Zweimal Hundert, einmal Neunzig – diese Geburtstage feiert das Berliner Musikfest mit Schwerpunkt Frankreich diesmal. Hundertjährig wären die Komponisten Berio und Boulez, und der 90jährige Helmut Lachenmann kommt zu Besuch.
Für einen Monat ist Berlin die europäische Metropole der Musik. Grosse Symphonieorchester aus Frankreich, Italien, den Niederlanden und Deutschland treten in der legendären Philharmonie von Scharoun auf, zwei Konzerte beziehen sich auf das Bauhaus, welches auch Musiker inspirierte, aus Odessa reist das Ensemble Senza Sforzando mit während des Kriegs entstandenen Kompositionen an und das südkoreanische Busan Philharmonic Orchestra feiert den 80. Geburtstag von Younghi Pagh-Paan, die als erste Frau in Deutschland eine Professur für Komposition hatte.
Pierre Boulez und Luciano Berio wären jetzt 100 Jahre alt.
Schon das Eröffnungskonzert des Royal Concertgebouw Orchestra mit seinem designierten Chefdirigenten Klaus Mäkelä erzeugte im ausverkauften Philharmonie-Saal Begeisterungsstürme. Aufgeführt wurde Luciano Berios Rendering, eine Rekomposition von Franz Schuberts Skizzen zu seiner unvollendeten letzten Sinfonie, sowie – ebenfalls ein letztes Werk, entstanden in Krankheitstagen 1943 in den USA – Béla Bartóks farbiges, von ungarischen und serbokroatischen Tänzen sowie transsilvanischen Klagegesängen gespeistes Konzert für Orchester, in dem sogar Lehárs Lustige Witwe parodistisch verlacht wird.
Klaus Mäkelä und das Royal Concertgebouw Orchestra. Foto: © Fabian Schellhorn
Das Orchester aus Amsterdam gilt seit Langem als eins der besten Symphonieorchester weltweit. Was die spielfreudigen Musikerinnen und Musiker in Berlin mit ihrem jungen Dirigenten boten, war unerhört. Diese Spielkultur, diese rhythmische Sicherheit, diese enge Kommunikation mit einem Orchesterleiter, der sicher führt, jeden einzelnen Musiker abholt, aber zugleich auf Augenhöhe mit seinen Musikern sich selbst bleibt. Hier macht eine eingeschworene Gemeinschaft von Spitzeninstrumentalisten Musik.
Carina Kanellakis und die Sopranistin Liv Redpath bei der Aufführung von Pierre Boulez‘ «Le soleil des eaux». Foto: © Fabian Schellhorn
Ebenso überzeugend der zweite Abend des Musikfests mit dem Chor und dem Philharmonischen Orchester des Niederländischen Rundfunks. Die Reise durch ein Jahrhundert der neueren Klangkunst führte von Olivier Messiaens erstem Orchesterwerk, der sinfonischen Meditation Les offrandes oubliées, über seinen Schüler Pierre Boulez und dessen Le soleil des eaux, einer Vertonung zweier Gedichte von René Char, für Sopran, Chor und Orchester, die mit der Bedrohung der Natur als Thema nichts an Brisanz einbüssten, zu dem Auftragswerk L’Azur, einer Kantate für Chor und Orchester des Boulez-Schülers Robin de Raaff, die als Hommage zum Hundertsten von Boulez eine kluge Weiterführung von dessen Musik ist.
Messiaens dreiteiliges Werk hebt einen zu Beginn und nach der Höllenfahrt im Mittelteil mit flirrenden Violinen in himmlische Sphären. Der Farbenreichtum der Meditation fliesst in zartes Pastell. De Raaff hat seiner Komposition um Stéphane Mallarmés L’Azur, einem zwiespältigen Gedicht eine versöhnliche Coda angehängt, so dass auch seine Vertonung mit einem Dialog von Harfe und Piccolo, untermalt von Perkussion in Harmonie endet.
Anregende Gespräche im Foyer während der Pausen. Foto: ec
Messiaen und Boulez haben als sehr junge Komponisten neue Klangwelten gefunden, während der Abschluss des Konzerts unter dem präzisen und engagierten Dirigat von Karina Canellakis mit Rachmaninows letztem Werk, seinen Sinfonischen Tänzen, in denen der Komponist eine Rückschau auf ein Menschenleben voller tänzerischer Leichtigkeit wie sinfonischer Schwermut entwirft und sich mit dem Dies Irae-Motiv zu einer Art Totentanz steigert.
Die Piccoloflöte scheint bei diesem Musikfest eine tragende Rolle zu bekommen: Im Abend mit dem Orchestre de Paris beim Konzert für Horn und Orchester von Esa-Pekka Salonen dialogisiert sie mehrfach mit dem phänomenalen Ton des wohl besten Hornisten Stefan Dohr, für den Salonen sein zwei Tage zuvor in Luzern uraufgeführtes Werk komponiert hat. Alles Erdenkliche, was aus einem Horn herauszubringen ist, hat der Komponist und Dirigent Salonen sich einfallen lassen, und Dohr hat es mit Bravour umgesetzt, Begeisterung beim Berliner Publikum, das vom Solohornisten seiner Berliner Philharmoniker genau das erwartet.
