weltklasse nach Brugg bringen und so zum grössten Festival des Kantons werden, wie er an der Eröffnung sagte. Regierungsrat Dieter Egli zollte in seiner sympathischen Eröffnungsrede Sebastian Bohren seinen Respekt und wies darauf hin, wie vorbildlich beim Musizieren das Miteinander und das sich gegenseitig Zuhören sei.
Musikerlebnis für alle
Nach wie vor ist Bohren aber wichtig, Musik für alle zugänglich zu machen. Und junge Menschen zur Musik hinzuführen. Das Brugg Festival ist auch deshalb gut vor Ort verankert, weil es intensiv mit den Schulen und der Jugendmusikschule Brugg zusammenarbeitet. Bohren hat sich persönlich viel Zeit genommen und mit diversen Lehrpersonen gesprochen. Dieses Jahr haben sich beim sogenannten „Echo“-Programm gut 1500 Kinder beteiligt. Gross ist sein Erfolg auch deshalb, weil die Lehrer sich nicht darum bemühen müssen – alle Führungen und Veranstaltungen werden vom Festival aus organisiert.
Sebastian Bohren hat an der Eröffnung keine leeren Worte gemacht. Das Konzert vom Sonntag war ein Ereignis der besonderen Art. Allein schon das Programm versprach unter dem Motto „Benvenuta Milano!“ Interessantes: mit der Rhapsodie „Abends“ des Schweizer Romantikers Joachim Raff (1822-1882), dem kaum bekannten Violinkonzert op. 14 des Amerikaners Samuel Barber (1910-1981)), und der ausladenden 5. Sinfonie von Pjotr I. Tschaikowsy (1840-1893).
Ein Orchester der Sonderklasse
Dafür war eigens das „Orchestra Sinfonica di Milano“ angereist, geleitet von seinem neuen Chefdirigenten Emmanuel Tjeknavorian. Der erst dreissigjährige Tjeknavorian ist ein Ausnahmekünstler. Er stammt aus Wien und macht sowohl am Dirigentenpult wie auch als Geiger Furore. Er hat in Mailand seine erste Spielzeit hinter sich und wurde bereits mit höchstem Lob bedacht. Mit dem Premio Abbiati wurde er als bester Dirigent ausgezeichnet, und die Zeitschrift Classic Voice ernannte ihn zur „Persönlichkeit des Jahres“. Begeisterte Kritiken säumen seinen Weg.
Das „Orchestra Sinfonica di Milano“unter Leitung von Emmanuel Tjeknavorian und mit Sebastian Bohren als Solist. (Dana Moica)
Der Solist des Abends war Sebastian Bohren. Er spielt ein sehr wertvolles Instrument des italienischen Geigenbauers Giovanni Battista Guadagnini. Damit vermochte er sich im klangüppigen und eher wuchtigen Violinkonzert von Samuel Barber mit nuanciertem und farbenreichem Ton durchzusetzen. Dies war auch das Verdienst von Tjeknavorian, der die Lautstärke des Orchesters gut im Griff hatte.
Eine Standing Ovation des Brugger Publikums
Die brillanten Qualitäten des „Orchestra Sinfonica di Mailand“ kamen erst in Tschaikowskys 5. Sinfonie richtig zum Tragen. Es war zu befürchten, dass die grosse Besetzung dieses Werks die Akustik der Stadtkirche überfordern würde. Dem war jedoch unter Tjeknavorian nicht so. Dieser dirigierte die 50minütige Sinfonie auswendig, mit verinnerlichter musikalischer Reife und klarer Zeichengebung. Damit gelangen ihm eine hohe klangliche Transparenz, agogisch natürliche Übergänge und eine präzise Virtuosität. Das Brugger Publikum war hell begeistert und bedankte sich mit einer Standing Ovation.
Das Brugg Festival findet noch bis am 6. September an verschiedenen Spielorten in Brugg und Windisch statt. Es gibt täglich auch Kurzkonzerte über Mittag. www.bruggfestival.ch

