So surreal der Ausstellungstitel «Vorhang fällt Hund bellt», so humorvoll, hintergründig und sinnlich begegnen uns die Werke von Klodin Erb im Aargauer Kunsthaus. Es ist ihre bisher grösste Einzelausstellung. Die Kunstschaffende zählt zu den bedeutendsten Schweizer Künstlerinnen der Gegenwart. 2022 wurde sie für ihr rund 30-jähriges Schaffen mit dem renommierten Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet.
Die Ausstellung Klodin Erb – Vorhang fällt Hund bellt im Kunsthaus in Aarau ist wie ein Film angelegt, inszeniert wie ein Theaterstück. Jeder Raum überrascht mit neuen Sequenzen. Im ersten Raum inszeniert sich Der Vorhang theatralisch. Noch ist der schwere königsblaue Samtvorhang geschlossen und hochgezogen. Doch dreimal in der Stunde saust er krachend herunter und legt eine lachsrosa Seidenschicht frei. Erschrocken erfährt die Besucherin ganz real die Symbolik hinter dem Werk: Verletzlichkeit und Macht, Zerstörung und Erneuerung. Klodin Erbs Kunst geht unter die Haut. Ihre Bildwelten sind vielschichtig, ernst, humorvoll, sinnlich und durchdacht. Alte und neue Arbeiten gehen ineinander über.
«Der Vorhang», 2000/2018, Installationsansicht
Die Werke der 1963 in Winterthur geborenen Klodin Erb sind in verschiedenen Museen vertreten. Von der Ölmalerei, über textile Installationen und Videos bis hin zu Arbeiten auf Papier greift sie auf verschiedene Medien zurück. Dennoch sieht sie sich in erster Linie als Malerin. Transformation, Metamorphosen bilden den Grundtenor ihres Schaffens. «Unsere eigene Transformation ist lebensnotwendig. Wir sind jederzeit frei, unsere Meinung zu ändern, bei null zu beginnen, um jemand oder etwas anderes zu werden», sei ihre Botschaft, schreibt die Kuratorin Céline Eidenbenz im Ausstellungskatalog.
«The Sweet Lemon Ballad», 2016. Der Ausschnitt aus dem Video erinnert an Giuseppe Arcimboldos Porträt mit Früchten aus dem 16. Jahrhundert. Filmstill rv
Das Video The Sweet Lemon Ballad verbindet Musik, Malerei und Performance. Die Künstlerin schlüpft in ein gelbes Häkelkostüm und inszeniert sich als Zitrone zwischen Subjekt und Objekt in einem immer wieder neuen Umfeld. Eine Zitrone fällt aus einem Gemälde, wandelt sich, landet in Meret Oppenheims Pelztasse und wandert durch verschiedene grosse Meisterwerke. Mithilfe von Träumen, Humor und Vorstellungskraft lädt Klodin Erb dazu ein, die Wahrnehmung der Realität zu verändern und folgt so den Surrealisten, auch mit Readymade und Pop-Art, und sagt: «Ich wäre selbst gerne eine Zitrone».
Serie «Orlando», 2013-2021, ausgestellt ist die Hälfte der rund 200 Porträts.
In der monumentalen Serie Orlando nimmt die Malerin Bezug auf Virginia Woolfs gleichnamigen Roman aus dem Jahr 1928, in dem die Hauptfigur über 500 Jahre lang lebt und das Geschlecht wechselt. In rund 200 kleinformatigen Porträts erzählt der Werkzyklus von einer Identität im Wandel durch Zeiten, Körper, Klassen und Kulturen. So erscheinen nebeneinander Gesichter von Politikern neben Popkultur-Ikonen wie Amy Winehouse, aber auch Tiere, Objekte und Fantasiegestalten in verschiedenen Malstilen.
Installationsansicht: «Plant’s Life», 1999-2025, und an der Wand die Serie «Ahnen», 2011
«Kann der Tod auch ein Fest sein?» In diesem Raum setzt sich die Künstlerin mit der Vergänglichkeit auseinander. Nicht als Ende, sondern als Weiterentwicklung, aus der Neues entstehen kann. Zwischen funkelnder Discokugel, spiegelndem See und einem Todeswald entsteht eine feierliche Atmosphäre. Die Serie Plant’s Life schafft mit Readymade- und Pop-Art-Ästhetik Symbole, welche die Entfremdung von der Natur verkörpern. Künstliche, mit floralen Stoffen umkleidete Topfpflanzen auf verschiedenen Haushaltmöbeln verweisen auf die Transformation organischen Lebens in sterile Designobjekte. In der Bildserie Ahnen an der Wand werden Porträts als eine Art zeitgenössischer Vanitas-Stillleben in Totenschädel verwandelt.
Blick in die Ausstellung: Serie «venusinfurs», 2016
Theatralisch wie in einem barocken Ballsaal ist auch die Serie venusinfurs inszeniert. Riesige Gemälde stehen wie Kulissen mitten im Raum. Beidseitig bemalt handeln sie von Sexualität, Weiblichkeit und kreativer Kraft. Zwischen weiblichen Schenkeln schweben Blüten, Zitronen, Muscheln, Ketten, Bänder, immer wieder auch in Verbindung mit Wasser. Üppige textile Bordüren nehmen das Kolorit der Malerei auf und schaffen dekorative Rahmen. Der Titel verweist auf den Song Venus in Furs von Velvet Underground und auf die Novelle Venus im Pelz (1870) von Leopold von Sacher-Masoch.
«Cerberus», 2001, statt dem furchteinflössenden Höllenhund aus der griechischen Mythologie begegnen wir einer harmlosen Hundehütte, der Hund bleibt unsichtbar, nur das Bellen ist hörbar.
Der Ausstellungstitel Vorhang fällt Hund bellt lässt eine Frage offen: Den fallenden Vorhang erleben wir im ersten Raum, und wo bleibt der bellende Hund? Im Innenhof hören wir es bellen. Doch kein Hund wedelt mit dem Schwanz oder fletscht mit den Zähnen, nur eine leere Hundehütte mit rot leuchtendem Eingang steht hier. In der Installation Cerberus verbindet die Kunstschaffende Mythos mit dadaistischer Ironie. Der dreiköpfige Höllenhund Cerberus aus der griechischen Mythologie bewacht den Eingang zur Unterwelt, doch hier hören wir nur sein Bellen.
«Planetarium», 2025. Das Sternzeichen Zwillinge und die Sternbilder Schwan und Fuchs auf einem Abschnitt des dreiteiligen Gemäldes.
In der Serie Planetarium werden auf drei grossformatigen Gemälden astrologische Zeichen fantasievoll mit Sternbildern kombiniert. Zwillinge, Wassermann oder Fisch erscheinen neben Sternbildern wie der Schwan, Fuchs oder das Einhorn. Klodin Erb liess sich dafür von Karten aus dem Familienarchiv inspirieren. Mit Blick in die Vergangenheit und auf die aktuelle Popularität von Astrologie fragt sie nach dem Einfluss kosmischer Kräfte auf unser Leben.
Titelbild: Installationsansicht. Foto: rv Fotos: © David Aebi, Burgdorf
Bis 4. Januar 2026
Klodin Erb – Vorhang fällt Hund bellt, im Aargauer Kunsthaus in Aarau
Publikation: Künstlerinnenbuch mit vertiefenden Texten (Deutsch/Französisch), Hrsg. Céline Eidenbenz / Sarah Mühlebach. Die Seiten der Publikation sind in der Mitte geteilt, was eine unendliche Kombination von Bild und Text ermöglicht. CHF 39.00

