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«Ich brauchte meinen eigenen Lebensinhalt»

Mit «CRU RICHE» hat Eveline Räz-Rey im Jahr 2012 eine Schokoladenmarke kreiert und sich so einen eigenen Lebensinhalt geschaffen. Auslöser war die Parkinsonerkrankung ihres Ehemannes. Ein Porträt der initiativen Unternehmerin.

An der Jubiläumsfeier «50 Jahre Matura» verteilte unlängst eine Frau leckere Pralinen. Was steckt hinter der Aktion der Mitschülerin, die – wie ich – von 1971 bis 1975 das Gymnasium Neufeld in Bern besucht hatte? Ich wollte mehr erfahren und verabredete mich mit Eveline Räz – Rey zu einem Gespräch.

Aufgewachsen ist die heute 69-Jährige im Berner Vorort Bremgarten als jüngstes von drei Kindern. In ihrer Freizeit war sie leidenschaftliche Reiterin. Nach der Matura absolvierte sie am Tierspital ein Praktikum. Dabei wurde ihr aber klar, dass sie nicht zur Tierärztin geboren war.

In den folgenden Monaten arbeitete die junge Frau in einer Metzgerei, half mit, das Elternhaus zu renovieren, machte eine Ausbildung zur Bambusflötenlehrerin und ging auf Reisen. Zurück in Bern absolvierte sie einen neu geschaffenen, zweijährigen maturitätsgebundenen Lehrgang zur Primarlehrerin. «Das war eine spannende Zeit,» erinnert sich Eveline und ergänzt: «Die Leute in meiner Seminarklasse lagen altersmässig zehn Jahre auseinander und gehörten sechs verschiedenen Konfessionen an.» Das Studium bestand mehrheitlich aus didaktisch-psychologisch-pädagogischen und musischen Fächern. Als Instrument belegte sie Orgel.

Die initiative Unternehmerin in ihrem Café in Rheinfelden.

Erfahrung als Primarlehrerin

1978 stieg sie in Lehrerinnenberuf ein. Zuerst unterrichtete sie in Kandersteg ein halbes Jahr lang einen Achtklässler, der nach einem Unfall ein Bein verloren hatte. Morgens ging dieser regulär in die Schule. Nachmittags fuhr sie mit ihm Ski und gab ihm Nachhilfeunterricht. Nach dieser Erfahrung arbeitete sie im Teilpensum als Primarlehrerin in Burgdorf, wo sie neun verschiedene Klassen in fünf Schulhäusern unterrichtete.

1979 lernte sie ihren späteren Ehemann Bernhard kennen. Dieser hatte in Burgdorf studiert und arbeitete inzwischen in Basel bei Ciba, kehrte aber regelmässig nach Burgdorf zurück, um an Anlässen seiner Studentenverbindung teilzunehmen. Da Eveline und ihr Freund einen Citroën 2CV besassen, machten sie Ausflüge mit den «Berner Mutzenpfündern», einem 2CV-Club. Bernhard war Oberländer, fuhr im Winter leidenschaftlich gerne Ski und segelte im Sommer auf dem Thunersee.

1982 heirateten Eveline und Bernhard. 1985 erhielt der Ciba-Angestellte Gelegenheit, in New Jersey (USA) ein Auslandjahr zu absolvieren. In dieser Zeit reisten die beiden viel und empfingen Besuch aus der Schweiz. Zurück im Basel, gab Eveline an einer Privatschule Unterricht und wechselte zur Patria-Versicherung, wo sie – zusammen mit einem Juristen – für das Ausstellen von BVG-Basisverträgen zuständig war.

Kinderwunsch erfüllt

1988 kam Sohn Adrian auf die Welt. 1990 folgte Sohn Christian. Von da an war Eveline in erster Linie Hausfrau und Mutter. 1992 zog die Familie nach Grossbritannien, wo Bernhard in der Hafenstadt Grimbsy für Ciba tätig war. Eveline schätzte die Offenheit des englischen Schulsystems und machte an mehreren Schulprojekten mit. 1997 kehrte die Familie in die Nordwestschweiz zurück und baute in Magden (Kanton Aargau) ein eigenes Haus. Bernhard arbeitete ab dann für Novartis.

Katastrophenjahr 2000

Im Jahr 2000 brach ein Doppelschlag über die Familie herein. In der Novartis-Fabrik, in welcher Bernhard verantwortlich  war, kam es zu einer Explosion. Aufwändige Untersuchungen belasteten die Unternehmensleitung. In derselben Woche wurde bei Bernhard Parkinson diagnostiziert. Die Krankheit zwang den Familienvater, sein Pensum zu reduzieren. Eveline stieg am Mathematischen Institut der Universität Basel wieder in die Erwerbstätigkeit und übernahm Stellvertretungen für  Englischunterricht.