Der eine Hornist soliert, während der andere am Pult seine Komposition für Horn und Orchester leitet. Foto: © Fabian Schellhorn
Der Höhepunkt des Abends war jedoch die 5. Sinfonie von Jean Sibelius, ein rätselhaft zwiespältiges wie eigenwillig aus der Zeit gefallenes Werk, dessen Partitur der Musikstudent Salonen einst für den Preis eines Espresso in einem Mailänder Antiquariat gefunden hatte. Dabei war er eigentlich vor dem übermächtigen Nationalkomponisten nach Italien geflohen. Weil dessen Werk so modern ist für das Entstehungsjahr 1915, weil Sibelius hier alle akademischen Konventionen verlässt und Musik schreibt, die sich frei und naturnah entfaltet, begeisterte sich Salonen für die Partitur und lässt nun sein Orchester in einer sehr persönlichen Interpretation daran teilhaben. So liess der musikalische Flug der Schwäne, die Sibelius einst inspirierten, das Publikum mitfliegen bis zum herzergreifenden Schluss in der Zugabe mit einem Ravel-Leckerbissen, bei dem das französische Orchester erst so richtig zu glitzern begann.
Esa-Pekka Salonen dirigiert Sibelius. Foto: © Fabian Schellhorn
Alle drei Komponisten hatten als Interpreten begonnen. Luciano Berio musste wegen einer Kriegsverletzung mit dem Klavierspielen aufhören, Sibelius war ein hochtalentierter Geiger und Salonen tritt immer noch gern als Hornist auf. Die drei Stücke waren zudem in einer Lebensphase geschrieben worden, in der sich alle bei einem Aufenthalt in Amerika von der intellekt-gesteuerten europäischen Kompositionstradition lösen konnten, ohne sich zu verraten. So wird die Musik melodischer und eingängiger, ohne die Spannung einer komplexen Struktur aufzugeben, also ein Hörgenuss.
Antoine Tamestit spielt als Zugabe ein ukrainisches Wiegenlied und Bachs Sarabande. Foto: © Fabian Schellhorn
Mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France brillierte der Bratschist Antoine Tamestit auf einem für grosse Solopartien eher seltenen Instrument. In Voci (Folk Songs II) für Viola und zwei Instrumentalgruppen hat Luciano Berios wunderbar subtil eine Vilefalt sizilianischer Lieder umgesetzt. Unglaublich, wie eine Bratsche klingen kann – von heiserem Kratzen über volltönigen mehrstimmigen Klang bis in höchste Lagen.
Der Konzertabend erstreckte sich von Berios Sizilien bis zu Mikalojus Konstantinas Čurlionis baltischem Meer. Jūra (Das Meer) ist ein Klanggemälde von romantischer Schönheit und dynamischer Gewalt, Filmmusik avant la lettre, komponiert von einem, der lange als Kunstmaler seiner Landschaften bekannter war.
Mirga Gražinyté-Tyla, hochbegabte Dirigentin mit litauischen Wurzeln. Foto: © Fabian Schellhorn
Der Leckerbissen war das dritte Stück des Abends: Ravels Boléro, oft missbraucht, aber in der Philharmonie mit ihrer Akkustik, die erst den ganzen Farbenreichtum zur Geltung bringt, ein neues, unter die Haut gehendes Hörerlebnis. Am Pult war mit der Litauerin Mirga Gražinyté-Tyla eine der hochbegabten Dirigentinnen, die den Abend mit ihrem Orchester als Gemischtem Chor mit einem litauischen Lied schloss, nachdem sie erklärt hatte, welch wichtige Rolle das Singen für die Identität ihres Volks spielt.
Nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Foto: ec
Das war der Beginn des Musikfests mit Einblicken in die Orchesterkultur von Paris und der Niederlande. Bis zum 23. September wird das Publikum in 32 Veranstaltungen 120 Werke von etwa 70 Komponistinnen und Komponisten, aufgeführt von 26 Instrumental- und Vokalensembles und Solistinnen wie Isabelle Faust oder Pierre-Laurent Aimard hören können. Wer ohnehin einen Ausflug nach Berlin plant, kann die Spitzenorchester der Stadt und eine Fülle von weiteren Ensembles hören, wobei die Sitzplätze einiges weniger kosten als in den grossen Schweizer Konzerthäusern.
Titelbild: Blick in den Konzertsaal der Philharmonie mit den Zuschauerkörben, die sowohl gute Sicht als auch gute Akustik ermöglichen. Foto: ec
Hier geht es zum Programm des Musikfests Berlin, veranstaltet von den Berliner Festspielen.
Und hier können Sie einzelne Konzerte nachhören.

