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Ernst Ludwig Kirchners künstlerisches Manifest

Das Kunstmuseum Bern präsentiert 65 besonders wertvolle und selten gezeigte Werke des deutschen Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner. Als sensationell gilt die Leihgabe aus dem deutschen Bundeskanzleramt, die erstmals ihren angestammten Platz verlässt.

Ausstellungen sind immer etwas Besonderes. Es werden Werke zusammengetragen und in einem Zusammenhang gezeigt, der speziell für diesen Zweck geschaffen wurde. Die gerade eröffnete Ausstellung im Berner Kunstmuseum Kirchner X Kirchner vereint gleich mehrere ausserordentliche Ereignisse. Hier hängen zum ersten Mal seit 92 Jahren zwei übergrosse Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) nebeneinander: Alpsonntag. Szene am Brunnen, das zum Bestand des Kunstmuseums Bern gehört, und Sonntag der Bergbauern, das der Bundesrepublik Deutschland gehört und – wie schon in den Medien zu lesen war – nur mit Hilfe eines Krans aus dem Sitzungssaal des Bundeskanzlers zum Transportfahrzeug gehievt werden konnte.

Ernst Ludwig Kirchner: Sonntag der Bergbauern, 1923-24/26. Öl auf Leinwand, 170 x 400 cm, Bundesrepublik Deutschland  © Bundesrepublik Deutschland

Jedes dieser beiden Bilder hat seine eigene Geschichte. Genauer gesagt: Die meisten der hier ausgestellten Bilder haben eine besondere Geschichte, es sind hochkarätige Werke, die sonst in renommierten Museen hängen oder aus Privatbesitz ausgeliehen wurden.

Ernst Ludwig Kirchner: Alpsonntag. Szene am Brunnen, 1923-24/um 1929. Öl auf Leinwand, mit gefasstem Originalrahmen, 168 x 400 cm, Kunstmuseum Bern
© Kunstmuseum Bern

Der Grund dafür ist das Projekt, das sich das Kunstmuseum und seine Kuratorin Nadine Franci vorgenommen hatten: Die Retrospektive, die der Künstler im Jahre 1933 in der Berner Kunsthalle selbst kuratiert hatte, noch einmal zum Leben zu erwecken. Möglich war dies, weil Kirchner umfangreiche Notizen hinterlassen hat: Seine Bilder hatte er mit kurzen Kommentaren versehen, hatte sich die Hängung genau überlegt. Das war in der Kunsthalle am Helvetiaplatz wegen der beengten Platzverhältnisse schwieriger als 2025 im Kunstmuseum. Aber es war Kirchner ein grosses Anliegen. An Max Huggler, damals Leiter der Berner Kunsthalle, schrieb Kirchner: «Eine Ausstellung farbig und formal richtig hängen ist dasselbe wie ein Bild gestalten.»

Franz Henn: Blick in die Kirchner-Ausstellung in der Kunsthalle Bern mit Alpsonntag. Szene am Brunnen (links) und Sonntag der Bergbauern (rechts), 1933. Fotografie  © Erbengemeinschaft Eberhard W. Kornfeld

Nadine Franci erklärt dazu: «Die Retrospektive von 1933 war weit mehr als eine Ausstellung – sie war ein künstlerisches Manifest. In ihr verdichtete sich Kirchners Ringen um eine eigene Bildsprache ebenso wie sein Bedürfnis, sich künstlerisch neu zu verorten.» Zu ergänzen ist, dass dem Künstler 1924 in Winterthur eine kleinere Ausstellung gewidmet war, die sich als Flop erwies und Kirchner weder die notwendigen Einkünfte durch den Verkauf von Bildern brachte noch eine bessere Bekanntheit in Schweizer Kunstkreisen. – Er als Künstler benötigte beides: Geld zum Überleben und ein Renommée, die Voraussetzung für jedes Künstlerdasein. Seit dem Beginn der Nazi-Herrschaft 1933 war das für einen Expressionisten wie Kirchner, dessen Kunst nun als entartet galt, noch dringender.

