Einsamkeit ist – so scheint es – eines der drängendsten gesellschaftspolitischen Probleme unserer Zeit. Dass die Einsamkeit auch gut und bereichernd und somit der Gesundheit förderlich sein kann, belegt der norwegische Philosoph Lars Svendsen in seinem Buch «Philosophie der Einsamkeit».
Wer sich einsam fühlt, hat ein erhöhtes Risiko, krank zu werden und vorzeitig zu sterben. Das weiss man schon länger. So ist bekannt, dass einsame Menschen oft unter Schlafstörungen, Bluthochdruck oder Depressionen leiden. Das muss nicht sein. Im Buch «Philosophie der Einsamkeit» setzt sich der norwegische Philosoph Lars Svendsen mit dem Phänomen Einsamkeit intensiv auseinander. Er zeigt, dass Einsamkeit nicht notwendigerweise häufiger vorkommt als früher, auch wenn wir in den Medien ständig von einer „Epidemie der Einsamkeit“ hören. Für Svendsen ist Einsamkeit kein abstraktes Phänomen, sondern eine zutiefst menschliche Erfahrung – ein „sozialer Hunger“, der uns schmerzhaft signalisiert, dass unser Bedürfnis nach Nähe und Bindung nicht erfüllt ist. Einsamkeit ist nicht an sich negativ. „Gute Einsamkeit“ ist nach Svendsen die Fähigkeit, das Alleinsein nicht als Leere, sondern als erfüllende Erfahrung zu leben.
Dabei unterscheidet er klar: Einsamkeit ist nicht einfach dasselbe wie Alleinsein. Man kann inmitten vieler Menschen einsam sein und in Abgeschiedenheit dagegen Ruhe und Klarheit finden. Svendsen betont, dass Einsamkeit nur der empfinden kann, der auch fähig ist zu Freundschaft und Liebe: „Nur eine Person mit Fähigkeit zu Freundschaft und Liebe vermag Einsamkeit fühlen.“ In diesem Sinn ist Einsamkeit immer an Beziehungen gebunden – sei es durch ihr Fehlen, ihre Brüchigkeit oder das Sehnen nach ihrer Erfüllung.
Einsamkeit hat viele Auslöser
Lars Svendsens Werk gliedert sich in acht Kapitel sowie ein erhellendes Nachwort zur COVID-Pandemie. Bereits im Prolog gibt der Autor zu bedenken: „Ich habe noch nie mit einem Thema gearbeitet, bei dem die Vermutungen, mit denen ich zu Werke schritt, in diesem Masse wiederlegt wurden.“
Svendsen verdeutlicht, dass Einsamkeit viele Auslöser hat – gesellschaftliche, psychische, existentielle. Studien zeigen, dass Einsamkeit negative Auswirkungen auf Wohlbefinden, körperliche und geistige Gesundheit hat; sie beeinflusst Stresshormone, Blutdruck und kann das Risiko für Demenz erhöhen. Misstrauen gegenüber anderen, die Angst vor Enttäuschung – sie alle verstärken Einsamkeit. Einsame Menschen neigen dazu, soziale Beziehungen zu meiden oder schneller auf Distanz zu gehen, was Einsamkeit weiter verstärkt.
Das moderne Ideal des unabhängigen, selbstbestimmten Individuums kann isolierend wirken, wenn gleichzeitig die Fähigkeit fehlt, mit sich selbst im Einklang zu sein oder allein zu verweilen. Die Abhängigkeit von ständiger Zerstreuung wird so zur Flucht vor einem stärkeren Selbst.
