Früher sassen die Wirtschaftsführer der Schweiz, auch die »Gnomen» von der Bahnhofstrasse in Zürich, allesamt von der FDP oder nah, quasi im Vorzimmer des Bundesrates. Jetzt sassen sie, schön aufgereiht vor einem wuchtigen Chefpult im Oval Office des US-Präsidenten. Trump liess sie gnädig vortragen, was sie sich selbst vorgenommen haben: Trump gnädig zu stimmen. Sie waren wohl überzeugt davon, dass sie es schaffen, was dem Bundesrat bislang nicht gelang: Als Deal-Maker den obersten Deal-Maker der Welt zu überzeugen, dass er die verhängten Zölle auf Schweizer Exporte von 39% markant senken wird. Trump jedenfalls fühlte sich geschmeichelt und lobte das Treffen über den grünen Klee. Ob er auch entsprechend zu handeln gedenkt, wird sich zeigen. Immerhin: Trump hat zunächst Jamieson Gree, seinen Handelsbeauftragter angewiesen, mit Bundesrat Guy Parmelin und Helene Budliger, der Seco-Chefin, die Gespräche wieder aufzunehmen. Den ersten Video-Call bezeichnete Parmelins Departement als «sehr konstruktiven Dialog» und schrieb von einer «guten neuen Dynamik».
Schon einmal lag Trump ein für die Schweiz gutes Verhandlungsergebnis vor, das er aber dann über den Haufen warf und die 39% festlegte. Auch diesmal ist es nicht anders. Trump scheint neue Hürden aufzubauen. Wie mehreren Quellen zu entnehmen ist, soll die Schweiz US-Sanktionen mittragen und China verbieten, in Schweizer Unternehmen zu investieren oder Firmen zu übernehmen. Was Schweizer Medien als Durchbruch bezeichnen, könnte sich als Bumerang erweisen. Da können die Herren Wirtschaftsvertreter nicht helfen. Da muss der Bundesrat an diese heiklen Fragen dran, welche die Souveränität unseres Lands einschränken würden. Trump vertritt ja nicht nur geopolitische USA-, sondern auch persönliche Interessen. Noch kein US-Amerikanischer Präsident hat seine eigenen Taschen und die seiner Familie derart gefüllt wie Trump. Oligarchische Zustände, wie in afrikanischen Staaten, wie in Putins Russland.
Dass die Herren Daniel Jaeggi, Co-Gründer Mercuria, Alfred Gantner, Co-Gründer Partners Group, der Südafrikaner Johann Rupert, Präsident Richemont, Jean-Frédéric Dufour, Firmenchef Rolex und ihre Begleiter nicht nur die Interessen der Schweiz vertraten, sondern auch die ihrer Unternehmen, ist mehr als logisch. Allen voran der Zuger Milliardär «Fredy» Gantner, der nach einer Recherche der Agentur Reuters daran interessiert ist, seine Investments in den US-mexikanischen Gas-Pipeline-Betreiber Esentia zu erhöhen. Die Zuger Partners Group besitze seit 2014 einen Mehrheitsanteil an dem Unternehmen. Die und die weiteren Investitionen von Schweizer Unternehmen in den US-Energiesektor sollen bereits jetzt gegen 8 Milliarden Franken betragen. Was die Herren bei Trump zweifellos nicht unterschlugen, sondern gegenüber ihm am grossen Pult ins Feld führten und als gewichtigen Bestandteil bezeichneten, mit dem das negative Handelsbilanz-Defizit der USA gegenüber der Schweiz ausbalanciert werden könnte.
Gantner ist nicht nur weltweit unterwegs, er kämpft auch dafür, dass die Schweiz bleibt, was sie ist: ein starker Finanzplatz. Eine Schweiz mit einer globale Finanzindustrie, die sich nicht um das Verhältnis der Schweizer Wirtschaft, vor allem mit den unzähligen KMUs, um ein geregeltes Verhältnis zu Europa zu kümmern hat. Im Gegenteil: möglichst frei sein von Regeln und Verträgen, ist seine Maxime.
Gantner ist denn auch einer der Gründer und Financier der Kompass-Initiative, mit der die neuen Verträge der Schweiz mit der EU indirekt bekämpft werden sollen, in dem sie ein doppeltes Mehr (Volk und Stände) bei einer Volksabstimmung fordert.