Kunstkarten waren ein wichtiges Produkt der Firma «SchenkART».

Trotz guter Pflege und Therapien verschlechterte sich Bernhards Gesundheitszustand. Als Eveline arbeitslos wurde, gab ihr das RAV Gelegenheit, einen Kurs zu besuchen und sich zur selbständigen Unternehmerin ausbilden zu lassen. 2005 hatte sie eine Idee: Weil das Porto für Paketpost stieg, gründete sie ein Einzelunternehmen und vertrieb in der Folge Geschenke sowie Karten, die sich als Briefpost verschicken liessen. Ihre erste Firma nannte sie «SchenkART».

2012 gründete Eveline Räz – Rey die Schokolademarke CRU RICHE und den Verein Yayra Glover, der die Bio-Kakao-Initiative in Ghana unterstützte. Da der Ehemann inzwischen voll pflegebedürftig geworden war, zog das Paar nach Rheinfelden in eine behindertengerechte Wohnung. Eveline, die von professionellen Pflegefachpersonen unterstützt wurde, eröffnete im selben Quartier einen Kaffeeladen. 2022 starb Bernhard. Eveline blieb im Quartier, wo sie sich heute mit Elan und viel Passion ihrem Lebenswerk widmet.

Bei der Verabschiedung verrät mir die Wahl-Rheinfelderin: «Ich fahre immer wieder gerne nach Bern, denn im Herzen bin ich Bernerin geblieben.»

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Kurzinterview:

Seniorweb: Inwiefern hat die Krankheit Ihres Mannes Ihr Leben verändert?

Ich habe 2003 in der Zeit den Kurs «Dich pflegen und für mich sorgen» besucht und mich intensiv mit meiner Zukunft auseinandergesetzt. Schnell wurde mir klar, dass ich parallel zur Pflege meines Mannes einen eigenen Lebensinhalt brauchte. Daraus ist dann 2005 meine erste Selbständigkeit SchenkART entstanden, ein Ein-Frau-Unternehmen mit nachhaltigen Geschenkideen, vor allem für Geschäftskunden. Ab 2012 folgte der Launch der Schweizer Schokoladenmarke CRU RICHE.

Ihr Mann hat gesundheitlich abgebaut, sie haben beruflich ausgebaut. Wie passt das zusammen?

Eveline Räz-Rey: Es ist eine Frage von der Balance «In-sich-hören – was brauche ich?». Jeder benötigt etwas anderes, um in Balance zu bleiben. Dafür gibt es kein Rezept. Wichtig ist, offen zu sein und zu spüren, was einem Energie gibt. Für mich war und ist das, meiner Arbeit und Passion folgen zu können. Meinem Mann habe klar gesagt: «Wenn du Hilfe brauchst, dann frage danach.» Anstatt permanent Hilfestellung zu geben, habe ich ihm damit die Verantwortung übertragen. Für eine respektvolle Partnerschaft war das sehr wichtig.

Welche Bedeutung hatten Kristalle für Ihren Mann?

Er war ein leidenschaftlicher Segler und Strahler. Als er aufgrund der Parkinsonerkrankung nicht mehr segeln konnte, hat er seine Jolle verkauft und von dem Ertrag zwei grosse Bergkristalle gekauft. Diese Bergkristalle haben ihm bis zum Schluss Kraft gegeben. In den Bergen hat er auch seinen eigenen Grabstein gefunden, bearbeitet und 2012 einem Steinmetz übergeben.

300 bis 400 Bergkristalle hat mein Mann gesammelt. In einer Vitrine ausgestellt, waren diese Steine eine wunderbare Erinnerung an wertvolle Lebensinhalte. Die Kristalle wurden nach seinem Tod in seine Abschiedsfeier integriert: Jeder und jede durfte einen Bergkristall mit nach Hause nehmen. Die Idee, dass Familie und Freunde seine geliebten Steine bei sich behalten, hatte meinem Mann sehr gefallen.

Für Ihr Schokolade-Projekt arbeiten Sie mit dem Chocolatier Ruedi Berner und dem ghanaisch-schweizerischen Doppelbürger Yayra Glover zusammen. Wie kamen die Kontakte zustande?

Eveline Räz-Rey mit dem ghanaisch-schweizerischen Doppelbürger Yayra Glover.

Als Unternehmerin suchte ich nach einer Möglichkeit, Schokolade-Geschenke in einem Umschlag zu verschicken. Ein Treffen mit Ruedi Berner, ehemals Chocolatier in Rheinfelden, wurde zu einem Glücksmoment. Berner verarbeitete Felchlin- Schokolade. Aus der Zusammenarbeit mit Felchlin ergab sich die Mitarbeit im Yayra-Glover-Projekt in Ghana.

