An der Seniorenuniversität Bern hat Michael Hermann aufgezeigt, wie das Volksabstimmungen beeinflussende «Jetzt-bin-ich-dran-Prinzip» das Verhältnis zwischen Jung und Alt in der Schweiz verändert. Einen Generationengraben sieht der Politgeograf aber (noch) nicht.
Das «Generationenbarometer» ist eine repräsentative Studie, welche vom Forschungsinstitut «Sotomo» im Auftrag des Generationenhauses Bern in regelmässigen Abständen durchgeführt wird. Die Studie erschien in diesem Jahr – nach 2020 und 2021 – zum dritten Mal.
Das Forschungsinstitut hatte insgesamt 2754 Personen ab 18 Jahren aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz befragt und die Antworten ausgewertet. Die Ergebnisse sind statistisch gewichtet und somit repräsentativ für die sprachlich integrierte Wohnbevölkerung.
Als Konfliktlinie im Vordergrund stand 2020 die Vermögensschere. 2021 erhielten die Corona-Massnahmen besondere Aufmerksamkeit. Der Fokus hat sich 2025 erneut verschoben: Neu wurden – vor allem von den Jungen – Interessengegensätze zwischen älteren und jungen Menschen wahrgenommen und in der Umfrage auch benannt. Zwar ortet nur jede fünfte Person über 45 Jahre einen eigentlichen Generationengraben. Aber eine Mehrheit der 18- bis 25-Jährigen findet, dass Jung und Alt in der Schweiz auseinanderdriften..
Kein Generationenkonflikt
In einem spannenden Referat vor der Seniorenuniversität Bern relativierte der Politgeograf und «Sotomo»-Mitbegründer Michael Hermann vergangenen Freitag die These vom angeblichen «Generationenkonflikt». «Einen tiefen Graben gibt es nicht», sagte er in der Aula der Universität Bern, die bis auf den letzten Platz besetzt war. Andere Bruchlinien in der Gesellschaft würden stärker empfunden.
So finden 66 Prozent der Befragten, die Schweiz drifte politisch zwischen rechts (SVP) und links (SP/Grüne) auseinander. 65 Prozent erkennen eine wachsende Kluft zwischen arm und reich. 51 Prozent sehen einen Stadt-Land-Graben. 43 Prozent finden, die Interessenkonflikte zwischen Schweizern und Ausländern nähmen zu.
Repräsentative Wahrnehmungen: Wo sich gesellschaftliche Gräben öffnen….
Gibt es dafür Gründe? Hermann glaubt, dass der politische Graben zwischen rechts und links vor allem medial bedingt ist. Seit die Politikerinnen und Politiker unter intensivster Beobachtung durch die Medien stünden, sähen sie sich gezwungen, sich vom politischen Gegner abzugrenzen und immer extremere Positionen einzunehmen. Ohne die mediale Aufmerksamkeit wären sie vermutlich eher zu Kompromissen bereit, vermutet der Politgeograf. Neu sei, dass die Regierungen und Parlamente der grossen Städte (Bern, Zürich, Basel) immer radikaler eingestuft würden. «So links wie Bern kann man eigentlich gar nicht sein», sagte Hermann mit einem Augenzwinkern.
Die Schweiz bricht nicht auseinander
Dennoch: Die zum Teil historisch bedingten «Gräben» führten nicht zu einem Auseinanderdriften der Schweiz, glaubt Hermann. Die unterschiedlichen Konfliktlinien sorgten regelmässig zu neuen Allianzen. Das gelte insbesondere nach Volksabstimmungen. So seien die Abstimmungsverlierer von gestern möglicherweise die Abstimmungsgewinner von morgen. Und umgekehrt. Zur Integrationskraft der direkten Demokratie gehöre auch das Vertrauen in die Urteilskraft der Stimmbevölkerung. Dieses Vertrauen stärke den gesellschaftlichen Kitt, findet Hermann.
Dass komplexe Vorlagen nicht immer von allen bis ins Detail verstanden würden, findet der Meinungsforscher nicht weiter tragisch. Es gehe primär um den Prozess der direkten Demokratie. Für die Meinungsbildung seien die Medien sowie der öffentliche Diskurs viel wichtigere Faktoren als das Anliegen, alles zu verstehen.
