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Geflügelte Worte

Das achthundert Seiten umfassende Werk einer Sammlung von «Geflügelten Worten» verdankt sich einem Vortrag von Georg Büchmann, einem Berliner Volksschullehrer. Er hielt 1864 einen Vortrag über «Landläufige Zitate». Zufällig sass der Verleger der «Berliner Verlagsbuchhandlung» Friedrich Weidling unter den Zuhörern. Er erkannte das Potential dieses Textes und gab die Sammlung mit den Zitaten heraus. Das Werk erschien beim Buchclub Ex Libris 1972 in der 32. Auflage. Darin sind nicht nur deutsche Geflügelte Worte, sondern auch lateinische, französische und Geflügelte Worte weiterer Sprachen zu entdecken.

Vor ein paar Tagen schlug ich das Werk auf. Zufällig traf ich zuerst auf Seite 428 das Wort: «Lügen macht Zähne weiss.» Darunter ist vermerkt, Büchmann habe diesen Ausspruch noch nicht gekannt. Wie sollte dieses Sprichwort gedeutet werden? Es ist wohl ironisch gemeint. Ironie meint das Gegenteil von dem, was gesagt wird. Lügner haben keine weissen Zähne.

Am Ende eines Briefes über die Geschwätzigkeit der digitalen Medienwelt fiel mir ein Geflügeltes Wort ein. Dafür rief ich einen alten Zeugen auf und nahm den Büchmann aus dem Gestell. Dort steht bei den lateinischen Zitaten: «Multum, non multa», mit der Anmerkung: Viel, nicht Vielerlei, d. h. in die Tiefe, nicht in Breite gehen. Geprägt habe das Wort Plinius der Jüngere (61/ 62 bis 113). Also musste es schon damals Viel- und Besserwisser gegeben haben. Viel Wissen ist noch nicht Bildung.

Es war, den Büchmann durchblätternd, klar, dass er von Auflage zu Auflage ergänzt wird. «Ping-Pong-Politik» wurde 1971 zum Geflügelten Wort, als eine chinesische Mannschaft im Wettkampf mit westlichen Mannschaften auftrat und dieses Wort auf die Politik zwischen den USA und China übertragen wurde.

Die Sprache erfindet immer neue eingängige Worte. So ärgert sich der Schriftsteller Martin Suter über den Begriff Work-Life-Balance und sagt «Work ist doch Life». Dieser Einwand von Suter würde verdienen, in den Büchmann aufgenommen zu werden, denn das Wort war nie so aktuell wie heute. Worin besteht denn die aufgeregte Suche nach einer Balance? Die Arbeit gehört zum wesentlichen Teil des Lebens. Damit sie nicht zu sehr ermüdet, gibt es Urlaub und das freie Wochenende. Diese können so gestaltet werden, dass ein Ausgleich zur Arbeit entsteht. Der von Suter gerügte Begriff auf Englisch ist wie ein versteckter Anspruch, immer mehr Zeit für das Vergnügen zu erzwingen.

Im Büchmann findet sich das Geflügelte Wort «Das Recht auf Arbeit», welches Charles Fourier (1772-1837) geprägt hat. Es wurde in Zeiten der Arbeitslosigkeit zu einem Kampfruf des Sozialismus. Ich schlage vor, ihm «Pflicht zur Arbeit» gegenüberzustellen. Auch der Satz «Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen» wird im Büchmann zitiert. Er stammt aus dem Alten Testament, findet sich bei Hiob und Jeremias. Der Evangelist Matthäus verwendet ihn und Paulus im Thessalonicher-Brief. Dieser Satz begründet eine «Pflicht zur Arbeit».

Im Büchmann treffen Lesende auf Sisyphusarbeit. Man gebrauche das Wort, wenn jemand eine mühevolle und eigentlich nicht lohnende Arbeit verrichten muss. Sisyphus wird von den Göttern betraft, einen Felsbrocken auf den Berg zu schieben, der ihm oben entgleitet und er die Arbeit wiederholen muss. Die Götter verfügten die Strafe, weil er den Totengott Thanatos gefesselt hatte.

Es gibt unter den Philosophen nur einen, der den Sisyphus versteht. Er schreibt: «Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen.» Camus erinnert daran, dass man froh sein muss, eine Arbeit oder Aufgabe, wie auch immer, zu finden.

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