Ernst Ludwig Kirchner: Russisches Tänzerpaar, 1909. Farblithografie auf Velinpapier. Bildmass: 32,5 x 38,2 cm, Blattmass: 43,5 x 53 cm Erbengemeinschaft Eberhard W. Kornfeld  © Erbengemeinschaft Eberhard W. Kornfeld

Vielleicht war dies der Grund, dass Kirchner 1933 seine Werke kommentierte und selbst unter einem Pseudonym einen Ausstellungsbericht veröffentlichte. Wenn wir uns daran erinnern, dass Kirchner als junger Mann in Dresden Architektur studiert hatte, verstehen wir, dass er das Verständnis für den Raum damals geschult hatte. – Nebenbei sei erwähnt, dass Kirchner als Maler und Bildhauer Autodidakt war, ebenso wie einige andere Mitglieder der Gruppe «Die Brücke», die Kirchner mit einigen anderen Künstlern 1905 gegründet hatte.

Kircher selbst teilte sein Werk in zwei Epochen ein: das Frühwerk (1905-1913) und das Spätwerk (1917-1937), letzteres entstand zu grossen Teilen in Davos, wo Kirchner mit seiner Partnerin, der Tänzerin Erna Schilling, lebte. Sein Leben war von schweren Krisen und Drogenmissbrauch beeinträchtigt. 1938 starb Kirchner wahrscheinlich im Freitod.

Ernst Ludwig Kirchner: Schlittschuhläufer, 1924/25. Öl auf Leinwand 125 × 168,5 cm. Hessisches Landesmuseum Darmstadt  © Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Foto: Wolfgang Fuhrmannek, CC BY-SA 4.0

Die Ausstellung im 1. Stock des historischen Kunstmuseums zeigt im Treppenhaus zwei Fotos aus der früheren Schau 1933, darauf folgen fünf Themenräume: aus den frühen Jahren Aktdarstellungen und Strassenszenen – faszinierend sind die Farbgebung in Verbindung mit dem Schwung der Bewegungen.

Aura Hertwig-Brendel: Porträt von Ernst Ludwig Kirchner, 1923/24 Fotografie. Nachlass Ernst Ludwig Kirchner

Im grossen Hauptraum befinden sich die Werke der eigentlichen Retrospektive mit den beiden Alpsonntag-Bildern. Das Werk Sonntag der Bergbauern, das seinen Platz im Bundeskanzleramt hat, kam über einen Sammler zu Helmut Schmidt, damals Bundeskanzler, zuerst als Leihgabe, später kaufte es die BRD.

Das Bild Alpsonntag. Szene am Brunnen wollte Kirchner eigentlich für einen fünfstelligen Betrag verkaufen – aus verständlichen Gründen. Berner Kunstfreunde veranstalteten eine Sammlung, heute würde man Crowdfunding sagen, da das Kunstmuseum selbst nicht über Geld für einen Ankauf verfügte. Nur 4250 CHF brachten sie zusammen. Zudem wünschte eine damals berühmte Berner Persönlichkeit ein Landschaftsbild. Kirchner aber grummelte, er sei kein Landschaftsmaler. Schliesslich bekam das Kunstmuseum das Bild zu diesem Preis.

Ernst Ludwig Kirchner: Farbentanz I (Entwurf für Essen), 1932. Öl auf Leinwand, 135×90 cm. Museum Folkwang, Essen, erworben 1968 mit Unterstützung des Folkwang-Museumsvereins und der Alfred und Cläre Pott-Stiftung  © Museum Folkwang Essen / ARTOTHEK

Während die Schreibende durch die Räume ging, begeistert vor allem von den Werken des letzten Saales Visionäres Spätwerk, erkannte sie, was fast neunzig Jahre Abstand in der Beurteilung von Kunst ausmachen: Es ist die klassische Moderne, die wir anschauen. Die damals gewagten Szenen, die Bewegungen, die Linien, die Aufteilung, die Farben und ihre Kombination, alles schien ungeheuer modern, heute schauen wir mit anderen Seherfahrungen, mit anders geschultem Auge. – Lassen Sie sich die Freude an diesen Bildern nicht entgehen. Künstlerische Schönheit altert nicht.

Kirchner X Kirchner. Nach über 90 Jahren wieder vereint. Die Ausstellung im Kunstmuseum Bern dauert noch bis 11. Januar 2026.

Titelbild: Ernst Ludwig Kirchner: Alpaufzug, 1918/1919. Öl auf Leinwand, 139 x 199 cm. Kunstmuseum St. Gallen, erworben 1955.  © Kunstmuseum St. Gallen, Foto: Stefan Rohner

 

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