Trotz des sprachlichen, kulturellen und konfessionellen Flickenteppichs bleibe der Zusammenhalt in der Schweiz traditionell stark. Einen Grund sieht Hermann im grossen Verständnis der Arbeitnehmerschaft für die Anliegen der Wirtschaft. Dieses Verständnis sei in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt in Volksabstimmungen zum Ausdruck gekommen. Als Symbolbild zeigte er in Bern ein Foto aus Langenthal: Auf dem Bild sind die Patrons der Unternehmerfamilie Ammann, gemeinsam mit der Belegschaft, zu sehen: Ausdruck eines liberalen Gemeinsinns, von Klassenkampf keine Spur.
Historisches Unternehmensfoto der Firma Ammann: Chefs und Arbeitnehmende – einvernehmlich vereint.
Interessant findet Hermann, dass gemäss dem neusten Generationenbarometer die jüngere Generation deutlich pessimistischer in die Zukunft schaut als die älteren Befragten. Offenbar nähmen die Lebenszufriedenheit und das Vertrauen in die eigene Zukunft tendenziell ab. Obwohl die Generation Z eigentlich mehr Handlungsspielraum zur aktiven Gestaltung hätte als andere Altersgruppen. Leider nähmen die Jungen diese Chancen insbesondere bei Volksabstimmungen nicht wahr, findet der Referent.
Aus Optimismus wird Pessimismus
Nach dem Zweiten Weltkrieg bis Ende der sechziger Jahre war dies noch umgekehrt. Aufgrund der wirtschaftlichen und technischen Entwicklungschancen sei der Zukunftsoptimismus bei den Jungen grösser gewesen als heute. Im allgemeinen Nachkriegs-Aufbruch hätten die Jungen ihre Chancen gesehen und wahrgenommen.
Die 1968er-Revolte brachte die Wende: Optimismus und Pessimismus bezüglich Zukunft hielten sich in den siebziger Jahren die Waage. Seit Corona, so Hermann, habe sich die Meinung verfestigt, dass es der ältere Mittelstand im Leben einfacher habe als die Jungen, und von diesen insgesamt mehr erwartet werde.
Durch welche Faktoren werden der gesellschaftliche Zusammenhalt, die generationenübergreifende Solidarität, der Gemeinsinn heute bedroht? Hermann glaubt, dass die Globalisierung, die Digitalisierung und die Auswüchse der Leistungsgesellschaft den Druck auf die Werktätigen erhöht haben. Er nennt das Phänomen, das in den letzten Jahren wichtige Volksabstimmungen entschieden hat, das «Jetzt-bin-ich-dran-Prinzip».

Wenn die ältere Generation Volksabstimmungen entscheidet…..
So habe der ältere Mittelstand die Abstimmung über die 13. AHV – Rente durch eine massive Mobilisierung entschieden. Und die Abstimmung über die Abschaffung des Eigenmietwerts sei von Hausbesitzern, Wohnungseigentümern und Stimmberechtigten entschieden worden, die sich Hoffnungen auf ein Eigenheim machten. Die Solidarität mit weniger Begüterten und mit den Jungen sei dabei auf der Strecke geblieben.
Diese Entwicklung sei, so Hermann, vom Swissair-Grounding, den hohen Manager-Löhnen und dem wachsenden Zuwanderungsdruck begünstigt worden. Insgeheim dächten heute viele Stimmbürgerinnen und Stimmbürger: In den vergangenen Jahren profitieren andere, jetzt sind wir daran. Im Generationenbarometer komme dieser Stimmungsumschwung deutlich zum Ausdruck: Die neuen Verlustängste hemmten die Risikobereitschaft und Innovationsfreude insbesondere der jungen Generation.

Hermanns Appell an die Jungen: Geht abstimmen.
So gehen die Empfehlungen des Meinungsforschers vor den Mitgliedern der Berner Seniorenuniversität primär an die Jungen: Diese täten gut daran, sich durch Teilnahme an Abstimmungen und Wahlen an der direkten Demokratie zu beteiligen. Eine offene Debatte fördere den Diskurs über divergierende Interessen und verhindere, dass sich neue Gräben öffneten.
Eine Lanze brach Hermann schliesslich für die Senkung des Stimmrechtalters auf 16 Jahre. Es wäre an der Zeit, die Jugend früher in politische Entscheidungen miteinzubeziehen. Ausserdem müsse vor den neuen Verträgen mit der Europäischen Union niemand Angst haben. «Diese fördern Innovationen. Und in Sachen Innovation sind wir Schweizerinnen und Schweizer nicht die Schlechtesten.»
Fotos/Illustrationen: PS/ Pixabay/ Generationenhaus
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