Yayra lebte ursprünglich im Luzernischen Willisau. Er ging 2007 zurück nach Ghana und gleiste mit Unterstützung des Seco ein Bioprojekt «nachhaltiger Kakao» auf. Yayras Engagement hat mir sehr imponiert. So entschloss ich mich 2012 nach dem Launch meiner eigenen Schoggi-Marke, mit Yayra zusammenzuarbeiten. Ein von mir und Ruedi Berner gegründeter Verein hat uns dabei mit Darlehen unterstützt.

Den Verein haben Sie inzwischen aufgelöst und eine Aktiengesellschaft gegründet. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Lebenswerks?

In Ghana haben wir Hilfe zur Selbsthilfe geleistet, beruhend auf Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit. Nun möchte ich Menschen finden, die meine Vision in meiner AG mittragen. Einen Chocolatier mit demselben Zukunftsbild zu finden – das wäre mein grosser Wunsch. Vielleicht wird meine Schokolade sogar eines Tages in Ghana produziert und schafft dort weitere Arbeitsplätze.

LINK

CRU RICHE – Praline im Briefformat

Titelbild: Eveline Räz-Rey vor ihrem Café in Rheinfelden. Foto PS. Weitere Fotos ZVG

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CRU RICHE

Der Kakao, den die Firma Felchlin aus Ghana einkauft, stammt aus dem Suhum-Kraboa-Coaltar-District, 60 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Accra. Gegen Süden des Gebietes erstreckt sich die Küstensavanne, gegen Osten bildet die Aburi-Hügelkette die natürliche Abgrenzung und im Nord-Westen der geschützte Attewa Wald. Der ganze Distrikt ist relativ hügelig, mit flachen Tälern, durchzogen von Flüssen und Bächen.

Vater des Projektes “Suhum Cacao” ist Yayra Glover, ein Ghanaer mit starker Verwurzelung in der Schweiz. Er hat in unserem Land studiert, viele Jahre lang gearbeitet und seine Familie lebt ebenfalls hier. Seine Vision ist es, den Kakao des gesamten Distrikts als Bio- und Fairtrade-Kakao auf den Markt zu bringen. Damit unterstützt er seine Landsleute in der Herstellung eines erstklassigen Rohstoffes und hilft ihnen auf diese Weise, ihre Existenzgrundlage zu sichern.

Das Kakao-Anbaugebiet umfasst rund 400 Quadratkilometer mit rund 5000 Kleinbauern, welche auf einer Fläche von rund 6500 Hektaren ihren Kakao erzeugen. Bis anhin trat einzig der Staat als Verkäufer von Kakao auf. In aufwändiger Arbeit ist es Yayra Glover gelungen, das “Ghana Cocoa Board” von seinem Projekt zu überzeugen. Er ist somit als Erster autorisiert, mit Genehmigung des «Cocoa Boards» den Bio-Kakao aus dem Suhum District in die eigene Lagehalle beim Hafen Tema zu bringen und von dort an Felchlin zu verkaufen.

Die Schokoladenmarke CRU RICHE arbeitet direkt mit Yayra Glover zusammen.
Kakaowälder brauchen Verjüngung. Hochwertiger Kakao benötigt gesunde Mischwälder mit grossen Schattenbäumen. Kokospalmen steigern den Ertrag. Auch Schulen wie in den Dörfern Zorh und Ateibu stärken in Suhum die Menschen und die Wirtschaft. In diesen Bereichen unterstützt CRU RICHE die Arbeit von Yayra Glover seit 2012 tatkräftig. Für jedes Kilo verkaufter Schokolade geht ein Fünfliber an die Kakaobauern in Zorh und Ateibu.

Ende 2012 geriet das Kakaoprojekt in Ghana in eine kritische Lage. Der Verein Yayra Glover unterstützte mit Darlehen im entscheidenden Moment und übernahm die Leitung des bestehenden SECO-Projektes «Scaling up Organic Cocoa in Ghana».
Diese Arbeit konnte 2017 erfolgreich abgeschlossen werden. Es gab immer wieder Herausforderungen in Ghana zu überwinden, aber 2020 konnte Yayra Glover sämtliche Darlehen rückerstatten. Der Verein hatte seinen Zweck erfüllt und wurde 2023 aufgelöst.

Seit 2022 gibt es dank der Initiative der Firma Felchlin eine Krankenversicherung für die Kakaobauernfamilien. Dafür erhielt Felchlin im Mai 2025 den Swiss Ethiks Award.
CRU RICHE finanziert für 80 Familien in Ateibu diese Krankenverischerung, Unsere Schoggi kann ihre Armut abwenden. Die Nationale Krankenversicherung Ghanas und die Leistungen für «Essential und Emergemcy Coverage» bringen ihnen Sicherheit. Die Gesundheit der Bauernfamilien fördert nicht nur das Kakako-Engagement, sondern schützt die Haushalte vor Verarmung und eröffnet neue Perspektiven! PD

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