Mattmark 1965

Ende August 1965 brach in den Walliser Alpen die Zunge des Allalingletschers ab. Eismassen begruben im hinteren Saastal mehrere Strassen und Wege, Baracken, Büros, Kantinen und Werkstätten, die für den Bau des Staudamms Mattmark errichtet worden waren. 88 Menschen verloren beim schrecklichen Unglück ihr Leben, 56 aus Italien. Die Historikerin Elisabeth Joris hat dazu das Buch Mattmark 1965 verfasst. Die Lektüre packte mich. Und so sprach ich denn Anfang September mit der Autorin über: Erinnerungen, Gerichtsurteile, Verflechtungen und veränderte Haltungen.

Im Mai 2025 war in der Schweiz viel von Blatten im Lötschental die Rede. Da geschah ein anderer, gewaltiger Berg- und Gletschersturz. Geröllmengen deckten die Gemeinde zu. Ein Schafhalter kam um. Kontrollen des Birch Gletschers und des Nesthorns verhinderten weitere Opfer. Frühzeitiges Alarmieren und Evakuieren halfen ebenfalls mit. Anders in Mattmark 1965.

Kritische Stimmen warnten zwar auch in Mattmark. Sie fanden allerdings wenig Gehör. Und jetzt tauchten Prozessakten wieder auf, zusammen mit einem Urteilsentwurf. Nach fünfzigjähriger Sperrfrist! Zum Beispiel über den fatalen Entscheid, Baracken just unter dem Gletscher zu errichten. Das war, so Joris, ursprünglich mit ein Grund dafür, «wegen fahrlässiger Tötung» zu klagen.

Zu den Beschuldigten gehörten Verantwortliche beteiligter Firmen, der Behörden und der SUVA, der Schweizerischen Unfallversicherung. Das Bezirksgericht Visp sprach im Februar 1972 jedoch alle frei. Und das Walliser Kantonsgericht stützte diesen Entscheid noch im selben Jahr. Zudem auferlegte es die Hälfte der Prozesskosten den Klagenden. Das waren, wie Joris bemerkt, «mehrheitlich weibliche Angehörige der Opfer».

Nach dem Zweiten Weltkrieg forcierte die Schweiz neue Staudämme. Aufs Planen und Finanzieren spezialisiert, begründete die Elektrowatt 1959 auch die Kraftwerk Mattmark AG. Und im hinteren Saastal konzipierte sie einen Erddamm von 120 Metern, den höchsten Europas. Laut Joris: «Ein Prestigeprojekt».

Das Umsetzen übernahm die Arbeitsgemeinschaft Staudamm Mattmark (ASM). Das Konsortium bestand aus sechs Bauunternehmen. Saastaler Gemeinden erwarteten Aufträge für das lokale Gewerbe, Nachfrage für Unterkünfte, mehr Steuern und Wasserzinse. Wenn Einheimische begehrten Boden nicht hergeben und selber nutzen wollten, drohte ihnen die Enteignung. «Schliesslich verkauften alle ihr Land», resümiert Joris.

Über Umwege brachte die Historikerin auch den verborgenen Urteilsentwurf ans Licht. Der Walliser Kantonsrichter Paul-Eugen Burgener wollte den Direktor Oliver Rambert und drei weitere Ingenieure der führenden Elektrowatt wegen «fahrlässiger Tötung» verurteilen. Dies auch deshalb, weil eine internationale Expertise auf einen drohenden Gletscherabbruch hingewiesen hatte.

Meinungen prägend, betonten indes der Walliser Bundesrat Bonvin und ETH-Professor Schnitter schon zwei Tage nach der Katastrophe, es handle sich um ein «unvorhersehbares Ereignis». Bonvin plante zuvor als Elektrowatt-Ingenieur das Mattmark-Projekt mit. Schnitter übernahm immer wieder Expertisen für die Elektrowatt. Und Direktor Rambert lehnte dringlich empfohlene Messungen ab. Sie hätten 50‘000 Franken gekostet. Das Gericht folgte der Prominenz. Ausser Burgener. Er erkrankte. Und etliche Medien unterstrichen die quasi offiziellen Sicht.

Im Bundesrat verlangte Aussenminister Wahlen nach der Tragödie vergeblich, sich für eine italienische Vertretung in der internationalen Untersuchungsgruppe einzusetzen. Bonvin wehrte sich gegen «ferngesteuerte Expertisen». Privat hielt er sich öfters beim befreundeten Direktor Rambert auf. Daran erinnert dessen Sohn, der kritische Anwalt Bernard Rambert. Und Joris berichtet ferner, wie Mattmark 1965 immerhin die restriktive Politik von Gewerkschaften gegenüber italienischen Gastarbeitenden veränderte.

Titelbild: Porträt Ueli Mäder. Foto: © Christian Jaeggi

Das Gespräch mit Elisabeth Joris ist zum Nachhören auf Youtube.

Buchhinweis: Elisabeth Joris, Mattmark 1965, Rotpunktverlag, Zürich 2025, 208 Seiten, CHF 32.-. ISBN 978-3-03973-072-8. Mit Beiträgen von Thomas Burgener, Kurt Marti, Vasco Padrina, Kurt Regatz, Andreas Weissen und Andrea Delvescovo sowie zahlreichen historischen Bildern und Dokumenten)

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Ich war für BLICK dabei, habe die Aufräumungsarbeiten und die Beerdigung miterlebt., flog mit dem Heli über den Unglücksort und habe später die Gerichtsverhandlung in Visp verfolgt. Unvergessliche Erlebnisse.

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