Einsamkeit verlangt Verantwortung
Svendsen führt den unterscheidenden Begriff der «guten Einsamkeit» ein – jene Form, die Raum für Reflexion und Einsicht gewährt. Er versteht unter guter Einsamkeit nicht den schmerzhaften Mangel an menschlicher Nähe, sondern die Fähigkeit, das Alleinsein als wertvolle Ressource zu erleben. Während negative Einsamkeit mit Gefühlen der Isolation und Verlassenheit verbunden ist, eröffnet gute Einsamkeit einen Raum für Selbstbezug, Freiheit und innere Ruhe. Sie bedeutet, mit sich selbst im Reinen zu sein und die Stille nutzen zu können, um nachzudenken, kreativ zu werden oder schlicht neue Energie zu sammeln. Svendsen betont, dass gute Einsamkeit nicht den Rückzug aus allen sozialen Beziehungen meint, sondern eine Balance darstellt: Wer gelernt hat, gern allein zu sein, ist auch besser in der Lage, erfüllende Gemeinschaft zu pflegen. Damit wird Einsamkeit nicht als Defizit verstanden, sondern als Möglichkeit, das eigene Leben bewusster und selbstbestimmter zu gestalten.
Hier einige Kerngedanken von Svendsens Begriff der guten Einsamkeit:
Selbstbezug statt Isolation: Gute Einsamkeit bedeutet, mit sich selbst in Kontakt zu treten, ohne sich verlassen oder ausgeschlossen zu fühlen.
Freiheit und Selbstbestimmung: Alleinsein schafft Raum, die eigenen Gedanken, Gefühle und Wünsche zu entfalten – ohne den Druck sozialer Rollen.
Kreativität und Reflexion: Einsamkeit bietet die Möglichkeit, über sich und die Welt nachzudenken, Ideen zu entwickeln oder schöpferisch tätig zu werden.
Balance: Gelingende Einsamkeit ist keine Dauerlösung, sondern eine „Qualität des Alleinseins“, die sich mit Gemeinschaft abwechselt.
Am Ende des Buches, besonders in seinem Nachwort zur COVID-Pandemie, betont Svendsen, dass Einsamkeit Verantwortung verlangt: Sie ist ein Signal, das uns mahnt, Bindungen zu suchen oder unsere Haltung zu uns selbst zu überdenken. Sie kann zerstörerisch sein, aber auch fruchtbar, wenn wir sie annehmen und verstehen lernen. Damit gelingt es Svendsen, die Einsamkeit nicht nur als Defizit, sondern auch als Möglichkeit menschlicher Reifung darzustellen.
Fazit: Svendsen plädiert in seinem Buch für eine Einsamkeitsfähigkeit. Einsamkeit könne nämlich nicht nur Einsichten verdecken, sie habe auch das Potenzial, diese zu ermöglichen. Die Kultivierung einer solchen Einsamkeit liegt dem Philosophen am Herzen. Sein Buch ist mehr als eine Erinnerung an philosophische Erkenntnisse, es ist vor allem eine Einladung an Leserinnen und Leser, sich mit der existentiellen Bedeutung von Einsamkeit auseinander zu setzen. Dabei lässt sich das Buch recht mühelos und auch mit Vergnügen lesen. Übrigens: Das Buch «Philosophie der Einsamkeit» ist vom Forschungsinstitut für Philosophie Hannover mit dem Philosophischen Buchpreis 2022 ausgezeichnet worden.
Lars Svendsen, Philosophie der Einsamkeit, Berlin University Press, ISBN 978-37-374-1326-8


Danke für den Beitrag zum aktuellen Thema Einsamkeit und den Buchtipp.
Ich kann den Aussagen von Lars Svendsen in jeder Hinsicht zustimmen. Einsamkeit wird zu unrecht als nur negativ dargestellt. Im Gegenteil, die Fähigkeit sich mit sich allein wohlzufühlen, öffnet Türen in unser innerstes Denken und Fühlen. Sich in der Stille mit sich selbst auseinander zu setzen, kann neue Wege aufzeigen.
Es stimmt schon, grosse Einsamkeit kann in einer Depression enden und manchmal auch zu einem frühen Tod. Deshalb stimmt die Aussage von Lars Svendsen, dass Einsamkeit auch Verantwortung bedeutet. Auch wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind, wir leben alle auf demselben Planeten und jedes Lebewesen hat ein Daseinsrecht und verdient zumindest unsere Achtung.