Ganz anders ein anderer Zuger: Martin Pfister. Vom andern, profilierten Zuger Gerhard Pfister, an seiner Stelle auf den Schild gehoben, entwickelt sich Martin Pfister zu einer Lichtfigur im Bundesrat. Umsichtig packt er an, was an Bedeutung gewinnen muss: das VBS und damit die Armee. Er will es wissen, er analysiert, zieht zunehmend in seine Beurteilung ein, was der Verteidigungskrieg der ukrainischen Armee lehrt: starker Einbezug von Drohnen jeder Grösse und mit vielfältigsten Aufgaben. Einsatz von mobilen Luftabwehr-Teams, von unbemannten, ferngesteuerten Bodendrohnen, um die wichtigsten Errungenschaften zu nennen. Und verteidigen will er die Schweiz mit den demokratischen Staaten in Europa, im Einklang mit der Neutralität.
Und um den Kreis zu schliessen: Martin Pfister hat in einem bemerkenswerten Interview mit dem Tagesanzeiger nicht nur klar dargelegt, dass die neuen Verträge mit der EU für die Schweiz notwendig sind, die «Sicherheit der Schweiz erhöhen werden», dass sie rechtlich auch nicht einem doppelten Mehr (Volk und Ständen) zu unterstellen sind. Erfrischend ging er im Interview – im Gegensatz zu den meisten Politikern – direkt auf die Fragen ein, ohne Zaudern oder Zögern. Er hat sich vor der Wirtschafts-Lobby nicht zu fürchten, auch wenn er kein Deal-Maker ist.


Auch ich habe für unseren smarten BR Martin Pfister nur positive Vibes für seine Aussagen und Herangehensweise wie er gedenkt, die vielfältigen Aufgaben in einem derart grossen und überfrachten Departement VBS zu meistern. Wir können uns glücklich schätzen, dass die Wahl auf diesen mutigen Politiker gefallen ist. Hier der eindrückliche Mitarbeitenden-Clip des VBS:
https://www.vbs.admin.ch/de/clip-wir-sind-das-vbs
Bundesrat Martin Pfister respektiert das Prinzip der Kollegialität im Bundesrat. Und das ist gut so. National- und Ständerat hingegen – im Gegensatz zum offensichtlich verhandlungsmüden Bundesrat – sollten sich hüten, das erfolgreiche und bewährte «Modell Schweiz» für allfällige kurzfristige Vorteile preiszugeben und in gewissem Sinne zu verraten. Die EU-Verträge, so wie sie angelegt sind, bedeuten schlichtweg das Ende der Unabhängigkeit unseres Landes und dürften unsere direkte Demokratie – die DNA unseres politischen Selbstverständnisses – über kurz oder lang einschränken. Denn die im Vertragswerk für alle Zeiten verankerte dynamische Rechtsübernahme birgt zu viele nicht voraussehbare Risiken in sich. Es bleibt zu hoffen, dass der Souverän, der das letzte Wort hat, dieser Gefahr Rechnung tragen wird.
Immerhin wäre zu bedenken, was unsere sog. Unabhängigkeit noch wert ist, wenn wir wegen einer nicht voraussehbaren Situation einer möglichen Rechtsübernahme. bei der uns bei Uneinigkeit gestattet wird, unsere eigene Justiz ins Boot zu holen, wir die Loyalität zu unserem wichtigsten Handelspartner auf’s Spiel setzen wollen. Fraglich auch, ob die Europäischen Staaten in einem Kriegsfall noch loyal der Schweiz gegenüber wären.
Sehr geehrte Frau Mosimann
Ich teile Ihre Sorgen. BR Pfister steht vor einer Herkules-Aufgabe. Der Traum einer «Schweiz ohne Armee» ist m.E. ausgeträumt. Die Herausforderungen bezüglich Sicherheit sind gewaltig. Auf viele Fragen gibt es keine einfache Antworten. Der Rest ist Überzeugung. Nachfolgend mein Standpunkt, den ich am 10. November 2025 unter «Meinung und Debatte» in der NZZ dargelegt habe. Mit dennoch zuversichtlichem Gruss!
«Einmalige Stellung in Europa / Wo auf der Welt unterstellt sich ein freies Land ohne Zwang fremden institutionellen Regeln und fremder Rechtsprechung («Teile der FDP treten nicht mehr für den Liberalismus ein», NZZ 4. 11.25)? 1815 gewährte der Wiener Kongress der Schweiz mit der bewaffneten Neutralität eine einmalige Stellung in Europa. Die Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848, das Werk der radikal-liberalen Bewegung, sprich der «Freisinnigen», stand am Anfang unserer weltweit respektierten Unabhängigkeit und volksnahen direkten Demokratie. Erfreulicherweise regt sich in Teilen des Freisinns das historische Bewusstsein, dass das durch den Volkswillen entwickelte politische Modell Vorrang vor kurzfristigen wirtschaftlichen Überlegungen hat. Denn das bewährte Alleinstellungsmerkmal «Schweiz» steht der beträchtlichen Ungewissheit gegenüber, die eine fremdbestimmte dynamische Rechtsübernahme in sich birgt.
Roman G. Schönauer, Zürich»